Donnerstag, 23. Februar 2017

8. Workshop der AG Computer-Anwendungen und Quantitative Methoden in der Archäologie (CAA) in Heidelberg, 10.-11.02.2017

Ein Beitrag von Sonja Speck.
 
Ein wichtiger Teil meines Dissertationsvorhabens über Körperkonzepte in ägyptischer prä- und frühdynastischer anthropomorpher Plastik ist die Untersuchung der Entwicklung von Körperproportionen anhand von 3D-Modellen der entsprechenden anthropomorphen Figuren. Gemeinsam mit Kollegen habe ich ein modulares, automatisiertes System für die 3D-Dokumentation archäologischer Objekte entwickelt. Dieses System ist sehr flexibel und wurde durch kleinere Anpassungen für die Aufnahme prä- und frühdynastischer anthropomorpher Plastik nutzbar gemacht. Im Rahmen des 8. Workshops der AG Computer-Anwendungen und Quantitative Methoden in der Archäologie (CAA) vom 10.-11.02.2017 hatte ich die Gelegenheit, dieses System in einem Poster ("Ein modulares, automatisiertes System für die 3D-Dokumentation ägyptischer prä- und frühdynastischer anthropomorpher Plastik" von Sonja Speck, Christian Seitz, Benjamin Reh mit einem Beitrag von Anna-Lena Heusser) dem Fachpublikum zu präsentieren.

Die AG CAA ist ein international aufgestellter Verein, der den wissenschaftlichen Austausch im Überschneidungsfeld von Informatik und Archäologie fördert. Der Heidelberger Workshop ist Teil der jährlichen Treffen des deutschen CAA-Ablegers. Ziel des Workshops ist es, Forscher und Nachwuchsforscher aus Archäologie und Informatik zusammen zu bringen und vor allem aktuelle Projekte zu präsentieren. Einige der vorgestellten Projekte werden auch privat und ohne finanzielle Unterstützung durchgeführt, wenn der Bedarf groß und entsprechendes Know-How vorhanden ist. Bestes Beispiel dafür ist das von Clemens Schmidt und Dirk Seidensticker im Vortrag "neolithicRC: Eine Suchmaschine für Radiokohlenstoffdatierungen" vorgestellte Projekt, das als bestes Paper ausgezeichnet wurde.
 

Keynote-Vortrag: "Stunde Null und Cultural Heritage Data"

Den Keynote-Vortrag hielt Reinhard Förtsch vom Deutschen Archäologischen Institut über "Stunde Null und Cultural Heritage Data". Das Projekt "Stunde Null – Eine Zukunft für die Zeit nach der Krise" ist ein gemeinsames Vorhaben des DAI und seiner Partner im "Archaeological Heritage Network" (ArcHerNet), der Abteilung für Kultur und Kommunikation des Auswärtigen Amts sowie der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).
 
Ziel ist es, das im aktuellen Konflikt gefährdete und zum Teil schon zerstörte kulturelle Erbe in Syrien und im Irak für die Zukunft zu schützen und wiederherzustellen. Neben Ausbildung von Restauratoren, Bauforschern usw. und der Suche nach Strategien des Wiederaufbaus ist Forschung und Datensammlung der dritte Stützpfeiler des Projekts und Grundlage für jegliche Bemühungen des Wiederaufbaus.
 
Förtsch betonte, dass die "Stunde Null" bewusst einen anderen Weg gehen möchte als viele andere Cultural Heritage Data-Projekte. Laut Förtsch gibt es auch eine dunkle Seite der Cultural Heritage Data, die sich in vielen Projekten in kolonialistischen Perspektiven zeigt. Meist geht die Planung und Strukturierung dieser Projekte von westlichen Ländern aus, anschließend werden die erhobenen Daten den Herkunftsländern entzogen und den Menschen nicht zugänglich gemacht. Häufige Rechtfertigungen für dieses Vorgehen lauten, dass das Management der Daten technisch zu schwierig sei, um in den Herkunftsländern durchgeführt zu werden. Förtsch nennt das "Datenkolonialismus". Daher nimmt "Stunde Null" den Weg der kontinuierlichen Zusammenarbeit und Capacity Building vor Ort. Einerseits sollen diese technischen Kapazitäten durch Ausbildung und Lieferung von Hard- und Software geschaffen werden. Andererseits sollen gemeinsam spezielle und vielleicht auch einfache Lösungen entwickelt werden, die den Betrieb vor Ort ermöglichen.
 
Ein bitterer Unterton begleitete den Vortrag angesichts der großen Aufgabe, an einer Zukunft für das kulturelle Erbe Syriens und des Iraks mitzubauen, der Herausforderungen und Schwierigkeiten, die im Bereich Cultural Heritage Data schon bestanden, und der zerstörerischen Brutalität des Krieges, die Menschen und ihr kulturelles Erbe gleichermaßen zu vernichten droht. Die von Förtsch angesprochenen Probleme von Cultural Heritage Data sind nicht isoliert, sondern in die allgemeinen Probleme des Umgangs mit Daten eingebunden. Denn zurzeit sind die Möglichkeiten beim Daten-Sammeln groß, wie mit den Daten aber verfahren werden soll, ist nach wie vor ein stark umkämpftes Thema.
 

Panels und Postersession

Die beiden Panels des ersten Tages befassten sich mit Projekten im Bereich Netzwerk- und Raumanalyse. Am Abend folgte die Postersession mit 19 Postern, die jeweils durch einen einminütigen Teaser im Plenum angekündigt wurden. Der zweite Tag begann mit dem Panel zu Open Data, Datenbanken und Suchmaschinen. Den Abschluss bildete eine diverse Session mit Themen im Bereich digitale Strategien für archäologische sowie konservatorische Fragestellungen und Herausforderungen, maschinelles Lernen in der Archäologie und Dokumentationsstandards.
 
Wenn dieser Workshop eines gezeigt hat, dann, dass Computeranwendungen in der Archäologie schon lange kein Nischenphänomen mehr sind. Das interessierte Publikum musste zum Teil auf einen zweiten Hörsaal mit Video- und Live-Übertragung von Diskussionsfragen ausweichen, um die Vorträge über kleine und größere, private oder mit öffentlichen Mitteln und Drittmitteln finanzierte, aber immer innovative Projekte zu hören. Zusätzlich zu den Vorträgen muss auch die relativ große Postersession genannt werden, die die Zahl der Beiträge nochmals mehr als verdoppelte.

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