Donnerstag, 26. Januar 2017

Vortrag von Prof. Dr. Sabine Obermaier – Du bist das Tier, das du isst. Zur Symbolik von Speisetieren in der höfischen Epik des Mittelalters

Ein Beitrag von Oxana Polozhentseva. 

Die Ringvorlesung "Kult, Kunst und Konsum – Tiere in alten Kulturen", die im Wintersemester 2016/17 vom GRK 1876 organisiert wurde, erfasste die ganze Palette der in unserem Graduiertenkolleg repräsentierten Fachgebiete. Am 12. Januar 2017 trug Prof. Dr. Sabine Obermaier (Mainz, Germanistische Mediävistik) mit ihrem Vortrag zur Symbolik von Speisetieren in der Literatur des Mittelalters dazu bei.

Die Präsentation, die von der Referentin zweiteilig strukturiert wurde, umfasste sowohl konkrete Beispiele von Speiseszenen aus der mittelalterlichen Literatur und mögliche Vorgehensweisen bei ihrer Deutung (1. Teil) als auch theoretisch-methodische Reflexionen zum radikalen Umdenken der kategorialen Differenz zwischen Tier und Mensch in den modernen animal studies, die sich in der Tierforschung zur Zeit großer Beliebtheit erfreuen (2. Teil).


Du bist das Tier, das du isst./!/?

Schlichte bäuerliche Mahlzeit oder königliches Festmahl, demütigender Verzicht auf Essen im Sinne der Buße oder unkontrollierbare Maßlosigkeit bei der Esseneinnahme – in der Breite gehören Speiseszenen zum unabdingbaren Bestandteil der höfischen Epik des Mittelalters (vgl. Abb. 1). Dominierend ist in der mediävistischen Forschung die Enthüllung der sozialen und politischen Dimensionen solcher Episoden. In diesem Kontext sind die Speisetiere als Indikatoren für die Qualität, insbesondere die Exklusivität des Mahls, oder den Stand des Gastgebers und auch der Gäste bedeutend und dementsprechend sozial markiert. So weist der junge Helmbrecht, der seiner Abstammung nach ein Bauernsohn ist, aber ein Leben als (Raub-)Ritter wählt, seinem Vater wazzer, gîselitze und haber (Wasser, Getreidebrei und Haferbrot) zu, sich selbst angemessen findet er aber wîn, huon versoten und wîzen semeln (Wein, gesottenes Huhn und Weißbrot). [1] Auf diese Weise entsteht ein Antagonismus zwischen "Herrenspeise" und "Bauernspeise", der verschiedenen Zwecken in der Handlung dienen kann. Interessant ist aber auch, ob die Speisetiere in solchen Szenen eine zusätzliche symbolische Dimension erhalten, denn die Tiere selbst bilden oft einen Subtext von interpretativer Relevanz.

Abb. 1: Vier Ritter werden durch (vermutlich) den Dichter Steinmar mit Federvieh und einer Kanne Wein bewirtet. Tafel 102 aus dem Codex Manesse (ca. 1300 bis 1340). [2] 

Im Lichte dieser Hypothese ist es sinnvoll, ein von Prof. Dr. Obermaier angeführtes Beispiel genauer zu betrachten. Es stammt aus Wolframs von Eschenbach "Parzival" (1210), und zwar aus der sog. Eltern-Vorgeschichte (Gahmuret/Belakane): Gahmuret, Parzivals Vater, zieht auf der Suche nach ritterlicher Bewährung in den Orient, wo er der schwarzen Heidenkönigin Belakane begegnet. In der uns interessierenden Szene wird Gahmuret von Belakane königlich bewirtet und noch dazu eigenhändig bedient:

diu küneginne rîche
kom stolzlîch für sînen tisch.
hie stuont der reiger, dort der visch.
si was durch das hinz im gevarn,
si wolde selbe daz bewarn
daz man sîn pflæge wol ze frumen:
si was mit juncfrouwen kumen.
si kniete nider (daz was im leit),
mit ir selber hant si sneit
dem rîter sîner spîse ein teil. (V. 33,2-11)
Die Königin, in ihrem Glanz, || trat selbstbewusst an seinen Tisch – || hier gab’s Reiher, dort gab’s Fisch. || Sie war aus diesem Grund gekommen: || sie wollte selber dafür sorgen, || dass man ihn ganz nach Wunsch bediene! || Junge Damen folgten ihr. || Sie kniete hin – es war ihm peinlich; || eigenhändig schnitt sie ihm || einen Teil der Speisen vor. (V. 33,2-11) [3]

Das Verspeisen von Reihern im Mittelalter ist eher eine umstrittene Frage. Kontrovers gehen einige Wissenschaftler davon aus, dass Reiher wie auch Störche und Schwäne als Speisevögel nicht so ungewöhnlich für den Adel waren (so Ernst Schubert 2006) [4], wohingegen andere auf die Seltenheit und besondere Eigenart dieses Brauchs im Mittelalter verweisen (so Joachim Bumke 2005) [5]. Dieser Hintergrund lässt uns in der vorliegenden Speiseszene eine zweifache Konnotation vermuten. Zum einem zeigt die Formulierung hie stuont der reiger, dort der visch die Exklusivität und Exotik wie auch die Vielseitigkeit der dargebotenen Speisen: Reiher und Fisch jeweils als pars pro toto für Wildvögel und Speisetiere (vgl. Anna Kathrin Bleuler 2016) [6]. Zum anderen können Reiher und Fisch als Jäger und Beute auf Belakane und Gahmuret in doppelter Zuordnung übertragen werden: So jagt (hier: umwirbt) der Reiher Belakane den Fisch Gahmuret, bzw. der Fisch Belakane bietet sich dem Reiher Gahmuret an. Die Zugehörigkeit dieser Tiere zu den unterschiedlichen Lebensbereichen (Luft und Wasser) verweist möglicherweise auch auf die unterschiedliche Herkunft von Belakane und Gahmuret.

Dabei ist in Betracht zu ziehen, dass das Mittelalter oft auch weitere, aus moderner Sicht nicht immer offensichtliche Proprietäten (Eigenschaften) mit verschiedenen Tieren assoziiert. So gilt z. B. das Rebhuhn (Abb. 2) seit der Antike (vgl. Plinius, Naturalis Historia) als Vogel, dem maßlose Geilheit zu eigen ist (intemperantia libidinis), und auf diese Weise bekommen Szenen mit Rebhühnern eine zusätzliche semantische, d.h. eine sexuell-erotische Ebene (etwa Anspielungen auf Vergewaltigungen, Geschlechtsverwechslungen). In diesem Zusammenhang entsteht aber das methodische Problem, welche Proprietäten von den lebenden Tieren relevant sind und ob sie überhaupt anwendbar sind, wenn es sich um verspeiste Tiere handelt.

Abb. 2: Zwei Rebhühner. Quelle: http://www.geograph.org.uk/photo/4392693.


Fazit des ersten Teils

Zum Abschluss des ersten Teils ihres Vortrages betonte Prof. Dr. Obermaier die besondere Ergiebigkeit der Analyse von mittelalterlichen Speiseszenen mit Fokus auf den verspeisten Tieren. Sie dienen oft der Charakterisierung der Speisenden oder bestätigen mindestens die im Text schon vorhandene Charakterisierung der Protagonisten (auch ex negativo, z.B. wenn jemand auf das besondere Essen verzichtet). Die Tiere können der Szene einen breiteren Verständnis-Horizont geben oder intratextuelle Bezüge schaffen. Es gibt aber kein Beispiel in der mittelalterlichen Literatur, wo die Eigenschaften des verspeisten Tieres auf den Essenden übergehen. Speisetiere sind als Metaphern zu verstehen und nur in diesem Sinne gilt: "Du bist das Tier, das du isst".

Animal turn./!/?

Der zweite Teil des Vortrages war dem sogenannten animal turn in der modernen Wissenschaft gewidmet, indem Prof. Dr. Obermaier über die theoretisch-methodischen Ansätze der jungen animal studies resp. Cultural Literary Animal Studies (CLAS) reflektierte.

Der animal turn (Begriff von Harriet Ritwo) führte zu einem radikalen Umdenken in den modernen Geistes- und Kulturwissenschaften: So wird die kategoriale Differenz zwischen Tier und Mensch massiv in Frage gestellt. Können die Tiere als Akteure mit agency verstanden werden (zugespitzt: Tiere machen Dichtung, CLAS) oder sind, wie Prof. Dr. Obermaier betonte, Tiere wie auch andere Literaturwesen von Menschen ausgedacht und müssen daher als reine Objekte behandelt werden?

In den CLAS teilt man die Tiere in diegetische vs. non-diegetische/semiotische und realistische vs. phantastische Tiere ein (Roland Borgards 2016) [7]. Dabei sind die für uns interessanten Speisetiere diegetisch und realistisch, denn sie haben als Lebewesen (obwohl getötet und verspeist) ihren Platz in der erzählten Welt und handeln in einem in unserer Welt gängigen Modus. Die Referentin ging aber davon aus, dass auch diegetischen Tieren ein semantischer Mehrwert zukommen kann, womit sie eine Qualität erhalten, die für non-diegetische/semiotische Tiere charakteristisch ist. Es stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob die verspeisten Tiere im Mittelalter als Tiere oder als Fleisch wahrgenommen wurden. In der mittelhochdeutschen Literatur sind Beispiele für beide Auffassungen zu finden: so bezeichnet man einerseits die verspeisten Tiere als rinder, shaf, swîn (also als Rind, Schaf und Schwein), andererseits als wilt, zam, bachen (Wildbret, Fleisch von gezähmten Tieren, Schinken) usw.

Den CLAS liegen drei Prinzipien zugrunde – Kontextualisieren, Historisieren und Poetisieren –, die sich auf das methodische Vorgehen stark auswirken (Borgards 2016). So verweist die erste Grundregel darauf, dass ein Tiertext immer in Zusammenhang mit anderen außerliterarischen Tierkontexten wie Jagd, Zoologie usw. betrachtet werden muss. Für die Interpretation eines literarischen Tieres braucht man eine diskursübergreifende Rekonstruktion des Wissens über das Tier. Eine Rekonstruktion solcher Art ist eines der vorrangigen Anliegen des GRK 1876. In den CLAS ist die Erschließung des Konzeptes aber nicht das Ziel, sondern die Voraussetzung. Das zweite Prinzip, Historisieren, weist auf die Relevanz/Irrelevanz einiger Kontexte bei der Tierinterpretation hin. Mit der letzten Grundregel ist gemeint, dass die Tierkontexte auch vom literarischen Text neu erschlossen sein können. Fundamental neu in den CLAS ist aber die Aufhebung der Trennung zwischen echten und literarischen Tieren, also der Ansatz, sowohl echte als auch literarische Tiere als materiell-symbolische Mischwesen zu betrachten. Daraus folgend ist es möglich, die literarischen Texte als Dokument einer Kultur zu betrachten, was aber von Literaturwissenschaftlern eher skeptisch betrachtet wird. Die Frage, ob der animal turn eine kurzfristige Mode ist, bleibt daher offen.

Abschließendes Fazit

Abschließend betonte Prof. Dr. Obermaier, dass literarische (Speise-)Tiere simultan Bedeutungsträger und Tiere sind, also Tiere und Zeichen zugleich ("materiell-semiotische Mischwesen" nach Borgards 2016). Kein Tier ist in dem Text ein Zufall, deswegen lohnt es sich auch nur am Rande erwähnte Tiere zu interpretieren. Aber man kann die literarischen Tiere nur bedingt als "Akteure" betrachten, denn über die ganze Deutungshoheit verfügen doch Autor und Leser.

Fußnoten:
[1] Wernher der Gartenaere. Helmbrecht. Hrsg. von Fritz Tschirch. Stuttgart 2002.
[2] 308 V. Cod. Pal. germ. 848. Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse) — Zürich, ca. 1300 bis ca. 1340. Universitätsbibliothek Heidelberg: HeidICON. Die Heidelberger Bilddatenbank. http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0612 [Zugriff am 19.03.2017]. Zur abgebildeten Szene vgl. Codex Manesse. Die Miniaturen der Großen Heidelberger Liederhandschrift. Hrsg. von Ingo F. Walther unter Mitarbeit von Gisela Siebert. Frankfurt am Main 1988.

[3] Wolfram von Eschenbach: Parzival. Band 1. Nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann. Übertragen von Dieter Kühn. Frankfurt am Main 1994.
[4] Schubert, Ernst: Essen und Trinken im Mittelalter. Darmstadt 2006, (3)2016.
[5] Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 2005.
[6] Bleuler, Anna Kathrin: Essen – Trinken – Liebe. Kultursemiotische Untersuchungen zur Poetik des Alimentären in Wolframs ‘Parzival’. Tübingen 2016.
[7] Borgards, Roland (Hrsg.): Tiere. Kulturwissenschaftliches Handbuch. Stuttgart 2016.

Konzeptbegriff(e) im GRK

Ein Beitrag von Marie-Charlotte v. Lehsten.

In der Plenumssitzung am 19. Januar 2017 widmeten sich die versammelten Mitglieder des GRKs der Erörterung ihres Konzeptbegriffes. Die Frage nach Konzepten ist eines der grundlegenden Elemente der thematischen Ausrichtung des GRKs und so müssen bzw. mussten sich alle Promovenden in ihrer Arbeit auch damit auseinandersetzen, was genau unter einem "Konzept" zu verstehen ist.
Da inzwischen manche Dissertationen bereits abgeschlossen sind und einige sich in der finalen Phase befinden, während die neue Generation gerade ihre Arbeit aufnimmt, bot sich der Zeitpunkt an, um zusammenzutragen und zu reflektieren, welche Konzeptbegriffe sich für die einzelnen Untersuchungen am tragfähigsten erweisen und inwieweit diese unter Umständen konvergieren. Besonders spannend war diese Frage vor dem Hintergrund, dass vom GRK von Beginn an bewusst keine Konzeptdefinition vorgegeben worden war, mit dem Ziel, ein möglichst differenziertes und den jeweiligen Untersuchungsfeldern gerecht werdendes Spektrum zu erhalten, bei dem etwaige Übereinstimmungen nicht durch vorherige Beeinflussung zustande kommen.
In einem ersten Beitrag stellte GRK-Sprecherin Prof. Dr. Tanja Pommerening die Behandlung des Begriffes "Konzept" im Einrichtungsantrag des GRKs vor: Unter Verzicht auf eine konkrete Definition wurden hier vor allem zu erforschende inhaltliche Aspekte von Konzepten (z.B. deren mediale Vermittlung, ihre Entstehung, lokale und temporale Ausprägung etc.) sowie methodische Grundsätze für deren Untersuchung erläutert und als Zielsetzung ein Vergleich der in den einzelnen Dissertationen herausgearbeiteten Konzepte formuliert. Definitorische Hinweise bot eine Zusammenstellung von Synonymen für den Begriff "Konzept".
Zudem präsentierte Frau Pommerening das im Antrag vorgestellte Beispiel, die Betrachtung von Konzepten der Unfruchtbarkeit im Alten Ägypten und im antiken Griechenland: In beiden Bereichen stieße man auf Texte mit fast identischem Inhalt (Beschreibung eines Prognosemittels hinsichtlich der Sterilität von Frauen), bei denen aber die hinter dem empfohlenen Vorgehen und den Bestandteilen des anzuwendenden Präparats stehenden Konzepte in beiden Kulturen unterschiedlich sind: Im ersten Fall findet eine Übertragung von bestimmten Elementen eines komplexen mythologischen Hintergrunds statt, im zweiten wurde die geschilderte Praxis aus der anderen Kultur übernommen und hat daher mutmaßlich eine neue konzeptuelle Einbindung erfahren.
 

Grundlegende Merkmale von Konzepten

Aus den Reihen der Doktoranden präsentierte zunächst Mari Yamasaki die von der jüngsten Generation gemeinsam erarbeiteten grundlegenden Facetten von Konzepten: Konzepte lassen sich im weitesten Sinne als gedankliche Konstrukte der Organisation von Wissen über einen bestimmten Gegenstand beschreiben. Dabei können Konzepte von eng verbundenen Phänomenen in horizontal und vertikal gegliederten Rastern angeordnet werden; Konzepte können einander beeinflussen, flexibel ineinander übergehen oder an ihren Schnittstellen neue Konzeptbildungen erkennen lassen (vgl. Abb. 1).



Abb. 1: Konzeptdarstellung anhand eines Venn-Diagramms (von Oxana Polozhentseva).

Der Rahmen dessen, was ein Konzept umfasst, kann unterschiedlich weit sein und sich nicht nur auf konkrete Entitäten, sondern auch auf Abstrakta oder Vorgänge beziehen. Gerade bei der Beschäftigung mit der ferneren Vergangenheit ergeben sich aber auch gewisse Grenzen der Ergründung von Konzepten, für die nur begrenztes Material vorhanden ist. Auch gilt es, eine Sensibilität für die Differenzierung zwischen literarischen und wirklichkeitsempirischen Konzepten zu entwickeln. Ein weiterer, etwas spezifischerer Ansatz ist das Verständnis von Konzepten als rekonstruktive Modelle, die ein Forscher im Zuge der Interpretation von Phänomen entwickelt.
 

Konzepte und kulturelles Wissen

Im Folgenden sprach Dominic Bärsch über den Konzeptbegriff in seinem Projekt "Weltuntergänge. Konzepte von Auflösung in der griechischen und lateinischen Literatur", bei dem er sich mit der Besonderheit auseinanderzusetzen hat, dass ein Weltuntergang nicht nur ein abstraktes, sondern auch ein noch nie real erlebtes Szenario darstellt – es kann also keine Prototypik für das Phänomen geben. Dabei erweist es sich am praktikabelsten, von mehreren Einzelkonzepten des Weltuntergangs auszugehen, die abhängig von Textsorte und Kontext jeweils literarisch und diskursiv geformt sind – etwa einem Konzept der Ekpyrosis bei einem bestimmten Autor. Diese Konzepte setzen sich aus Bausteinen des kulturellen Wissens zusammen, worunter "die Gesamtmenge der Propositionen, die die Mitglieder einer Kultur für wahr halten bzw. die eine hinreichende Anzahl von Texten der Kultur als wahr setzt" zu verstehen ist (Fn.1). Zur Ermittlung dieser Propositionen sind wiederum literaturwissenschaftliche Methoden anzuwenden, wie etwa die Untersuchung von Intertextualität und narrativen Strukturen.
 

Konzeptuelle Metaphern

Schließlich präsentierte Victoria Altmann-Wendling das von G. Lakoff und M. Johnson erarbeitete (Fn. 2) und auch kognitionswissenschaftlich bestätigte Modell konzeptueller Metaphern, das sich für ihre Arbeit über den Mond in den religiösen Texten des griechisch-römischen Ägypten als fruchtbar erwiesen hat. Die kognitive Linguistik versteht Metaphern nicht bloß als sprachliches Stilmittel der Verknüpfung ähnlicher Bereiche, sondern als Verbindung verschiedener Konzepte mittels struktureller Ähnlichkeiten, als Transport von Bedeutungen von einem Ursprungs- in einen Zielbereich. Dies geschieht sowohl in literarischen Texten als auch in vielen Wendungen der Alltagssprache und dient häufig der Veranschaulichung, etwa wenn Elemente aus einem bekannteren in einen abstrakteren Bereich übertragen werden.
So lassen sich anhand von Metaphern (etwa wenn der Mond in ägyptischen Texten als Kind oder als Auge bezeichnet wird) Rückschlüsse über die Eigenschaften ziehen, die dem Mond zugeschrieben werden. Diese müssen dabei gar nicht konkret verbalisiert sein: Das Augenmerk liegt vor allem darauf, welche Aspekte des Ausgangskonzeptes in den Aussagen impliziert werden. Zu berücksichtigen ist generell, dass die metaphorischen Aussagen meist asymmetrisch nur in eine Richtung zu denken sind und dass die Übertragung auch nicht alle, sondern nur bestimmte Aspekte umfasst. Verschiedene Metaphern können sich überschneiden und ergänzen und – sofern sie verschiedene Aspekte eines Gegenstands beleuchten – auch scheinbare Widersprüche produzieren.
 

Diskussion

In der abschließenden Diskussion wurde als grundsätzliche Fragestellung die Unterscheidung zwischen dem Modell "Metakonzept und (Teil-)Konzepte" und dem Modell "Konzept und Konzeptbestandteile (nämlich Eigenschaften bzw. proprietates des betrachteten Gegenstands)" in den Raum gestellt. Zum einen könnte hier lediglich von einer unterschiedlichen Terminologie für einen im Großen und Ganzen ähnlichen Sachverhalt ausgegangen werden, zum anderen ist es denkbar, den Begriff "Metakonzept" auf einer anderen Ebene anzusiedeln und so zwischen zwei unterschiedlichen Perspektiven zu unterscheiden (und damit auch eine Ambivalenz zu konkretisieren, die bereits in allen Beiträgen der Sitzung in irgendeiner Weise angeklungen war): Auf der einen Seite steht das Streben nach einer Rekonstruktion "historischer" Konzepte bzw. das Ergründen literarischer Konzepte ausgehend von Texten und evtl. deren Autoren; auf der anderen Seite die Konstruktion von "Metakonzepten" durch den Forscher als eine Art theoretisch-methodische Verstehenshilfe, die sich ihrer Artifizialität bewusst ist.
Fußnoten:
(1) M. Titzmann, Kulturelles Wissen – Diskurs – Denksystem, in: Zeitschrift für Französische Sprache und Literatur 99 (1989), 47-60, hier: 49.
(2) Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Heidelberg 2003.

Montag, 2. Januar 2017

Forschungsaufenthalt in der Dumbarton Oaks Research Library and Collection, Washington, D.C.

Ein Beitrag von Tristan Schmidt.

Vom 1. bis zum 15. Dezember 2016 verbrachte ich einen Forschungsaufenthalt an der Dumbarton Oaks Research Library in Washington, D.C. Bei der im alten Stadtteil Georgetown gelegenen Anlage handelt es sich um eine Forschungsbibliothek mit angeschlossenem Museum, das von den Trustees der Harvard University verwaltet wird. Es ging aus dem Besitz des wohlhabenden und in Politik und Gesellschaft bedeutenden Washingtoner Ehepaares Robert und Mildred Bliss hervor, die ihr Anwesen 1940 in eine Stiftung umwandelten, der sie auch ihre umfangreiche Kunstsammlung übereigneten. Daneben bietet das im Jahr 1800 erbaute Landhaus, das das Museum und Teile der Verwaltung beherbergt, eine weitläufige Gartenanlage aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die von der Landschaftsarchitektin Beatrix Farrand entworfen wurde (s. Abb. 1 und 2).

Abb. 1: Gartenimpression in Dumbarton Oaks (Foto: Tristan Schmidt).

Wissenschaftler aus den Bereichen Byzantinistik, Garten- und Landschaftsstudien sowie präkolumbianische Studien können in Dumbarton Oaks als "Resident Scholars" und als "Fellows" ihren Forschungen nachgehen. Für die Byzantinistik besonders attraktiv ist die umfangreiche, praktisch alle für das Fach relevante Literatur umfassende Bibliothek, ferner eine Siegelkollektion sowie die Museumskollektion mit zahlreichen Artefakten der byzantinischen Kultur. Mit den "Dumbarton Oaks Papers" ist zudem eines der renommiertesten Publikationsorgane des Fachs dort angesiedelt.
Während des Aufenthalts, der über ein "Short Term Pre-Doctoral Residency"-Stipendium von Dumbarton Oaks (Unterkunft und Verpflegung) sowie dem Graduiertenkolleg 1876 (Flug) finanziert wurde, konnte ich ein weiteres Kapitel meiner Dissertation fertigstellen. Darüber hinaus bot der Austausch mit anderen "Resident Scholars" und "Fellows" wichtige Impulse für die weitere Arbeit, etwa im Bereich der literarischen Tierstudien oder bei Fragen der kunstgeschichtlichen Forschung zu Tierdarstellungen in Byzanz. Daneben boten die wöchentlich stattfindenden "Research Reports" der  "Fellows" einen Einblick in die weiteren, derzeit in Dumbarton Oaks bearbeiteten Forschungsprojekte. 

Abb. 2: Garten und Gästehaus in Dumbarton Oaks (Foto: Tristan Schmidt).