Montag, 28. November 2016

Vor dem Tabu. Der Umgang mit Schweinen im Alten Orient

Ein Beitrag von Tim Brandes. 

Im Wintersemester 2016/17 veranstaltet das Graduiertenkolleg 1876 die im Rahmen seines Bestehens nunmehr zweite Ringvorlesung mit dem Titel "Kult, Kunst und Konsum – Tiere in alten Kulturen". Den Auftakt zu dieser Ringvorlesung gab Prof. Alexander Pruß (Vorderasiatische Archäologie, Mainz). 

Schweine im Alten Orient: ein Tabu?

Allgemein bekannt sind die Speisetabus von Schweinefleisch sowohl im Judentum als auch im Islam. Doch wie nutzten die Menschen des antiken Orients das Schwein und welche Vorstellungen verbanden sie damit? Diesen Fragen widmete sich Prof. Pruß im Rahmen seines Vortrags "Vor dem Tabu. Der Umgang mit Schweinen im Alten Orient". 

Als Ausgangspunkt des Vortrags diente eine archäozoologische Untersuchung: Anhand von Tierknochenfunden zeigte Prof. Pruß zunächst die Verbreitung von Schweinen im Alten Orient über einen Zeitraum vom späten vierten bis ins erste Jahrtausend v. Chr. So konnte die Anwesenheit und Nutzung von Schweinen bspw. in der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends v. Chr. bereits für den gesamten vorderen Orient nachgewiesen werden. Auch wenn die Anwesenheit von Knochenfunden im Laufe der Zeit Schwankungen unterlag, konnte bereits an dieser Stelle des Vortrags festgehalten werden, dass Schweine im Alten Orient keineswegs gemieden wurden. 

Schweine in bildlichen und schriftlichen Quellen 

Doch wie spiegelt sich dieser Befund in den übrigen archäologischen und philologischen Quellen?

Schon früh finden sich Gefäße in der Form von Schweinen. Auch die ersten Schriftquellen geben bereits Hinweise auf deren Haltung. So beinhaltet bspw. ein früher Text eine Auflistung von Schweinen und Schweineprodukten. Ein Archiv der Stadt Girsu aus dem 24. Jahrhundert v. Chr. wiederum enthält mehrfach Belege für Schweinezucht. Die Texte geben zudem einen interessanten Einblick in die antike Art der Kategorisierung – eine Thematik, die in der Forschung des Graduiertenkollegs von großer Bedeutung ist: So wurde im Alten Orient unterschieden zwischen "Rohrschweinen" und "Grasschweinen", wobei die Lebensumstände des Tieres offenkundig der Kategorisierung dienten. Die "Grasschweine" stellen dabei die stärker domestizierte Variante dar, während die "Rohrschweine", wie der Name es schon vermuten lässt, eher in den von Schilfrohr geprägten Flusslandschaften außerhalb der Siedlungen anzutreffen waren. Die antike Kategorisierung ist dabei aber nur ansatzweise mit der modernen Einteilung in Wild- und Hausschwein vergleichbar. 

Die schriftlich vorgenommene Kategorisierung lässt sich dann auch anhand von bildlichen Darstellungen nachvollziehen. So ist die Jagd auf Schweine bereits ein Uruk-zeitliches Motiv auf Rollsiegeln, das sich auch noch spät im ersten Jahrtausend v. Chr. auf Rollsiegeln aus der achaemenidischen Zeit wiederfindet. Auch Inschriften und Reliefs des assyrischen Königs Sanherib beschreiben bzw. zeigen eine Schilflandschaft, die der König anlegen ließ und in der auch Schweine angesiedelt wurden.
 
Ein Wildschwein auf einem T-Pfeiler aus Göbekli Tepe (10. Jt. v. Chr.) (Foto: DAI)
 

Jenseits der Wirtschaft: das gesellschaftliche Ansehen des Schweins

Die Quellen zeigen also, dass Schweine sowohl gehalten als auch gejagt wurden und somit einen, wenn auch regional und zeitlich unterschiedlich stark ausgeprägten, Wirtschaftsfaktor darstellten. Wie war, in Anlehnung an die eingangs erwähnten Speisetabus, nun aber die gesellschaftliche Bedeutung des Schweins im Alten Orient? Dieser Frage ging Prof. Pruß im weiteren Verlauf des Vortrags nach. 

Für den Alten Orient zeichnen verschiedene Quellen ein differenziertes Bild. So war Schweinefleisch in altbabylonischer Zeit unter den Abgaben an den König zu finden und wurde auch im Rahmen von offiziellen "Staatsbanketten" dargereicht. Es galt zu der Zeit also offenbar nicht als allzu minderwertige Nahrung. 

Auf der anderen Seite weisen Sprichwörter aus späterer Zeit darauf hin, dass Schweinen offenbar doch auch ein negativer Ruf anhaftete. So galten sie u.a. aufgrund ihrer Nahrungsgewohnheiten als besonders unreinliche Tiere. Sogar den Göttern seien sie ein Gräuel gewesen. Tatsächlich ist Schweinefleisch in Mesopotamien kaum als Speiseopfer für die Götter belegt und galt im sakralen Kontext sogar als Frevel. 

Auch der Befund der hethitischen Texte zeichnet ein ähnliches Bild: So ist bspw. ein Reinigungsritual gegen die Unreinheit, die durch den unbeabsichtigten Kontakt mit Schweinen zustande kam, belegt. 

Fazit 

Letztendlich lässt sich also festhalten, dass Schweine im Alten Orient, mit zeitlichen und geographischen Unterschieden, gehalten wurden und somit einen nicht unbedeutenden Wirtschaftszweig repräsentierten. Trotzdem genoss das Schwein, zumindest in späteren Quellen, keinen besonders guten Ruf und war in sakralen Kontexten tatsächlich tabuisiert. Dennoch kann aus den oben genannten Gründen keineswegs von einem strikten Tabu gesprochen werden. Wann und warum sich dieses generelle Speisetabu entwickelt hat, bleibt also weiterhin unklar.

Freitag, 25. November 2016

Workshop mit Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst zum Thema "Postkoloniale Theorien in 'vormodernen' Gesellschaften – Begegnungen, Konzepte, Prozesse"

 Ein Beitrag von Dominic Bärsch.

Am 10.11.2016 veranstaltete Marianne Bechhaus-Gerst als Gastwissenschaftlerin des Graduiertenkollegs einen Workshop zum Thema "Postkoloniale Theorien in 'vormodernen' Gesellschaften – Begegnungen, Konzepte, Prozesse", an dem die Mehrzahl der Graduierten teilnahm.
 
Im Rahmen dieses Workshops stellte Frau Bechhaus-Gerst zunächst ausgewählte Theorien aus dem Bereich der sogenannten Postcolonial Studies vor, die sich mit der Analyse von Kulturkontakten und Machtstrukturen beschäftigen, vor allem aber auch die Dekonstruktion von Essentialismen und binären Oppositionen des kolonialen Diskurses zum Gegenstand haben. In der Diskussion dieser Theorien wurde daraufhin immer die Frage aufgeworfen, wie diese Ansätze für die von den Graduierten untersuchten Kulturen nutzbar gemacht werden können.
 
In diesem Zusammenhang zeigte sich, dass vor allem die Überlegungen des indischen Theoretikers Homi Bhabha für die Arbeit mit vormodernen Konzepten anwendbar sind. Dieser beschäftigt sich unter anderem mit der Frage von Hybridisierungen, die zwangsläufig beim interkulturellen Kontakt entstehen. Beispiele solcher Hybridisierungsprozesse finden sich auch in den Arbeiten der Doktorandinnen und Doktoranden, die anschließend einige solcher Fälle diskutierten. In den Worten Bhabhas sind "all forms of culture (…) continually in a process of hybridity" (Fn. 1), womit gemeint ist, dass nicht nur bei Kontakten zwischen Kulturen, sondern auch zwischen einzelnen Subjekten stets Hybride auftreten, die kulturelle Zusammenhänge, Ideen und Konzepte ändern können. Vor diesem Hintergrund machte Frau Bechhaus-Gerst auf García Canclinis aufmerksam, der Hybridität als die Fähigkeit einer Kultur definiert, Ideen aus früheren Zusammenhängen oder aus einer anderen Kultur aufzunehmen, um sie dann in abgewandelter Form in einen neuen Kontext einzufügen, wodurch sich auch der Kontext ändert, in den diese Ideen eingefügt werden.
 
Im Anschluss stellte Frau Bechhaus-Gerst noch einige Beispiele aus ihrer eigenen Forschung vor, die einen praktischen Einblick in die Übertragbarkeit der postkolonialen Theorien in vormoderne Forschungsgegenstände illustrierten. Eine Abschlussdiskussion rundete den thematischen Block ab und entließ die Doktoranden mit wertvollen Anregungen für ihre eigenen Arbeiten.

 
Fußnote: 
(1) Homi K. Bhabha, Nation and Narration, New York 1990, 211.