Freitag, 15. Juli 2016

SCRIPTO Summer School St. Gallen - Schriftkultur des Mittelalters (5. bis 15. Jh.), 4. bis 9. Juli 2016

Ein Beitrag von Stephanie Mühlenfeld.
 
Vom 4. bis 9. Juli 2016 fand in der Stiftsbibliothek St. Gallen die SCRIPTO Summer School St. Gallen (SSSS) – Schriftkultur des Mittelalters (5. bis 15. Jh.) statt, an der 10 DoktorandInnen aus unterschiedlichen Disziplinen der Mittelalterforschung teilnahmen. Die Summer School, die vom Lehrstuhl für Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (PROF. DR. MICHELE C. FERRARI) und der Stiftsbibliothek St. Gallen (DR. CORNEL DORA, FRANZISKA SCHNOOR, PHILIPP LENZ) gemeinsam veranstaltet wurde, findet alle zwei Jahre statt. Ziel der Veranstaltung ist es, den Teilnehmern einen Einblick "in die Geschichte, die Formen und den kulturellen Wert der abendländischen Schrift vom 5. bis zum 15. Jahrhundert" zu gewähren (Fn. 1). Dabei werden die unterschiedlichen Schriftepochen anhand der kostbaren Handschriften der Stiftsbibliothek erläutert und ein jeder Teilnehmer erhält die Möglichkeit, im Rahmen von praktischen Übungen sein 'paläographisches Auge' (ital. occhio paleografico) zu schulen.
 
Neben den spannenden paläographischen Übungen, einem Gastvortrag PROF. DR. MARILENA MANIACIS (Università degli Studi Cassino Cassino) und einer Einführung in die mittelalterlichen Buchbindetechniken hatten die TeilnehmerInnen auch stets die Möglichkeit, die imposante barocke Stiftsbibliothek – die zu den schönsten Bibliotheken der Welt zählt – und den faszinierenden Veranstaltungsort St. Gallen genauer kennenzulernen (Abb. 1 und 2).
 
Abb. 1: Stifskirche St. Gallen (Foto: Stephanie Mühlenfeld).
Abb. 2: Barocksaal der Stiftsbibliothek St. Gallen (Foto: Jochen Vennebusch).
 

Handschriften hautnah – Vom Vergilius Sangallensis bis zum St. Galler Professbuch


Abb. 3: Das Team der SCRIPTO-DoktorandInnen (die sechs verschiedenen Nationen entstammen und VertreterInnen unterschiedlicher mediävistischer Disziplinen sind) gemeinsam mit Michele Ferrari, Franziska Schnoor und Philipp Lenz (Foto: Jochen Vennebusch).

Nach ihrer Ankunft in der Stiftsbibliothek wurden die TeilnehmerInnen am Montag, dem 4. Juli, zunächst von Cornel Dora, dem Stiftsbibliothekar, willkommen geheißen und von Michele Ferrari mit den Schrifttypen der Antike und Spätantike vertraut gemacht (Abb. 3). Die interessante Einführung in die paläographischen Grundlagen blieb sehr weit von einer theoretischen 'Trocken-Schwimmübung' entfernt, denn die Doktoranden bekamen – wie auch an allen darauffolgenden Tagen – von Franziska Schnoor und Philipp Lenz ausgewählte spätantike und mittelalterliche Codices vorgelegt. Als Beispiel für die Capitalis Quadrata etwa – die römische Majuskelschrift, die von den Anfängen der Schriftlichkeit bis ins 6. Jh. nach Chr. geschrieben wurde – bekamen die Teilnehmer den Cod. Sang. 1394, p. 7 gezeigt (Abb. 4). Es handelt sich dabei um den Vergilius Sangallensis, der im 4. oder 5. Jh. n. Chr. entstanden ist und damit zu den ältesten Handschriften der Stiftsbibliothek zählt.
 
Abb. 4: Capitalis Quadrata im Cod. Sang. 1394, p. 7. Bildquelle: http://www.e-codices.unifr.ch/en/csg/1394/7/0/Sequence-748. Zugriff am 13.07.2016 um 16:51 Uhr.

Im Anschluss an die paläographischen Übungen folgte am ersten Nachmittag eine 'unkonventionelle' – und gerade deswegen so wundervolle – Stadtführung von Herrn Dora. Dabei wurden die Teilnehmer gerade nicht durch die Stadt gelotst, sondern auf den Freudenberg, von dem aus sich ein unvergleichliches Panorama auf St. Gallen, das gesamte Umland und den Bodensee ergibt. Nicht verschwiegen werden sollte außerdem, dass sich auf dem Freudenberg das Naturschwimmbad "Drei Weihern" befindet, das zu den schönsten Freibädern der Schweiz zählt und daher bei den sommerlichen Temperaturen auf die meisten SCRIPTO-Teilnehmer sehr einladend wirkte.
 
Als wir von unserer Führung zurückkehrten, hatte das Team der Stiftsbibliothek-MitarbeiterInnen uns bereits ein leckeres Abendessen gezaubert und alle TeilnehmerInnen freuten sich darauf, den Tag – der so voll von neuen, spannenden Eindrücken war – bei angeregten Gesprächen, Spaghetti und Abra cadabra-Wein (dem Wein zur aktuellen Ausstellung der Stiftsbibliothek) ausklingen zu lassen.
 
Auch an den folgenden vier Tagen konnten sich die DoktorandInnen an einem abwechslungsreichen Programm erfreuen. Am Dienstag etwa standen Insulare Handschriften und die verschiedenen Ausformungen der Merowingischen Minuskel (Luxeuil-Schrift, alemannische und rätische Minuskel) im Fokus der Betrachtung. Im Anschluss an die paläographischen Übungen dieses Tages – die gerade im Hinblick auf die Entzifferung der Luxeuil-Schrift ein sehr gutes paläographisches Auge erforderten – durften die Teilnehmer in Filzpantöffelchen schlüpfen und Herrn Dora auf eine Führung durch die Ausstellung Abra cadabra – Medizin im Mittelalter folgen.
 
Am Mittwoch widmeten sich Herr Ferrari und sein SCRIPTO-Team ganz der Karolingischen Minuskel und den aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen, die sich um ihre Entstehung ranken. Bereichert wurde das Programm zudem durch einen öffentlichen Gastvortrag MARILENA MANIACIS (Università degli Studi Cassino Cassino) zu dem Thema Das Buch der Bibel im benediktinischen Mönchtum. Der Fall Montecassino.
 
Am Donnerstagvormittag wurden die TeilnehmerInnen im Stiftsarchiv in die Urkundenschrift im Frühmittelalter eingeführt und bekamen dabei Kostbarkeiten wie beispielsweise das St. Galler Verbrüderungsbuch (StiASG, C3 B55) oder das Professbuch (StiASG, C3 B56; Abb. 5) gezeigt.
 
Abb. 5: Das St. Galler Professbuch (StiASG, C3 B56, p. 14). Bildquelle: http://www.sg.ch/home/kultur/stiftsarchiv/bestaende/stiftsarchiv_st_gallen/kostbarkeiten/sankt-galler-professbuch.html. Zugriff am 13.07.2016 um 17.43 Uhr.

In diesem Professbuch, das um 800 angelegt wurde, konnten die SCRIPTO-TeilnehmerInnen die Gelübde einsehen, "durch welche sich die St. Galler Mönche vor Gott und den Heiligen auf Lebenszeit zum Verbleiben im Kloster St. Gallen, zum Gehorsam gegenüber dem Abt und zum sittenstrengen Wandel verpflichteten" (Fn. 2).
 
Am Nachmittag stand dann die Lehreinheit "Buchbinden im Mittelalter: Geschichte und Praxis" auf dem Programm, die bei allen DoktorandInnen für große Begeisterung sorgte.
 
Der Freitag stand im Zeichen der gotischen Minuskel, frühhumanistischer Schrifttypen und der Bastarda. Nach den paläographischen Übungen wurde den TeilnehmerInnen zudem ein Einblick darein gewährt, wie die St. Galler Handschriften digitalisiert werden und das e-codices-Projekt sowie das International Digital Research Lab for Medieval Manuscript Fragments "Fragmentarium" wurden vorgestellt (Fn. 3).
 
Den Abschluss der SCRIPTO-Woche bildete eine Exkursion auf die Klosterinsel Reichenau, wo eine Führung durch das Marienmünster und die Schatzkammer stattfand und die TeilnehmerInnen den Ort besichtigen konnten, an dem der St. Galler Klosterplan (Cod. Sang. 1092) entstanden ist.
 
 

Mit Filzpantöffelchen auf Entdeckungstour: Die Ausstellung Abra cadabra – Medizin im Mittelalter


Eines der zahlreichen Highlights der SCRIPTO-Woche war sicherlich der Besuch der aktuellen Sommerausstellung Abra cadabra ‒ Medizin im Mittelalter, die "anhand der e­inmal­igen Handschriftensammlung der St­iftsbi­bli­othek [einen Bogen spannt] von der frühm­ittelalterli­chen Überlieferung mediz­ini­scher Texte des Altertums über das Otmarspi­tal i­m 8., den Spi­talbezirk auf dem Klosterplan ­im 9. und das Wi­rken Notker des Arzts i­m 10. Jahrhundert b­is hi­n zur spätmi­ttelalterli­chen Hei­lprax­is. Si­e zei­gt zudem Be­ispi­ele von Wunderhei­lungen und eri­nnert an d­ie ethi­sche Grundlegung der chri­stli­chen Krankensorge ­in der B­ibel – etwa m­it der Gesch­ichte des barmherzi­gen Samar­iters – und i­n der Benediktsregel" (Fn. 4) (Abb. 6).
 
Abb. 6: Filzpantöffelchen in Wartestellung (vor dem Eingang zum Barocksaal). (Foto: Jochen Vennebusch). 
 
 

Wenn über 1000 Jahre alte Codices zum 'Bücherarzt' müssen – Dem Restaurator und Buchbinder Martin Strebel über die Schulter geschaut 


Am Donnerstag hatten die SCRIPTO-TeilnehmerInnen außerdem die Ehre und das Vergnügen, von Martin Strebel mehr über die zeitliche Einordnung mittelalterlicher Hefttechniken zu lernen. Der Restaurator, der seit vielen Jahren das Atelier Strebel – eine Werkstatt für Konservierung und Restaurierung von Schriftgut und Grafik – in Hunzenschwil (Aargau) leitet, hatte extra für die SCRIPTO-TeilnehmerInnen vier Werkstattvideos gedreht, in denen er die Unterschiede und Eigenheiten der koptischen, karolingischen, romanischen und gotischen Hefttechnik erläuterte. Darüber hinaus begeisterte der engagierte Buchbinder mit eigens angefertigten Modellen der jeweiligen Buchbindetechnik (Abb. 7).
 
Abb. 7: Martin Strebel erklärt den SCRIPTO-TeilnehmerInnen, wie Bucheinbände datiert werden können. (Foto: Stephanie Mühlenfeld).

So erfuhren die DoktorandInnen etwa über die koptische Hefttechnik, die ihre Anfänge bei den Kopten hat und in der Karolingerzeit, im 8. Jh. endet, dass bei ihr der Buchdeckel entweder mit dem Heftfaden oder mit einem vom Faden der Lagen getrennten Faden befestigt werden kann.
 
Die karolingische Hefttechnik, die vom 8. bis zum 12. Jh. angewandt wurde, wird auch als 'karolingische Fischgrätheftung' bezeichnet. Sie blieb auch in späterer Zeit, als die Bücher zum Teil einen romanischen Einband erhielten, noch über Jahrhunderte hinweg in Gebrauch.
 
Das Charakteristikum romanischer Einbände ist in der Verwendung von Lederbünden zu sehen, die von dem Heftfaden einmal pro Lage oder als Rundbogenheftung umschlungen werden.
 
Auch die gotische Hefttechnik, die sich vom 14. bis ins 17. Jh. erstreckt, ist an ihren Doppelbünden auf Schnur (mit einer Fadenbindung pro Lage) oder der Rundbogenheftung zu erkennen. Neu ist an ihr die veränderte Deckelbefestigung, denn die Bünde werden über die Falzkante im Deckel verankert.
 
Diese Informationen sind enorm wichtig, da sie in der Wissenschaft als Anhaltspunkte für die Datierung mittelalterlicher Codices herangezogen werden können.
 
 
Zusammenfassend lässt sich über meinen St. Gallen-Aufenthalt sagen, dass mir eine unvergesslich tolle Summer School geboten wurde, bei der ich viel Nützliches und Interessantes lernen durfte. Darüber hinaus hat es mich sehr gefreut, mit so vielen lieben Kollegen in angenehmer Atmosphäre diskutieren zu können und neue Kontakte zu knüpfen.
 
Abschließend möchte ich mich ganz herzlich für die Finanzierung meiner SCRIPTO-Teilnahme durch das Graduiertenkolleg 1876 "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" bedanken.
 
 
Fußnoten:
[2] Werner Vogler, Kostbarkeiten aus dem Stiftsarchiv St. Gallen in Abbildungen und Texten, St. Gallen 1987, S. 13.[3] Auf e-codices, der virtuellen Handschriftenbibliothek der Schweiz (http://www.e-codices.unifr.ch/de) können zum jetzigen Zeitpunkt 1554 digitalisierte Handschriften aus 67 verschiedenen Sammlungen eingesehen werden. Fragmentarium ist ein Projekt der Universität Fribourg. Für weitere Informationen siehe: http://fragmentarium.ms/contact.html. Zugriff am 14.07.2016 um 11:47 Uhr.
[4]
http://www.stibi.ch/Portals/0/Ausstellungen/Medizin_16/Abracadabra_Karte_A5_dt.pdf. Zugriff am 14.07.2016 um 12:24 Uhr.

Donnerstag, 14. Juli 2016

Plenumssitzung 30.6.2016: Gastvortrag von Stephan Ebert (TU Darmstadt): "Mensch und Natur in der Historiographie der Karolingerzeit. Umwelthistorische Zugriffe am Beispiel einer Hungerkrise"

Ein Beitrag von Tristan Schmidt.

In der Plenumssitzung am 30.6.2016 besuchte der Mittelalterhistoriker Stephan Ebert (TU Darmstadt) das Graduiertenkolleg und stellte Aspekte seines derzeit laufenden Dissertationsprojekts zu "Weltbild und Identität: Die Rolle von Naturkatastrophen und ihren Deutungsmustern in der mittelalterlichen Wahrnehmung" (Fn. 1) vor. 
 
Unter dem Titel "Mensch und Natur in der Historiographie der Karolingerzeit. Umwelthistorische Zugriffe am Beispiel einer Hungerkrise" widmete sich der Beitrag dem Umgang der fränkischen Gesellschaft des Frühmittelalters mit Hungerkrisen. In einem einführenden Teil führte Herr Ebert in moderne Forschungskonzepte zum Thema "Hunger" ein. Gerade die Begriffe der "Vulnerabilität" und der "Resilienz" spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

Abb.: Sonnenuntergang. (Quelle: Creative Commons).

Im anschließenden Fallbeispiel ging es um eine Hungersnot, die für das Jahr 779 im fränkischen Reich nachweisbar ist. Die Ergebnisse der Klimaforschung können dabei die zahlreichen Aussagen der erzählenden Quellen zu diesem Ereignis stützen, die von großem Hunger und einer entsprechenden Sterblichkeit berichten. Mit dem sog. Kapitular von Herstal (779) verfügt man über eine Quelle, die über das bloße Konstatieren dieses Ereignisses hinausgeht und Rückschlüsse auf die Bewältigungsstrategien der Gesellschaft zulassen. Bei dem Kapitular handelt es sich um königliche Anweisungen an Laien und Klerus. Man erkennt, dass dem Ereignis auf mehreren Ebenen begegnet werden sollte: So wurden Geistliche wie Laien zu Messen, einem zweitägigen Fasten, Almosen oder einer Notsteuer sowie zur Aufnahme Hilfsbedürftiger aufgefordert.

Dieses Maßnahmenpaket zielte auf eine Art Selbstdisziplinierung zur Besänftigung Gottes und eine intensivere 'spirituelle Kommunikation', gleichzeitig aber auch auf praktische Maßnahmen wie Kalorienreduktion durch Fasten und eine Versorgung Hungernder ab. Gleichzeitig stärkte das Ermahnen von Seiten des Herrschers dessen Position in moralischer Hinsicht.

Diese Maßnahmen, die sich sowohl als Reaktionen auf die Hungerkrise als auch als Präventivmaßnahmen gegen eine Wiederholung einer solchen Katastrophe deuten lassen, vereinen somit Praktiken der transzendentalen Kommunikation, der Fürsorge und – schließlich – den Legitimitätsanspruch des Herrschers. Sie sollten die Resilienz der Gesellschaft im Umgang mit derartigen Krisenerscheinungen gewährleisten. 


Fußnote:
[1] Arbeitstitel.


Mittwoch, 13. Juli 2016

Projektvorstellung "Die Entwicklung einer 'theoretischen Pharmakologie' im 13. Jahrhundert" - Ein Vortrag von Dr. Iolanda Ventura (CNRS Orléans)

Ein Beitrag von Sarah Prause.

Am Donnerstag, den 7. Juli 2016 durften wir im Rahmen unserer Plenumssitzung Frau Dr. Iolanda Ventura aus Orléans begrüßen. Frau Ventura ist dem Graduiertenkolleg bereits gut bekannt, da sie während des Wintersemesters 2014/2015 als Gastwissenschaftlerin hier tätig war. Während dieser Zeit – und seitdem auch darüber hinaus – stand und steht sie uns Doktoranden stets mit Rat und Tat zur Seite. Und so freuten wir uns umso mehr, sie nun wieder in unserer Runde persönlich begrüßen zu dürfen und etwas über ihr Habilitationsprojekt erfahren zu können.

In ihrem Vortrag be- und unterrichtete Frau Ventura uns über die Entwicklung ihres Projektes zur mittelalterlichen Pharmakologie.
 

Von der "Entwicklung einer theoretischen Pharmakologie" ...


Iolanda Ventura hat sich während ihrer wissenschaftlichen Karriere mit vielen verschiedenen Forschungsrichtungen auseinandergesetzt und unterschiedliche Forschungsinteressen entwickelt. Unter anderem haben verschiedene Handschriften zur mittelalterlichen Pharmazie ihr Interesse geweckt. Mit deren Hilfe möchte Frau Ventura die Phasen der theoretischen Pharmakologie vom 13. bis 14. Jahrhundert erarbeiten. Um diese Phasen aufzeigen zu können, stellte sie zunächst alle ihr zur Verfügung stehenden Texte bzw. Handschriften zusammen und wertete diese aus. Darunter befanden sich sowohl Texte zur mittelalterlichen Pharmazie, die der Forschung bereits bekannt waren, als auch bisher noch wenig bis gar nicht beachtete Texte. Dabei handelt es sich unter anderem um Werke wie Avicennas "Liber canonis" oder das sogenannte "Corpus des Pseudo-Mesue" oder die von Ibn Wafid im 11. Jahrhundert verfasste Arzneimittellehre "Pseudo-Serapion". Es werden aber auch die akademischen Kommentare, die zu einigen medizinischen Schriften verfasst wurden, von Frau Ventura in ihrer Arbeit berücksichtigt.
 

... zur "Revolution der Pharmakologie im 13. Jahrhundert"


Während ihrer Beschäftigung mit den verschiedenen Texten stellte Frau Ventura fest, dass die Entwicklung der mittelalterlichen Pharmakologie sehr viel komplexer zu sein scheint als zunächst gedacht. Die Pharmakologie wurde während des 13. Jahrhunderts Teil einer akademischen Debatte, in der die Eigenschaften der Heilmittel, die Natur der Composita (Heilmittel aus mehreren einzeln Wirkstoffen) sowie deren Verwendung heftig diskutiert wurden.

Die untersuchten Texte unterscheiden sich bereits hinsichtlich ihres Niveaus. Es handelt sich dabei nicht nur um Texte für die Praxis, etwa für Apotheker, sondern auch um Texte beispielsweise für Ärzte an Universitäten. Gerade in letzteren könne man beobachten, so Frau Ventura, dass beispielsweise die Wirkung von Pflanzen sehr viel sachlicher und komplizierter erklärt sei als in anderen Texten.

Diese Erkenntnis veranlasste Frau Ventura dazu, die Struktur ihres Forschungsprojektes neu zu überdenken. Nun steht nicht mehr das Aufzeigen einer reinen Entwicklung der mittelalterlichen Pharmakologie im Vordergrund ihres Projekts, sondern die Revolution ebendieser im 13. Jahrhundert.

Darüber hinaus finden sich innerhalb der verschiedenen Texte wichtige Hinweise auf eine Rezeption von Erkenntnissen verschiedener Kulturen untereinander. Dies deutet auf einen bestehenden kulturellen Dialog in Zusammenhang mit der oben aufgezeigten Debatte um Entwicklung und Revolution der mittelalterlichen Pharmakologie hin. Entwicklung und Revolution der Pharmakologie lebt damit vom Austausch der Kulturen.

Frau Ventura hat es sich nun zur Aufgabe gemacht diese Texte nach Inhalt, Übersetzungen, handschriftlicher Überlieferung sowie Fragen und Problemen ihrer Geschichte zu bearbeiten. Ziel der Untersuchung soll sein, herauszufinden, auf welche Weise Pharmakologie schriftliche vermittelt wurde und welche (unterschiedlichen) Beiträge die verschiedenen Texte zu dieser Rezeption leisteten.

Auf die weitere Entwicklung ihres Projektes mit neuen Entdeckungen sowie das Ergebnis dürfen wir weiterhin sehr gespannt sein. Wir wünschen Frau Ventura alles Gute und hoffen, sie bald wieder bei uns begrüßen zu dürfen.

Donnerstag, 7. Juli 2016

Medizin und Tod in der "Alten Welt" - 36. Treffen des interdisziplinären Arbeitskreises "Alte Medizin", 2. und 3. Juli 2016 im Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Ein Beitrag von Carrie Schidlo.

Am Samstag, den 2. Juli 2016, begrüßten Prof. Dr. Tanja Pommerening und Prof. Dr. Livia Prüll die Teilnehmer des 36. Treffens des interdisziplinären Arbeitskreises (IAK) "Alte Medizin" in den Räumlichkeiten des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Prof. Dr. Prüll führte in die Thematik des IAK ein und berichtete über die Genese des aktuellen Tagungsthemas "Medizin und Tod in der 'Alten Welt'", womit das Treffen erstmals unter einem übergeordneten Thema stattfand.


Krankheit, Leiden, Sterben, Selbstmord und Tod

 
Der Eröffnungsvortrag wurde von PD Dr. Thorsten Fögen (Durham, UK & Wassenaar, Niederlande) gehalten. In "Krankheit und Tod in der frühkaiserzeitlichen römischen Welt" stellte er zunächst heraus, dass Krankheit, Leiden und Tod im antiken Alltag stets allgegenwärtig waren. Dies stehe im Gegensatz zur Tabuisierung von beispielsweise Selbstmord und Tod im 21. Jahrhundert. Anhand mehrerer Texte unterschiedlicher literarischer Gattungen machte Fögen deutlich, dass selten eine spezifische Krankheit genannt wird. In den Nachrufen auf die Verstorbenen wurde, neben Alter, Beruf oder Stand, jedoch häufig auf die Natur des Ablebens eingegangen, d. h. ob ein natürlicher Tod eingetreten ist oder eine Ermordung vorliegt.
 

Ost, West und ein Sprung von 800 Jahren

 
Nach der Pause richtete sich mit Shahrzad Irannejads (Mainz, GRK 1876) Vortrag "Theorization of Death in Avicenna's Canon of Medicine" der Blick auf die Vorstellung des Todes in der arabischen Welt des 10. Jahrhunderts. Irannejad stellte die im ersten Buch von Avicennas "Kanon der Medizin" aufgeführten Überlegungen zu Gesundheit und Krankheit sowie zur Notwendigkeit des Sterbens vor. Weiterhin ging sie auf eine sehr ausführliche Liste mit Anzeichen für einen baldigen Tod ein.
 
Zurück in das 2. Jahrhundert ging es mit dem Vortrag "Lukian und die totbringenden Wohlstandskrankheiten" von Frank Ursin (Halle/Saale), mit dem dieser Vortragsabschnitt beschlossen wurde. Ursin führte die medizinischen Beobachtungen in den Werken des Satirikers Lukian vor, in denen dieser verschiedene Krankheiten, wie beispielsweise Gicht, mit dem Luxus an Speiseauswahl und -menge in Verbindung brachte.
 

Von standesgemäßem Sterben und magisch-rituellem Heilen

 
Die nächste Sektion, von Dr. med. Madeleine Mai (Mainz) moderiert, wurde von Stefan E. A. Wagner (Catania, Italien) eröffnet. Sein Vortrag "Der Tod eines Handel Treibenden: Das Eurysaces-Grabmal an der Porta Maggiore in Rom und die Hierarchisierung des Sterbens im Römischen Reich" beschäftigte sich mit den unterschiedlichen Formen der Grabmalgestaltung anhand des sozialen Standes der Verstorbenen.
 
Dr. med. Dr. Waltraud Wamser-Krasznais (Butzbach) Vortrag "Mythos, Magie und Metamorphosen. Schlaglichter auf Arzt und Tod in der Alten Welt" beleuchtete einen weit gefassten Begriff des Arztes in der Antike. Hiernach zählen nicht nur die menschlichen Ärzte dazu, sondern auch Heilheroen und Heilgötter. Der Begriff des Todes wurde ebenfalls breit erfasst, u. a. als Metamorphose, Wiedergeburt oder auch Vergöttlichung. Mit diesem Vortrag wurde der erste Tag des 36. Treffens beschlossen.
 

Beschreibungen von Erkrankungen: Konzeption und Rezeption


Am Sonntagmorgen begrüßte Prof. Dr. Klaus-Dietrich Fischer (Mainz) die Teilnehmer zur ersten Sektion des Tages. Der erste Vortragende, PD Dr. med. Mathias Witt (München), sprach in seinem Vortrag über "Die Nerven-Sympathie (νευρικὴ συμπάθεια) – ein antikes Konzept der Krankheitsfortleitung und -ausbreitung".
 
Anschließend beschäftigte sich Dr. Nadine Metzger (Erlangen-Nürnberg) in "'Denn Hippokrates war Naturwissenschaftler!' Zur modernen Rezeption der Epilepsie-Schrift De Morbo Sacro" mit den verschiedenen Auslegungen dieser Schrift, u. a. als Erstbeschreibung eines großen epileptischen Anfalls.


Darstellung von Krankheiten und Entwicklung einer Therapieform

 
In den zweiten Abschnitt des Tages wurde von Dr. med. Madeleine Mai eingeleitet. In ihrem Vortrag "Blindheit in der griechischen Kunst des 8. bis 4. Jh. v. Chr. Aspekte der Heilung: Zwischen göttlichem Willen und medizinischer Therapie" gab Sarah Prause (Mainz, GRK 1876) Einblicke in ihr laufendes Dissertationsprojekt.
 
Im Anschluss daran verlagerte sich der Fokus wieder nach Osten. Vivien Shaw (Oxford) stellte in "Was Acupuncture developed by Han Dynasty Chinese Anatomists?" ihre Beobachtungen vor, welche sie im Joint-Project mit Dr. Amy K. McLennan (Oxford) gemacht hatte. Entgegen der Annahme, dass in China kaum Sektionen an Leichnamen durchgeführt wurden, postulieren Shaw und McLennan, dass auch für die Ermittlung der Akupunkturpunkte Leichen herangezogen wurden.
 

Papyri und Wissen aus Ägypten

 
Die Abschlusssektion, die von Prof. Dr. Tanja Pommerening (Mainz) geleitet wurde, eröffnete Anna Monte (Berlin). Sie stellte in "Medizinische Rezeptsammlungen auf Papyrus aus der Berliner Papyrussammlung" drei griechische, medizinische Papyri aus Ägypten vor, die Teil ihres Dissertationsprojekts sind.

Dr. Lutz Popko (Leipzig) beschloss die Tagung mit der Präsentation "Die Website 'Science in Ancient Egypt' – ein Portal zu altägyptischen medizinischen Texten". Er stellte damit die aktualisierte Version vor, in der momentan überwiegend die heilkundlichen Texte erfasst werden. Bis 2032 werden die bekannten Texte magischen, mathematischen, kalendarischen, astrologisch-astronomischen, mantischen, divinatorischen sowie geographischen, botanischen, chemischen und onomastischen Inhalts wie auch Lexika und Priesterhandbücher eingepflegt.

Montag, 4. Juli 2016

Forschungsaufenthalt an der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI)

Ein Beitrag von Florian Schimpf.

Das Graduiertenkollleg 1876 "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" bietet allen Promovendinnen und Promovenden die Möglichkeit, bei Bedarf bis zu vier Wochen an einer ausländischen Forschungseinrichtung zu forschen. Nach Sarah Prause (Blogbeitrag Athen: Forschungsaufenthalt 23.05.2015 bis 18.06.2015) nahm nun auch Florian Schimpf dieses Angebot wahr und verbrachte einen vierwöchigen Forschungsaufenthalt an der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). 

Wenngleich die Abteilung Istanbul des DAI nicht zu den offiziellen Kooperationspartnern des GRKs zählt, besteht doch seit nunmehr drei Jahren ein reger und fruchtbarer Austausch zwischen den beiden Einrichtungen: Im Frühjahr 2014 rief die Abteilung das Wissenschaftliche Netzwerk "Natur und Kult in Anatolien" ins Leben, mit dem der Austausch zwischen der Abteilung und Forschungseinrichtungen wie dem GRK gefördert wird und an dem das GRK durch Florian Schimpf von Beginn an vertreten ist (Blogbeitrag 1. Netzwerktreffen "Natur und Kult in Anatolien" am Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Istanbul).

Obendrein besitzt die Abteilung mit über 65.000 Bänden und 200 laufenden Zeitschriften die am besten ausgestattete Fachbibliothek zu den Kulturen auf dem Gebiet der heutigen Türkei und beherbergt mit über 97.000 archivierten Bildträgern eine herausragende bildliche Dokumentation der hiesigen Denkmäler. Die Aussicht, diese einzigartigen Bestände, darunter türkische Zeitschriften und Reihen, die von anderen deutschen Forschungseinrichtungen in der Regel nicht bzw. nicht laufend bezogen werden, sichten zu können erklärt, warum es Herrn Schimpf gen Istanbul zog. Die Wahl des Zeitpunktes indes hängt mit einem Großereignis zusammen, das traditionell im Frühsommer Archäologen aus aller Welt in der Türkei versammelt.


Abb. 1 und 2: Edirne, Eindrücke aus der Selimiye-Moschee, dem "Meisterwerk" Mimar Sinans (Fotos: Florian Schimpf).


In die Zeit des Aufenthalts fiel nämlich die diesjährige Grabungsleiterkonferenz, die Kazı Sonuçlar Toplantısı. Alljährlich werden auf dieser einwöchigen Konferenz die Grabungsergebnisse des Vorjahres referiert und diskutiert. In diesem Jahr fand die Veranstaltung in den Räumlichkeiten der Trakya Üniversitesi in Edirne unweit der türkisch-griechisch-bulgarischen Grenze statt (Abb. 1 und 2). Da einige dissertationsrelevante Kultstätten erst in jüngster Zeit entdeckt und untersucht wurden, bot die Konferenz interessante Einblicke in aktuelle Forschungen und stellte eine Bereicherung eines ohnehin ertragreichen Forschungsaufenthalts dar.