Donnerstag, 30. Juni 2016

Feurige Vulkane und erfrischende Quellen – Plenumssitzung am 23. Juni 2016

Ein Beitrag von Dominic Bärsch.

In der Plenumssitzung am 23. Juni 2016 stellten Katharina Hillenbrand und Florian Schimpf Aspekte ihrer Dissertationen vor. Beide beschäftigten sich mit der Wahrnehmung konkreter Natur, einmal der Wahrnehmung und Deutung von vulkanischen Phänomenen in der griechisch-römischen Antike, einmal mit der sakralisierten Natur. 

Die Feuerflüsse der Ober- und Unterwelt

Zunächst widmete sich Katharina Hillenbrand in ihrem Vortrag "Jedem seinen Platz? Vulkanische Phänomene und Unterweltsvorstellungen der griechisch-römischen Antike" der Perzeption vulkanischer Phänomene in der griechisch-römischen Literatur. Davon griff sie besonders zwei näher heraus, denen in der Antike besondere Bedeutung zugeschrieben wurden: Den Krater und die Lava.

In Anlehnung an die These Peter Kingsleys (Fn. 1) zeigte sie zunächst anhand mehrerer Beispiele, inwieweit beide Phänomene speziell in Unterweltsvorstellungen sizilianischer Provenienz repräsentiert werden. Der Schlund würde dabei im Bild kesselartiger Gefäße in verschiedenen Mythenvarianten verbildlicht, der Lavastrom besonders durch Feuerströme wie den Pyriphlegethon in der Unterwelt. Nach Kingsley haben beide Bilder ihren Ursprung in sizilianischen und süditalischen pythagoreischen Unterweltsvorstellungen, die letztlich maßgeblich antike Unterweltsvorstellungen mitprägten und dieser Unterwelt vulkanische Färbung gaben. Nach dieser Tradition seien vulkanische Schlünde besonders als Eingänge zur Unterwelt und als Orte voller matschiger Feuerströme gedacht, die von Süditalien bis Sizilien – und damit mit zwei großen Zentren pythagoreischer Schulen – unterirdisch miteinander verbunden seien. 

Von Kingsleys Beobachtungen ausgehend zeigte Katharina Hillenbrand in früheren und späteren mythischen Darstellungen weitere vergleichbare Bilder für Krater und Lavaströme. Das Bild des kesselartigen Gefäßes wies dabei oft eine besondere Nähe zu Hephaistos auf, während der Lavastrom meist mit seinem Ursprung in der Unterwelt korreliert wurde. Den Abschluss bildeten Überlegungen, inwieweit sich diese Motive auch in der Legende der pii fratres spiegelten. Dem Vortrag folgte eine angeregte Diskussion. 

Ritueller Raum und Erinnerung

Florian Schimpf stellte seinen Vortrag "Erinnerungsorte, Agency, konstruierte Räume: Konzepte von Natur und Kult in der griechischen Antike" unter die Leitfrage, warum bestimmte Naturmale und Naturräume ideell aufgeladen wurden, um damit die zugrunde liegenden Konzepten von Natur und Kult ausmachen zu können. Damit setzte er die Gedanken seines letzten Vortrages vor dem Plenum fort, in welchem er vor allem über die Fragen gesprochen hatte, wie mit natürlichen Elementen in sakralen Kontexten umgegangen worden ist und wie diese in den rituellen Raum eingebunden worden sind.

Anhand zahlreicher Beispiele aus dem Kleinasiatischen Raum sowie literarischer Beschreibungen von loci amoeni formulierte Florian Schimpf die Ergebnisse, dass natürliche Elemente integrale Bestandteile in einem Heiligtum gewesen seien, jedoch das Heiligtum auch selbst oder kumulativ eine sakrale Naturlandschaft gebildet haben können. Diese natürlichen Elemente besaßen mit großer Wahrscheinlichkeit, besonders in extraurbanen Heiligtümern, eine erinnerungsstiftende Funktion, wurden also als Erinnerungsmale konzipiert. Auch an den Thesen dieses Vortrages entfachte sich eine lebhafte Diskussion.

Fußnote:
[1] KINGSLEY, P., Ancient Philosophy, Mystery, and Magic. Empedocles and Pythagorean Tradition, Oxford 1995.

Samstag, 25. Juni 2016

Neuste Forschungen zur Interaktion von Zeit und Raum im alten Ägypten

Ein Beitrag von Simone Gerhards.

Vom 9. bis 11. Juni 2016 fand an der Université catholique de Louvain (Belgien) die internationale Konferenz "Temps et espace en Egypte ancienne – Time and Space in Ancient Egypt" statt. Die Organisatoren Prof. Claude Obsomer, Prof. Jean Winand und Gaëlle Chantrain boten ein reiches Spektrum an Vorträgen und Posterpräsentationen aus den Bereichen Linguistik, Philologie, Ikonographie und Religion. Diese dienten zum einem dazu, den aktuellen Stand der Dinge zum Thema "Zeit und Raum" wiederzugeben und zum anderen, neue und spannende Forschungsfragen zu diskutieren. Darunter befand sich auch das Poster über "Time and Space for sleeping" der Kollegiatin Simone Gerhards (und Autorin dieses Blogbeitrags). Der Fokus des Posters lag auf den Fragen, wann und wo geschlafen wurde. Auf Grundlage einer lexikologischen Auswertung von sechs ägyptischen Lexemen gaben Infografiken Aufschluss über die semantischen Verbindungen dieser Wörter zu bestimmten Orten und Zeiten. Interessant ist, dass nicht nur Angaben zu Schlafenszeiten und Schlafplätzen in schriftlichen Quellen existieren, sondern auch der Zeitpunkt des Schlafens selbst als Zeitreferenz dienen kann.

Abb. 1: Poster "Time and space for sleeping" von Simone Gerhards.
 

Zeit und Raum: abstrakte Konzepte und Alltagsempfinden

 
Um einen generellen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu geben, begannen Jean Winand und Gaelle Chantrain mit einer Einleitung zur Frage, was überhaupt als Zeit und Raum empfunden werde. Dabei wurden auch die unterschiedlichen Arten von kulturspezifischer "Zeit" angesprochen, die auch während der Konferenz immer wieder eine Rolle spielten: Zeit als lineare Größe, Zeit als zyklische Größe sowie Zeit eine Mischform aus beiden. Darüber hinaus bilden zwei Ebenen – Zeit als Ideologie (um z. B. Macht auszudrücken) und Zeit als Alltagswert (um z. B Verabredungen zu treffen), die Hauptachsen des Zeitempfindens. In den ägyptischen Erzählungen haben Zeit- und Raumerwähnungen beispielsweise oft die übergeordnete Aufgabe, die Geschichte inhaltlich zu strukturieren und dadurch Nähe oder Distanz zu einer Person oder einem Ort auszudrücken. Jean-Marie widmete sich bspw. semiotischen Überlegungen zum Raum-Zeit-Konzept. Er beschrieb Raum als eine Art abstraktes Konzept. Dabei spielen Farben, Formen oder die Textur des Raumes eine Rolle, aber auch Informationen, ob eine Tür offen oder geschlossen ist, könnten Empfindungen wie Freude oder Angst auslösen.

Zeit und Raum: Macht, Metapher und Materialisierung

 
Renata Langráfovás Vortrag eröffnete die erste Session des Tages. Sie berichtete von den Inschriften, die in der Grabkammer des Priesters Iuafaa in Abusir gefunden wurden und die weit über die "gewöhnlichen" Grabinschriften hinausgehen. Die Texte enthalten Rituale und Wissen über Aktivitäten, die Macht auf Erden sichern sollen. Für alle diese Aktivitäten sind bestimmte Zeit- und Ortsabgaben genannt, die nur in Verbindung mit ihrem jeweiligen Anbringungsort im Grab zu verstehen sind. Der anschließende Vortrag von Camilla Di-Biase-Dyson gab Einblicke in das spannende Gebiet der kognitiven Metapherntheorien. In Bezug auf die medizinischen Texte des alten Ägyptens eröffnet sich ein Forschungsfeld, das bisher noch wenig Beachtung gefunden hat. Maya Müller richtete in ihrem Beitrag den Blick auf den ikonographischen Bereich. Ihr Fokus lag dabei auf den technischen Darstellungstechniken von Raum und Zeit sowie deren Wandel im Laufe der ägyptischen geschichte. Der folgende Vortrag von Alicia Maravelia über "Of eternity, everlastingness & stars: notions of duration, time, spacce & the firmament in the Pyramide & Coffin Texts" drehte sich vorwiegend um die zuvor erwähnten linearen vs. zyklischen Zeitempfindungen und deren kosmische Repräsentation.

Zeit und Raum: Grenzen und Konstruktionen

 
Die dritte Session wurde von Christian Langer eröffnet, der über Ähnlichkeiten zwischen dem Konzept der "Grenze" im Neuen Reich und dem Konzept der "Grenze" im modernen Europa in Bezug auf militärische Legitimationen sprach. Woijciech Ejsmond stellte in seinem Vortrag über "Construction of Sacred Space in Predynastic and Early Dynastic Period" die Frage, nach welchen Gesichtspunkten heilige Orte für z. B. den Tempelbau ausgewählt wurden. Seiner Meinung nach, sind vorwiegend drei Punkte anzuführen: eine Verbindung zum Kosmos, eine Anspielung auf die Schöpfung und das generelle Mysterium ("mystery") des Ortes; letztgenannter Punkt wurde in der anschließenden Diskussion ausführlich erörtert. Den Abschluss des ersten Tages bildete der Festvortrag von Claude Obsomer über die Schlacht von Qadesch: "la bataille de Qadech: n’arin, sekou tepy et questions d’intinéraires".

Zeit und Raum: Werkzeug zur Legitimation und Propaganda

 
Der zweite Tag begann mit der vierten Session zur Wahrnehmung von Zeit und Raum in schriftlichen Quellen. André Patricio startete mit einem Vortrag über "The manipulation of linear time and the importance of mythological time. A tool for legitimacy of pharaohs in Ancient Egypt", in dem er über die Bedeutung von Linearität in ägyptischen Königslisten sprach. Anschließend berichtete Laura Parys in "La conception du temps dans le conte du Papyrus Westcar", dass die jeweilige Verwendung einer der drei Zeitstufen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der Erzählung des Papyrus Westcar der königlichen Legitimation der 5. Dynastie gedient haben könnte. 

Zeit und Raum: Der linguistische Blick 

 
Die fünfte Session war ganz der linguistischen Sichtweise auf Zeit und Raum gewidmet. Zunächst stellte Maxim Kupreyev in seinem Vortrag über "Modelling time as space in the interrogative patters of Late Egyptian: pro et contra" zum Erstaunen der meisten Zuhörer fest, dass es im ägyptischen Vokabular kein direktes sprachliches Pendant zur Frage "Wann" (um den Zeitpunkt eines Ereignisses auszudrücken) gibt. Elise-Sophia Lincke richtete danach in ihrer Präsentation den Fokus auf das Koptische und dessen verbale Ausdrucksweisen für die Deixis (Bezugspunkt auf Personen, Zeit und Raum im Kontext). Dies erläuterte sie am Beispiel der koptischen Verben für "kommen" und "gehen".

Zeit und Raum: real, fiktiv und unterweltlich 

 
Die sechste Session wurde von Anthony Spalinger begonnen, der seine neuesten Ideen in Bezug auf die genannten Namen der Monatstage in Medinet Habu präsentierte. Nikolas Lazaridis diskutierte die Erwähnungen von Privatsphäre in den ägyptischen Erzählungen, wobei er unter anderem das Schlafen und das Schlafzimmer als einen derartigen "privaten Raum" ausmachen konnte. Erstmals dem Demotischen widmete sich Lawrence Xu-Nan in seinem Vortrag über "While all these happenned – The use of introducery phrases as indicators fort he movement of time and space in Demotic narrative", der die Einleitungsphrasen in demotischen Erzählungen in Bezug auf deren Funktion und Zeitbezug analysierte. Daniel Werning referierte anschließend in der siebten Session über die sequenziellen Zeit- und Raumrepräsentationen in den Unterweltsbüchern des Neuen Reichs. Erneut der Frage nach linearem und zyklischem Zeitempfinden stellte Christian Cannuyer, der die ägyptischen Begriffe ḏ.t bzw. nḥḥ und ihre koptischen Entsprechungen diskutierte. In der achten Session sprach Renata Schiavo über die räumliche und zeitliche Verbindung von Lebenden und Toten in der Unterwelt. Den zweiten Tag beendete Benoît Lursons Präsentation über "Espace de la représentation et temps de sa perception. Le temple égyptien du Novel Empire: un champ d’étude pour la sémiotique cognitive".

Zeit und Raum: von Worten zu Taten

 
Auch am letzten Tag wurde noch einmal ein breites Spektrum an Themen abdeckt. So waren weitere Vorträge zu deiktischen Wörtern in Bezug auf Zeit und Raum von Mohsen El-Toukhy und Daniel Potter im Programm verankert. Des Weiteren berichteten Marianne Michel über die Zeit und Raumwahrnehmungen während des ersten Feldzugs von Thutmosis III oder auch Anette Schomberg über die Zeitmessung in Form von Wasseruhren (auch Klepsydra genannt).

Insgesamt bot die Konferenz interessante Vorträge, die zum mit- und nachdenken angeregt und das Themengebiet Zeit und Raum im alten Ägypten aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet haben.

Montag, 20. Juni 2016

27. Tagung des "Arbeitskreises antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption" (AKAN) an der Universität Mainz

Ein Beitrag von Tim Brandes.

Am 11. Juni 2016 fand die inzwischen 27. Tagung des "Arbeitskreises antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption" (AKAN) an der Universität Mainz statt. Traditionsgemäß wurde die Veranstaltung am Vorabend der Tagung durch ein gemeinsames Abendessen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeleitet. 
 

Von Vögeln, Fischen und Aneurysmen

 
Das eigentliche Programm zeichnete sich durch ein breites Themenspektrum aus. Eröffnete wurde die Tagung durch Clemens Lunczer (Schorndorf) mit einem Vortrag zu Vogelbeobachtungen in der Antike. Dabei beleuchtete Herr Lunczer u. a. die Probleme der modernen Sicht auf die Artbestimmung von Vögeln anhand ihrer antiken Beschreibungen.
 
Nach einer kurzen Kaffeepause begann die zweite Sektion des Tages, die ganz im Zeichen der Zoologie des Aristoteles stand. Dabei sprach zunächst Katharina Epstein (Freiburg) über die Empirie des Aristoteles. Am Beispiel der Fortpflanzung von Fischen stellte Frau Epstein dar, auf welcher empirischen Basis die Arbeit des Aristoteles stand und wie dieser mit verschiedenen Quellen umging.

Der dritte Vortrag wurde von Martin F. Meyer (Koblenz) bestritten, der sich in dem Zusammenhang mit der Klugheit der Tiere bei Aristoteles beschäftigte. Herr Meyer zeigte, dass die Klugheit der Tiere dabei sowohl von äußeren Faktoren auf die Lebensweise und das Verhalten bestimmt wurden, als auch durch innere Faktoren, wie z.B. die Fähigkeit zu lernen. Tiere zeichneten sich demnach u. a. dann als klug aus, wenn sie das Verhalten von Menschen nachahmten. Dazu zählten etwa Fähigkeiten wie der Nestbau und die intensive Brutpflege bei Schwalben. Auch eine ausgeprägte soziale Organisation in Form von Arbeitsteilung oder eine geschickte Jagdtechnik konnten auf die Klugheit von Tieren verweisen.
 
Die erste Hälfte der Tagung wurde durch ein gemeinsames Mittagessen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschlossen. Am Nachmittag dann ging die Tagung in ihre dritte und letzte Sektion über. Diese wurde eingeleitet durch Silke Diederich (Köln), die ihr Projekt zur Tabula Peutingeriana vorstellte, das künftig einen Beitrag zur antiken Geographiegeschichte leisten soll.
 
Anschließend hielt Margarete König (Mainz) einen Vortrag über Trophologie in der Antike. In ihrem Beitrag beleuchtete Frau König anhand unterschiedlichster Quellen aus dem Bereich der Archäobotanik und -zoologie, der Archäologie, Ikonographie und auch der Philologie die Nahrungsversorgung des römischen Heeres in verschiedenen Situationen.
 
Der letzte Vortrag des Tages wurde von Peter Grunert (Homburg) gehalten. In diesem beschäftigte sich Herr Grunert mit dem Krankheitsbild der Aneurysmen und deren chirurgischer Behandlung wie sie von Antyllos beschrieben wurde.
 
Alle Beiträge wurden, wie im Rahmen von AKAN üblich, von einer regen und produktiven Diskussion der Teilnehmerinnen und Teilnehmer begleitet.
 

Donnerstag, 16. Juni 2016

Tandemvortrag von Victoria Altmann-Wendling und Tim Brandes: "Der Mond als Mittel der Zeitgliederung und als Omen", Mainz, Plenumssitzung des Graduiertenkollegs am 9. Juni 2016

Ein Beitrag von Sonja Gerke.

Der Mond zeichnet sich als nächtlicher "Stellvertreter" der Sonne, ebenso wie sein tägliches Pendant, in zahlreichen Kulturen durch seine enorme Präsenz innerhalb des täglichen Lebens, aber auch in Religion und Vorstellungswelt der Menschen aus. Durch seine Eigenschaften als zugleich konstantes und doch äußerst wandelbares Gestirn, das zudem mit bloßem Auge ohne Probleme zu beobachten ist, eignet er sich hervorragend für die Messung und Einteilung der Zeit, aber auch für ominöse oder astrologische Ausdeutungen.

Diesen beiden Hauptaspekten des Mondes widmeten
Victoria Altmann-Wendling (Ägyptologie) und Tim Brandes (Assyriologie) einen Tandem-Vortrag im Rahmen der Plenumssitzung des Graduiertenkollegs, indem sie verschiedene Aspekte des Mondes und die damit in Verbindung stehenden Konzepte in Ägypten und Vorderasien gegenüberstellten (dies geschah im Anklang an die beiden Dissertationsprojekte: Victoria Altmann-Wendling: Der Mond in den religiösen Texten des griechisch-römischen Ägypten und Tim Brandes: Rituale des kultischen Kalenders als Quelle für unsere Kenntnis altorientalischer Konzepte von Kosmos und Zeit).
 

Der Mond als Herr der Zeit

 
Sowohl in Mesopotamien als auch in Ägypten finden sich zahlreiche Hinweise, dass der Mond besonders eng mit der Wahrnehmung und Einteilung von Zeit in Verbindung steht. So wird ihm bzw. dem Mondgott Sîn in Mesopotamien vom Gott Marduk ausdrücklich die Verantwortung über die Nacht übertragen, nachdem dieser zuvor aus dem Körper der gefallenen Göttin Tiamat die Welt erschaffen hat, wie es im Mythos enūma eliš heißt. Dort erhält er auch explizite Anweisungen zur Durchführung des Mondzyklus, wobei die einzelnen Phasen mit ganz bestimmten Monatsdaten und Tagen in Verbindung gebracht werden. Eine solch explizite Aufgabenverteilung oder Anweisung durch einen Urgott lässt sich in Ägypten zwar nicht finden, doch wird auch hier durch zahlreiche Textzeugen der Bezug des Mondes zu Zeit und Zeiteinteilung deutlich. So werden besonders häufig die Konstanz und Regelmäßigkeit seines Auf- und Untergangs bzw. der einzelnen Mondphasen betont, was ihn für einen Zeitanzeiger geradezu prädestiniert. Zudem wird er u.a. auch explizit als Schöpfer der Zeiteinheiten beschrieben, selbst als Erschaffer der Stunden, obwohl für diese Zeiteinheit eigentlich die Sonne das maßgebliche Gestirn darstellt und auch als solches wahrgenommen wurde.
 

Der Mondmonat

 
Sowohl in Ägypten als auch in Mesopotamien richten sich Anfang und Dauer eines Monats nach dem Mond: Während in Ägypten der Neumond als Monatsanfang gesehen wird, ist es in Mesopotamien die erste Sichtbarkeit der Mondsichel, die den neuen Monat einleitet, doch wird in beiden Kulturräumen der ideale Verlauf eines Monats von 30 Tagen und damit eine Dauer des Jahres von insgesamt 360 Tagen angesetzt. In Mesopotamien werden zudem spezifische Fixpunkte innerhalb eines Monats durch zu bestimmten Zeiten sichtbare Sterne und Sternbilder beschrieben, anhand derer der Zeitverlauf abgelesen und gegebenenfalls Abweichungen von der Regel festgestellt werden konnten. Sollten sich Abweichungen ergeben, muss der Mensch, d.h. in letzter Instanz der König, eingreifen, um den idealen, von den Göttern eingesetzten Lauf der Welt wieder herzustellen. Diese Vorstellung ist sowohl in Mesopotamien als auch in Ägypten zu finden, was sich anhand von innerhalb eines Monats eingefügten Schalttagen bzw. innerhalb eines Jahres von Schaltmonaten manifestiert. In Ägypten werden zudem ganz regulär fünf Tage am Ende des Jahres zugeschaltet, die so genannten "Epagomenen", um den idealen Rhythmus beizubehalten. Die Abweichungen von der Norm können sich durch ungenaue Beobachtungen des Monatsbeginn markierenden Neumondes bzw. Neulichtes ergeben, bspw. verursacht durch klimatische oder wetterbedingte Interferenzen. Allerdings existieren auch Quellen, die darüber Auskunft geben, dass diese Ereignisse nicht nur beobachtet, sondern auch berechnet werden konnten. Weiterhin werden in Ägypten die Monatstage mit bestimmten Göttern verbunden, die auch bildlich dargestellt wurden.
 

Der Mond als Omen


Mesopotamien verfügt über eine überaus reiche Omenliteratur, die deutlich macht, dass jeder Aspekt der Natur als Vorzeichen für (positive wie negative) zukünftige Ereignisse ausgedeutet werden konnte. Auch der Mond, der durch seine ebenso konstante wie wandelbare Präsenz als Ratgeber in dieser Hinsicht geradezu prädestiniert erscheint, wird dabei häufig thematisiert. So galt es beispielsweise als besonders positives Anzeichen, wenn der Mond die volle Zahl der 30 Tage eines Monats erreichte und damit der ideale Lauf von Zeit und Welt funktionierte, umgekehrt aber auch als besonders negatives Omen, wenn die 30 Tage nicht erreicht wurden. Auch das äußere Erscheinungsbild des Mondes unterlag den Deutungen der Gelehrten, so konnte z.B. die Stellung bzw. Neigung der Mondsichel, der "Hörner" des Mondes, oder aber die Färbung der Mondscheibe ausschlaggebend für Glück oder Unglück sein und zum Teil verheerende Folgen für das ganze Land bedeuten. Als besonders verhängnisvolles Anzeichen galten dabei die Eklipsen (Mondfinsternisse), die in Mesopotamien besonders ausführlich im enūma Anu Enlil beschrieben werden. Hier wird deutlich, dass jedes Detail, wie z.B. der Zeitpunkt der Beobachtung, aber auch der genaue Verlauf bzw. welcher Ausschnitt der Mondscheibe betroffen war, für die jeweilige Bedeutung ausschlaggebend sein konnte.

In Ägypten gelten divinatorische Texte generell als ein besonders spätes Phänomen, das vor der griechisch-römischen Zeit kaum belegt ist. Bislang sind lediglich fünf demotische Texte bekannt, die sich mit der Berechnung der Mondphasen in Verbindung bringen lassen. Dabei stellt der römische Papyrus pWien D 4876 eine Besonderheit dar, da er die einzelnen Mondomina, die Färbung der Mondscheibe und weitere sie umgebende oder überlagernde Himmelskörper und die zugehörigen Ausdeutungen ausführlich beschreibt und mit kleinen Abbildungen verdeutlicht. Zwar wird u.a. aufgrund der Ausführlichkeit und der inhaltlichen Thematik für den Papyrus ein mesopotamischer Einfluss angenommen, doch stellt gerade das Hinzufügen von bildlichen Vignetten zu einem Text ein typisch ägyptisches Vorgehen dar, das in dieser Form in Mesopotamien unbekannt war.

Arabic Commentaries on Hippocratic Aphorisms: An example for exchange of medical and philosophical knowledge transfer

A weblog entry by Shahrzad Irannejad.

On May 19, 2016, the Research Training Group 1876 hosted a presentation (in German) by Prof. Dr. Peter E. Pormann, who gave us material for methodological reflections on how ideas and concepts are borrowed across languages and cultures. Prof. Pormann is the director of the John Rylands Research Institute and Professor of Classics and Graeco-Arabic Studies at the University of Manchester. Through his research, he has so far investigated the many contacts between Muslims, Jews, and Christians writing in Greek, Latin, Hebrew, Syriac and Arabic. Prof. Pormann provided us with a glimpse into his team's major research project entitled 'Arabic Commentaries on the Hippocratic Aphorisms' (Fn. 1). The project examines the entire Arabic commentary tradition on the Aphorisms (from the ninth to the sixteenth century), approaches the available evidence as a corpus, constitutes them electronically, and makes them available for further interdisciplinary analysis. The case of the transmission tradition of this single important medical text throughout centuries can shed light on the extent of innovation in the Arabic commentary tradition. The Hippocratic Aphorisms project shows the potentials in digital humanities and computer-aided text analysis that are implemented towards this end.

What are the Aphorisms?

 
The Hippocratic Aphorisms is a collection of one liners like "Phthisical persons, the hairs of whose head fall off, die if diarrhea set in", compiled in the fifth century BC and organized in seven books. The thematic structuring of the text is not always self-evident. Medical wisdom of the day was crystalized in these oracular words of the Father of Medicine. These sentences were easy to remember, practical and somewhat vague, and therefore, invited interpretation. This single text generated a strong tradition of commentaries, beginning in antiquity. One of the earliest most important of which was by no other than Galen of Pergamon. The text invited about twelve commentaries in Arabic only, transmitted in about 100 manuscripts. The transmission tradition of this text, thus, consists of the transmission of the text itself, the text as lemmas and the commentaries.

The collection famously opens thus: "Life is short, and art long; the crisis fleeting; experience perilous, and decision difficult." Prof. Pormann drew attention to the attribute "perilous" to hint to an innovative reading of the text by Arabic commentators, to which we shall turn shortly. He further mentioned that part of the importance of studying the Arabic tradition is that some Greek commentaries are lost to us, while their Arabic translation is extant. He then went on to give some details about the ongoing project in Manchester: that the project examines a textual corpus of about one million words long. His team has employed tools of digital humanities to address a set of interdisciplinary problems: textual criticism of the Greek sources, Greco-Arabic translation techniques, methods of source citation, hermeneutic procedures, development of medical theory, and social history of medicine. Through the project undertaken under his supervision, we now have the possibility to compare the original Ancient Greek text, Sergius of Rešʿainā’s Syriac translation and Ibn al-Biṭrīq’s and Ḥunayn ibn ’Isḥāq’s Arabic translations. 
 
Regarding the Arabic tradition, Prof. Pormann gave us a glimpse into the philological methods that make use of scribal mistakes to delineate the chronology and hierarchy of manuscripts. He then gave examples of mistakes and misunderstandings in the Arabic translations, and how Arabic commentators tried to justify these newly-introduced mistakes by way of innovative interpretations. Further on, two detailed examples were given to demonstrate what is meant by "innovation" in the Arabic commentary tradition. The first example demonstrated how Arabic commentators drew on other sources within the Hellenic heritage to understand the aphorisms. Regarding the aphorism "If a fright or despondency lasts for a long time, it is a melancholic affection", several commentators were introduced who drew on the works of Galen, Aristotle and Rufus to explain what is meant by melancholic in this context.
 
The second example dealt with an epistemological question in medicine: How can one know if a remedy works? Galen conveys how three different sects in his time dealt with the question: The Methodists, The Dogmatics and The Empiricists. Galen indicates that he himself agrees with the second and the third group, namely, that he deems valid both logical thinking and empirical practice in the medicinal arts (Fn. 2). Prof. Pormann elaborated how the ninth century physician ar-Rāzī, although a devoted adherent of Galen, took Hippocrates as his witness to warn against mere reliance on experience, referring to the opening sentence of the Aphorisms which reads that experience is perilous. There are also numerous occasions where Avicenna discusses the same epistemological question. 
 
After a brief mention of lexicographical projects in Greco-Arabic studies, and such tools as sketch engine, concordance, context and collocation analysis, which his team makes use of to analyze the commentary corpus, Prof. Pormann ended the presentation by emphasizing on the potentials of digital humanities and open source, open access operation for the various disciplines involved in textual scholarship and interdisciplinary research (Fn. 3). 
 
 
Footnotes:
[1]
http://www.alc.manchester.ac.uk/subjects/classicsancienthistory/research/projects/arabiccommentaries/

[2] For the detailed account see: Galen, "On the Sects for Beginners" in: Walzer, Richard, and Michael Frede. Three treatises on the nature of science. Vol. 592. Hackett Publishing, 1985: 3-20.

[3] For instance, see the Digital Corpus for Graeco-Arabic Studies, supported by Andrew W. Mellon Foundation, Harvard University, Tufts University:
http://www.graeco-arabic-studies.org/.