Donnerstag, 31. März 2016

Workshop "Naturvorstellungen im Altertum. Schilderungen und Darstellungen von Natur im Alten Orient und in der griechischen Antike"

Ein Beitrag von Dominic Bärsch.

Am 11. und 12. März 2016 fand in den Räumen der Hegelstraße der Workshop "Naturvorstellungen im Altertum. Schilderungen und Darstellungen von Natur im Alten Orient und in der griechischen Antike" statt, der von den Kollegiaten Dominik Berrens, Tim Brandes, Katharina Hillenbrand, Carrie Schidlo und Florian Schimpf organisiert worden ist.
In ihrer inhaltlichen und organisatorischen Einführung zum Workshop erläuterten Dominik Berrens und Florian Schimpf zunächst die Grundüberlegungen, die zur Planung der Veranstaltung geführt hatten: In interdisziplinären Gesprächen habe sich gezeigt, dass es sowohl in den Sprachen des Alten Orient als auch im Griechischen und Lateinischen keinen Begriff gebe, der das moderne Naturbewusstsein einer geogenen Natur abbilde. Dennoch finden sich Konzepte einer solchen in den literarischen und materiellen Zeugnissen dieser Kulturen. Die Ausgangsfragen des Workshops wurden deshalb folgendermaßen formuliert: Welche Elemente der geogenen Natur werden wann abgebildet und wie? Stehen diese Naturbilder für sich oder haben sie symbolischen Charakter? Welche Akteure treten im Zusammenhang mit Naturdarstellungen auf? Werden Dichotomien gebildet (Natur – Kultur, Mann – Frau usw.)? Welche Terminologien werden verwendet? Welche Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen griechischen und altorientalischen Zeugnissen lassen sich erkennen? 

Bedrohliche Wildnis und die Neugier an dieser

 
Im ersten Vortrag des Freitagnachmittags warf PD Dr. Claus Ambos (Göttingen) einen Blick auf die "Naturkonzepte im Alten Orient" anhand schriftlicher Zeugnisse. An zahlreichen Beispielen demonstrierte er die Dichotomie zwischen den Konzepten einer wilden Natur außerhalb der städtischen Sphäre und der zivilisierten Stadtgemeinschaft.

Der zweite Vortrag von Prof. Dr. Alexander Pruß (Mainz) "Natur- und Vegetationsvorstellungen in altorientalischen Kulturen" postulierte mit einem zeitlichen Querschnitt der materiellen Hinterlassenschaften, dass die Abbildungen von Naturelementen unterschiedliche Funktionen erfüllten. Beispielsweise fungierten Pflanzendarstellungen als Gebietsmarker, die die abgebildete Szene in einen konkreten geographischen Kontext einordnen. Er stellte zudem die These auf, dass sich in den Darstellungen ab dem späten 8. Jahrhundert v. Chr. eine zunehmende Neugier an der bedrohlichen Natur entwickelt hat.

Im Anschluss an die spannende Sektion des Nachmittags ließen die Teilnehmer den Tag im Graduiertenkolleg schon gut bekannten Restaurant "Plaka" ausklingen, wo die Anregungen der Vorträge in intensiven Gesprächen vertieft wurden.

Des Widerspenstigen Zähmung und Ordnung durch florale Elemente

 
Zu Beginn des Samstages fasste Tim Brandes (Mainz) noch einmal die Ergebnisse des Vortages zusammen, um den Teilnehmern die Naturvorstellungen des Alten Orient in Erinnerung zu rufen und diese im Folgenden mit denen des archaischen Griechenlandes zu vergleichen.

Den Einstieg in diese Thematik ermöglichte Prof. Dr. Hans Bernsdorff (Frankfurt) mit seinem Vortrag "Des Widerspenstigen Zähmung. Natur und Zivilisation in der Lyrik des Anakreon". Deren Spannungsverhältnis sei auch durch die Zuständigkeitsbereiche der Göttin Artemis ausgedrückt.
Mit ihrem Vortrag "Unter den Pflanzen, Tieren und Göttern. 'Natur' in der archaischen Vasenmalerei als Projektionsraum menschlichen Erlebens" ergänzte Dr. Ursula Mandel (Frankfurt) das Bild wiederum durch ihre Beobachtungen zu Abbildungskonventionen in der Vasenmalerei: Charakteristische Naturmerkmale dienten hier als Marker, um den Betrachter eine Verortung der Szenerie in einem Naturraum zu verdeutlichen.

Konkrete, visualisierte und sakrale Natur

 
Die folgende Sektion, die sich mit der Klassik beschäftigte, eröffnete Frau Dr. Marta Scarrone (Frankfurt). In ihrem Vortrag über "Naturdarstellungen in der Vasenmalerei klassischer Zeit" stellte sie die These auf, dass das binome Schema "keine Naturelemente = Polis / Naturelemente = Wildnis" zu kurz greife und abgebildete Naturelemente in vielen Fällen als Andeutungen realer Orte zu verstehen seien.

Dominik Berrens (Mainz) führte die Sektion mit seinem Vortrag "Einsame Inseln und Wolkenkuckucksheim. Naturdarstellungen im attischen Drama" fort, in dem er vor allem darauf aufmerksam machte, dass Naturräume durch verbale Bühnenmalerei geschaffen werde, die dem Rezipienten eine Umgebung imaginiere.
In seinem die Klassik abschließenden Beitrag "Von Naturmalen und Naturräumen. Sakrale Natur in der griechischen Antike" zeigte Florian Schimpf (Mainz) am Beispiel der Naturheiligtümer auf, dass auf religiöser Ebene keine feste Dichotomie "Natur – Zivilisation" auszumachen sei, sondern dass vielmehr eine Aufwertung von Natur im städtischen Kontext bestehe.

Zwischen Wissenschaft, Fiktion und öffentlichen Parkanlagen

 
Als letzte Sektion des Workshops wurde die Zeit des Hellenismus in den Fokus genommen, mit dessen literarischen Hinterlassenschaften sich Frau PD Dr. Annemarie Ambühl (Mainz) in ihrem Vortrag "Zwischen 'Wissenschaft' und Fiktion – Menschen, Götter und Heroen in Naturlandschaften der hellenistischen Dichtung" beschäftigte. In der Dichtung dieser Zeit fand eine Überlagerung von Wissenschaft und Fiktion statt, die es ermöglichte genaue Beschreibungen von Naturphänomenen in literarische Sujets einzubinden. Dabei kämen jedoch nicht nur angenehme Naturvorstellungen zum Tragen, wie etwa diejenige des locus aemoenus, sondern auch negative.
Im letzten Vortrag des Workshops "Es grünt so grün. Öffentliche Parkanlagen in hellenistischen Städten" formulierte Frau Dr. des. Sabine Neumann (Marburg) ihre Beobachtungen zu Parkanlagen im Hellenismus. Naturräume wurden zu jener Zeit wieder in den städtischen Kontext einbezogen.

Abschließend diskutierten die Teilnehmer angeregt über die zu Beginn des Workshops angesprochenen Dichotomien in den betrachteten Kulturen und verglichen die Vorstellungen des Alten Orient mit den teils gleichen, teils verschiedenen der griechischen Epochen.

Dienstag, 29. März 2016

Colloque "Mondes animaliers dans le monde médiéval et à la Renaissance", Amiens, 8.-11. März 2016

Ein Beitrag von Stephanie Mühlenfeld.

Vom 8. bis 11. März 2016 fand in Amiens die Tagung "Mondes animaliers dans le monde médiéval et à la Renaissance" statt, an der über 60 Vortragende aus unterschiedlichen Disziplinen der Mittelalterforschung teilnahmen. Die Tagung, die von Danielle Buschinger (Amiens) organisiert wurde, findet einmal jährlich in Amiens statt, wobei ein gemeinsames Oberthema in seinem gesamten Facettenreichtum aus den unterschiedlichsten Perspektiven heraus beleuchtet wird. Bei dem diesjährigen Treffen lag der Fokus auf literarischen und bildhaften Tierdarstellungen von der Antike bis zur Renaissance, was ein sehr breites Spektrum an Fragestellungen und Aspekten eröffnete. Neben den spannenden Vorträgen und der Teilnahme an lebendigen Diskussionen hatten die Teilnehmer auch stets die Möglichkeit, den wundervollen Tagungsort mit seinen faszinierenden Sehenswürdigkeiten und Denkmälern genauer kennenzulernen. Bereits auf dem Weg zur "Maison de la Culture", wo die Tagung stattfand, passierten die Teilnehmer einen der imposantesten hochgotischen Sakralbauten Frankreichs, die Kathedrale Notre Dame d’Amiens (Abb. 1 und 2).
Abb. 1: Kathedrale Notre Dame d‘Amiens (Foto: Stephanie Mühlenfeld).


Abb. 2: Das älteste und schönste Fachwerkhaus Amiens’, die "Maison du Pèlerin", befindet sich direkt gegenüber der Kathedrale (Foto: Stephanie Mühlenfeld).


Tagung im Theater: Vorhang auf für das Tier im Mittelalter


Nach der Ankunft der Teilnehmer in der "Maison de la Culture" (Abb. 3), die nicht ausschließlich Tagungszentrum ist, sondern auch mehrere Kinos und Theaterbühnen beheimatet, startete das Programm am 8. März mit einem Vortrag Natalia Petrovskaias (Universität Utrecht) zu dem Thema "L'image du monde animalier". Daraufhin folgten die Beiträge Max Sillers (Innsbruck) und Angelicá Riegers (RWTH Aachen) zu den Themen "Mensch-Tier-Beziehung(en) im Mittelalter. Anmerkungen zu einem komplexen Verhältnis in Kunst und Literatur" und "La Ménagerie merveilleuse du Roman d'Alexandre en prose". Weitere interessante Beiträge beschäftigten sich mit "Mythe et hybridité au Moyen Âge français" (Friedrich Wolfzettel, Frankfurt a. M.), mit der allegorischen Welt im Bestiarium Raymond Lulles (Constantin Teleanu, Université Paris Sorbonne, Centre Pierre Abélard) und mit "Weiße[n] und schwarze[n] Schwänen bei Richard und Siegfried Wagner" (Peter P. Pachl, Berlin).
 
Auch an den folgenden drei Tagen konnten sich die Besucher des Colloque an einem äußerst bunten und abwechslungsreichen Vortragsprogramm erfreuen, das von Themen wie "Insekten und Spinnentiere in der Spruchdichtung von Hans Sachs" (Florent Gaubade, Limoges) bis hin zu der Frage führte, ob Engeln – aufgrund ihres Besitzes von Flügeln – eine Position zwischen Mensch und Tier zukomme (Petya Ivanova, Genève).

Abb. 3: Der etwas andere Tagungsort ‒ die "Maison de la Culture": Tagungsräumlichkeiten, Kino und Theater in Einem (Foto: Stephanie Mühlenfeld).

Tierisch schwierige Sangspruchrätsel


Mit einem Beitrag zu dem Thema "Ich weiz ein wunderlîchez tier ein wîser man erriete ez schier – Tierisch schwierige Rätsel in der Sangspruchdichtung" wurde auch das Graduiertenkolleg "1876 Frühe Konzepte von Mensch und Natur" durch Stephanie Mühlenfeld (die Autorin dieses Blogbeitrags) vertreten. In meinem Vortrag habe ich anhand zweier Sangsprüche, die in der Kolmarer Liederhandschrift (Cgm 4997 der Bayerischen Staatsbibliothek) überliefert sind, exemplifiziert, was die mittelalterlichen Sangspruch-Tierrätsel für moderne Menschen so 'tierisch schwierig' macht. Das erste Problem, das sich für neuzeitliche Rezipienten ergibt, ist auf konzeptioneller Ebene zu sehen. Es resultiert daraus, dass das Wissen über ein Tier nicht zu allen Zeiten dasselbe war und ist. In Bezug auf diese konzeptionelle Ebene kann daher festgehalten werden, dass Konzepte kulturellen Transformationsprozessen unterliegen, innerhalb derer sie gefestigt werden könnten, innerhalb derer es aber auch zum Verlust einzelner Konzeptbestandteile kommen kann. Außerdem ist an ausdrucksseitige Verständnisprobleme zu denken, die durch Hapax legomena und dialektal überformte Ausdrücke hervorgerufen werden. Schließlich tritt noch eine dritte Schwierigkeit hinzu: Die Intention der Sangspruchdichter. Die Rätsel waren oftmals darauf ausgelegt, nur sehr schwer lösbar zu sein, um entweder die Klugheit des Rätselstellers oder aber die des Ratenden zu betonen. Insgesamt sind also mindestens drei Gründe zu erkennen, aus denen Tierrätsel in der Sangspruchdichtung so "tierisch-schwierig" sind.

Weitaus weniger schwierig erscheint es, ein Fazit aus meinen in Amiens gewonnenen Eindrücken zu ziehen: Was sich mir bot, war eine äußerst interessante Tagung mit netten Kollegen in angenehmer Atmosphäre.

Abschließend möchte ich mich ganz herzlich für die Finanzierung meines Amiens-Aufenthaltes durch das Graduiertenkolleg „1876 - Frühe Konzepte von Mensch und Natur“ bedanken.