Freitag, 26. Februar 2016

Workshop "Wissen von Mensch und Natur. Tradierung, Aktualisierung und Vermittlung in frühneuzeitlichen Übersetzungen" (19.-20.02.2016)

Ein Beitrag von Katharina Hillenbrand.

Am 19. und 20. Februar wurde unter Beteiligung des GRKs 1876 "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" und des DFG-Netzwerks "Humanistische Antikenübersetzung und frühneuzeitliche Poetik in Deutschland (1450-1620)" der Workshop "Wissen von Mensch und Natur. Tradierung, Aktualisierung und Vermittlung in frühneuzeitlichen Übersetzungen" mit dem Ziel ausgerichtet, Tendenzen beim Übersetzen antiker Texte in der frühen Neuzeit herauszuarbeiten. Der Workshop bestach durch die Bandbreite eingeladener Referenten aus anderen Forschungsprojekten zu antikem bis frühneuzeitlichem Wissen von Mensch und Natur wie des Bochumer DFG-Projekts "Klassiker im Kontext" oder des Münchner DFG-Projekts "Die 'Mulomedicina' des Theodoricus Cerviensis und ihre Schlüsselrolle in der Überlieferung der lateinischen Pferdemedizin der frühen Stallmeisterzeit Italiens". 
 
Thematisch wurde an den beiden Tagen ebenfalls eine große Bandbreite an Wissen von Mensch und Natur berührt: So ließ sich ein erster Block grob dem Stichwort der Naturphänomene zuordnen und umfasste Beiträge zu Naturgewalten, wie Sintflut-Darstellungen in Rezeptionen des Deukalion-Mythos Ovids, zu Chroniken oder geographisch-ethnologischem Wissen, das die Irrfahrten des Odysseus aufgriff. Einen zweiten Block bildeten Beiträge zu Darstellungen von Flora und Fauna und damit mehr oder weniger naturkundlichen Werken über Tiere, wie sie in Übersetzungen der hippologischen Schriften Xenophons durch Camerarius oder in Übersetzungen ausgewählter Bücher des Plinius durch Heinrich Eppendorf und Johannes Heyden erkennbar waren. Hierzu referierte einer der Doktoranden des Graduiertenkollegs, Dominic Bärsch. Daneben wurden auch Werke über Pflanzenwissen in Kräuterbüchern vorgestellt, deren Konzeption auf dem Rückgriff auf verschiedenste Quellen beruhte. Im weiteren Sinne gehörte dazu auch ein Beitrag zur Darstellung von Göttern, Menschen und Natur in der Ovid-Rezeption. Er lässt sich teils aber ebenfalls einem dritten thematischen Block zuweisen, welcher die Darstellung von Menschen fokussierte. Hierunter fiel auch ein Beitrag zur Narrenschiff-Rezeption, der Aufgriffe und Modifikation antiker Gender-Diskurse aufzeigte. Durchweg herrschte eine sehr konstruktive, intensive und ergebnisorientierte Diskussionsatmosphäre. Diese zeigte sich auch am Nachmittag des ersten Tages, als den Nachwuchswissenschaftlern, die auch an der Moderation beteiligt wurden, die Möglichkeit gegeben wurde, ihre Dissertations- oder Abschlussprojekte in einer Poster-Präsentation bekannter zu machen. Hierzu fanden sich auch mehrere Promovenden des GRKs ein.
 
Als erkennbare und einende Tendenz der Vorträge im Workshop zeichnete sich die Anpassung antiker Texte an ihren frühneuzeitlichen Kontext ab. So gingen viele Übersetzungen sehr selektiv in der Auswahl ihrer Vorlagen vor und fokussierten etwa nur einzelne Bücher eines Werks, sparten Passagen aus, modifizierten sie oder versahen sie mit Erläuterungen. Dies konnte oft mit der Einbindung des heilsgeschichtlichen Diskurses in Verbindung gebracht werden, beschränkte sich aber keineswegs darauf. So zeigte sich ebenso deutlich, wie zeitgenössisches, naturkundliches Wissen eingebunden wurde, das auf keiner antiken Vorlage beruhte. Teils ließen sich hierbei sogar mündliche Überlieferungszusammenhänge annehmen. Auffallend war der zunehmend selbstbewusste Umgang mit der deutschen Sprache, wenngleich durchaus auch auf Unzulänglichkeiten beim Übersetzen aufmerksam gemacht wurde. Die einzelnen Vorträge wurden dabei stets von intensiven Diskussionen und "ausreichend Rekreationspausen" begleitet.
 
In der Schlussdiskussion wurde festgehalten, dass der Übersetzungsbegriff in der frühen Neuzeit einen hohen Grad an Differenzierung aufweist. Teils lässt er sich deckungsgleich mit dem Konzept-Begriff verstehen. So stehe hinter dem Übersetzungsvorgang dieser Zeit ein komplexer Transformationsprozess, in dem die Wanderung von Vorstellungen erkennbar werde. Die frühe Neuzeit zeigte sich insgesamt als eine sehr produktive Epoche, die in ihren Werken nahezu bibliotheksartig unterschiedliche Wissenssysteme einzubinden wusste. Dies zu erfassen, sei ein offener Begriff wie derjenige der Übersetzung oder des Konzeptes besonders geeignet. 

Donnerstag, 11. Februar 2016

Tandemvortrag: "Was grünt denn da? – Pflanzen in bildlichen Darstellungen und Texten"

Ein Beitrag von Tim Brandes.
 
Am 4. Februar 2016 hielten die Kollegiatinnen Carrie Schidlo (Ägyptologie) und Valeria Zubieta Lupo (Altorientalische Philologie) den letzten Tandemvortrag des Wintersemesters 2015/16 mit dem Titel "Was grünt denn da? – Pflanzen in bildlichen Darstellungen und Texten".
 
Ziel des Vortrags war es, Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten der Dissertationsprojekte der beiden Kollegiatinnen näher zu beleuchten. Trotz der zunächst völlig unterschiedlichen Themen und der massiven geographischen und chronologischen Differenz der in den Arbeiten untersuchten Kulturen – dem spät- bis römerzeitlichen Ägypten auf der einen Seite und der in Anatolien angesiedelten Kultur der Hethiter auf der anderen Seite – fand sich doch in beiden Dissertationsvorhaben ein gemeinsamer Nenner: die Pflanzen. Während sich Carrie Schidlo in ihrem Projekt mit bildlichen Pflanzendarstellungen in Ägypten beschäftigt, bilden die Pflanzen in der Arbeit von Valeria Zubieta Lupo eine große Rolle in der schriftlich dargelegten, hethitischen Heilpraxis.
 

 

Unterschiedliches Quellenmaterial, ähnliche Problemstellungen

 
Trotz der bereits genannten Unterschiede in der Thematik und der Art der Quellen zeigten die beiden Kollegiatinnen, dass sich dennoch die gleichen Fragestellungen entwickelt haben. Dazu zählt z. B. die grundlegende Frage, welche Pflanzen in den Quellen überhaupt vorkommen? Doch schon hier offenbarten sich in beiden Projekten, wie die beiden Kollegiatinnen überzeugend darlegen konnten, ganz eigene Schwierigkeiten.
 
So liegen zwar für die bildlichen Darstellungen von Pflanzen aus Ägypten zahlreiche Bestimmungen und Deutungsversuche vor, doch machte Carrie Schidlo darauf aufmerksam, dass diese Bestimmungen keineswegs eindeutig sind.
 
Auch die hethitischen Quellen bieten ihre ganz eigenen Probleme auf, wenn es um die Identifizierung der Pflanzen geht. Zwar sind die Namen der Pflanzen aus den Schriftquellen überliefert, ihre Bestimmung ist aber in den allermeisten Fällen nicht möglich.
 

 

Von Rosen und Frühlingsfesten

 
In der zweiten Hälfte des Vortrags verdeutlichten die beiden Kollegiatinnen die Frage- und Problemstellungen anhand ausgewählter Beispiele:
 
So führten rosafarbene Kränze auf ägyptischen Mumienportraits zu der Frage, ob es Rosen in Ägypten gab oder ob es sich dabei um Einflüsse anderer Kulturen handelte. Und tatsächlich ergaben Recherchen, dass man entsprechende archäobotanische Funde in Ägypten gemacht hat. Eine ebensolche Recherche zu einer in der Sekundärliteratur als "Orangenblüte" betitelten Pflanze hat dagegen ergeben, dass die Darstellung nicht mit den tatsächlichen botanischen Gegebenheiten übereinstimmt. Dies zeigt, wie von Carrie Schidlo zu Beginn des Vortrages bereits verdeutlicht, dass eine Identifizierung der dargestellten Pflanzen nicht immer ohne Weiteres möglich ist und man sich ggf. auf eine reine Beschreibung des Dargestellten beschränken muss. 
 
Für das hethitische Quellenmaterial diente die nur mit sumerischen Logogrammen wiedergegebene AN.TAḪ.ŠUMSAR-Pflanze als Beispiel. Auch hier ist nicht klar, um welche Pflanze es sich genau handelt. In der Forschung wurden verschiedenste Vorschläge gemacht – von einer Krokus-Art über Fenchel bis hin zu Safran. Darüber hinaus ist unbekannt, ob die Hethiter damit die gleiche Pflanze meinten wie die Mesopotamier oder ob die sumerische Schreibung für eine andere Pflanze zweckentfremdet wurde. Klar ist nur, dass eine Pflanze dieses Namens sowohl in Mesopotamien als auch im hethitischen Anatolien als Heilpflanze genutzt wurde. Ihre Bedeutung mag einem deutlich werden, wenn man sich vor Augen hält, dass eines der wichtigsten Feste der Hethiter, ein Frühlingsfest, ebenfalls als AN.TAḪ.ŠUM bezeichnet wurde.
 
Am Ende konnten die beiden Kollegiatinnen festhalten, dass ihre jeweiligen Materialien, trotz aller Unterschiede, zu den gleichen Ausgangsfragen führten und ihre Bearbeitung ähnliche Herausforderungen bereithalten. 
 

Donnerstag, 4. Februar 2016

Der Panther im alten Ägypten und im Mittelalter – Exot auf dem Prüfstand

Ein Beitrag von Carrie Schidlo.
 
Am 21. Januar 2016 stellten Imke Fleuren und Stephanie Mühlenfeld im Rahmen der Plenumssitzung den Panther und die mit ihm verbundenen Konzepte vor.
Das Tandem, das sich mit dem übergeordneten Aspekt der "Exotik" beschäftigt ("Concepts of non-indigenous fauna in Egypt" –
Fleuren / "Konzepte der 'exotischen' Tierwelt in deutschen Texten des hohen und späten Mittelalters" – Mühlenfeld), zeigte sehr eindringlich die Bedeutung dieses Tieres in der jeweiligen Kultur bzw. Epoche.
 

Der Panther im Alten Ägypten – Leopard oder Gepard?

 
In ihrem Vortrag "The 'Panther' in ancient Egypt. A Journey between Animal(s) and Product" unterschied Imke Fleuren zunächst die vier Panther(=Großkatzen)-Arten Löwe (Panthera leo), Leopard (P. pardus), Tiger (P. tigris) und Jaguar (P. onca) voneinander, bevor sie diese von Gepard (Acinonyx jubatus) und Puma (Puma concolor) abgrenzte.

Abb. 1: Gepardenkopf aus dem Grab des Tutanchamun, Ägyptisches Museum Kairo, Inv. Nr. JE 62639
(Quelle:
https://www.flickr.com/photos/134796951@N08/22488721814/in/photolist-knQrPW-AgojiR-Azj7wZ-Agfzv1).

In der nachfolgenden Betrachtung des Panthers im Rahmen der altägyptischen Kultur verdeutlichte Fleuren, dass die Bezeichnung "Panther" synonym sowohl für Leopard als auch für Gepard stand. Sie zeigte an mehreren archäologischen Beispielen, wie Reliefs, Malereien oder Schmuck, die Wiedergabe des vollständigen Tieres sowie allein seines Fells. Besonders anhand der Fellzeichnung kann eine Unterscheidung der beiden Arten vorgenommen werden: das Leopardenfell weist Rosetten auf, während das des Geparden gefleckt ist. Fleuren verwies jedoch auch darauf, dass die Darstellungen des Fells vielfach stilisiert sind. Auf Fellimitaten mit vergoldeten Köpfen (Abb. 1), die eine Gepard-ähnliche Physiognomie aufweisen, wurden Sterne auf den Fellen angegeben. Archäozoologische Funde wurden in Ägypten nur wenige gemacht, weshalb es eine Diskrepanz zwischen Darstellung und Realität gibt.
 
Im Alten Reich (2686 bis 2160 v. Chr.) versprach das Tragen des Pantherfells Macht und Schutz für den Träger. Im königlichen Kontext handelte es sich dabei um Personen aus dem näheren Umfeld des Pharaos. Dies konnten sowohl leibliche als auch angenommene Söhne sein sowie höhergestellte Beamte, die Rituale für den Pharao durchführten. Im privaten Bereich war es der Kultempfänger, der mit dem Fell bekleidet war (Fn. 1).

Bei Funden aus dem Mittleren Reich (2055 bis 1650 v. Chr.) muss zwischen Leopard und Löwe unterschieden werden. Jetzt trug immer derjenige, der ein Ritual durchführt, das begehrte Fell. Auch der Pharao wurde im Ritual bzw. in seiner Funktion als oberster Priester des Landes mit dem Fell bekleidet. In den Opferlisten in den Gräbern erscheint der Leopard jedoch nicht mehr. Ebenso gab es in der Hieroglyphen-Schrift eine Veränderung: wurde in bestimmten Kontexten noch der Leopardenkopf als Zeichen verwendet, so veränderte es sich zum Löwenkopf (Fn. 2).
 
Im Neuen Reich (1550 bis 1069 v. Chr.) bedurfte es einer Unterscheidung zwischen Leopard und Gepard, jedoch blieben die Funktion und die Bedeutung des Fells gleich. Es wurde jetzt überwiegend nur noch von Priestern getragen, weshalb ihm nun auch eine reinigende Wirkung zugesprochen wurde.
 
Fleuren konnte somit als Konzepte, die mit dem Panther in Ägypten assoziiert werden, festhalten, dass es dem Träger des Fells Macht und Stärke verlieh, ihm aber auch gleichzeitig Schutz gewährte. Das Pantherfell war damit ein mächtiges Prestigeobjekt.
 

Vom fantastischen Tier zum realen?

 
Mit Stephanie Mühlenfelds Vortrag "mit reinen gedanchen nach dem suozzen stanche – Aspekte des Panther-Konzepts von der Antike bis ins Spätmittelalter" erfolgte ein zeitlicher und räumlicher Sprung. Mühlenfeld ermittelte mehrere Konzepte zum Panther von der Antike bis ins Mittelalter.

Hinsichtlich des Panther-Konzepts der griechisch-römischen Antike bezog sich
Mühlenfeld auf den Artikel Jochen Walters (Fn. 3). In diesem wird der Panther beispielsweise als ambivalentes Tier interpretiert, das sowohl Aggressor als auch Opfer von Aggressionen sein kann. Das Fell war ein Luxusgut, das aus dem Orient importiert werden musste und somit auch ein geeignetes Geschenk für die Herrscher war. Daneben war er als Tier in der Mythologie ein Begleittier des Dionysos. Plinius beschreibt in seiner Naturalis historia 8, 22-23 die Eigenart und das Erscheinungsbild des Panthers. Er verweist hierbei u. a. auf den guten Duft, der andere Tiere anzieht.

Das mittelalterliche Panther-Konzept besteht für
Mühlenfeld aus mehreren verschiedenen Diskursen, die sich in schriftlichen und bildlichen Quellen zeigen. Sie zieht dabei Texte des Isidor von Sevilla, Albertus Magnus, Mandeville und den Physiologus heran sowie Bilder des Bartholomaeus Anglicus, Konrad von Megenberg und auch verschiedene Bestiarien. Es spielen dabei vor allem das Pantherfell, das von besonderer Schönheit ist, und sein Atem, der so süß ist, dass er andere Tiere anlockt, eine besondere Rolle. Auffällig ist, dass die Beschreibung und die Darstellung des Panthers sehr von dem realen Tier abweichen (Abb. 2).
Abb. 2: Cod. Pal. germ. 300. Fol. 111r. Konrad von Megenberg, Das Buch der Natur – Hagenau –
Werkstatt Diebold Lauber, um 1442-1448? (Quelle:
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg300/0239).
 
Mühlenfeld ordnete die Informationen der unterschiedlichen Medien zum Panther schließlich in fünf Diskurse ein, die sich in manchen Aspekten berühren. Dies stützte die eingangs von ihr formulierte Überlegung, dass bestimmte Tiere in verschiedenen Diskursen erscheinen und von ihnen geformt werden.


Der Panther – ein gemeinsames hohes Gut

 
In ihrem Fazit zeigten die Referentinnen auf, welche Gemeinsamkeiten ihre Projekte trotz geographischer, kultureller und zeitlicher Unterschiede aufweisen. Besonders deutlich wurden der hohe Stellenwert, den das Pantherfell innehat, sowie die Hervorhebung der Fellzeichnung. Mit diesem Luxusgut umgaben sich besonders die Herrscher und höhergestellten Personen einer Kultur. Für den religiösen Bereich lässt sich festhalten, dass der Panther eine wichtige Rolle im Leben nach dem Tod spielt. Auch in der Heraldik kommt der Panther in verschiedenen Konstellationen und Varianten vor. Im übertragenen Sinne waren die ägyptischen Schilde, die mit Gepardenfell bespannt waren, eine Art Vorläufer.


Fußnoten:
[1] U. Rummel, Das Pantherfell als Kleidungsstück im Kult: Bedeutung, Symbolgehalt und theologische Verortung einer magischen Insignie, Imago Aegypti 2, 2008, 109-152.
[2] A. I. McDonald, Animal Metaphor in the Egyptian Determinative System: Three Case Studies (Oxford 2002).
[3] J. Walter, Der Philosoph im Pantherfell. Aelian, Natura animalium 5,54 vor dem Hintergrund antiker Prätexte und moderner Tierethologie, in: J. Althoff – S. Föllinger – G. Wöhrle (Hrsg.), Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption. Band XXV (Trier 2015) 173-202.