Freitag, 31. Juli 2015

"Der Esel als Reflexionsfigur" ‒ Workshop zu Mensch-Tier-Beziehungen in der mittelalterlichen Literatur

Ein Beitrag von Stephanie Mühlenfeld. 

Am 14. Juli 2015 trafen sich an der Universität Kassel acht Mediävisten, um über den Esel als "Reflexionsfigur" in der mittelalterlichen Literatur zu diskutieren. Initiiert wurde der Workshop von der Tier-Mensch-Gesellschaft des Kasseler LOEWE-Schwerpunkts, deren wissenschaftliches Anliegen "die interdisziplinäre Untersuchung von Mensch-Tier-Beziehungen in Geschichte und Gesellschaft unter dem Leitbegriff der Relationalität" ist (Fn. 1). Die Thematik schließt "das Zusammenleben von Menschen und Tieren in Akteursgemeinschaften" mit ein und beleuchtet daher zahlreiche Praktiken (Fn. 2).
 
Der Schwerpunkt ist in die vier Projektbereiche "Unterscheidung und Hierarchisierung", "Annäherung und Vermittlung", "Erfassung und Repräsentation" sowie "Kognition und Emotion" gegliedert und weist damit sehr große Schnittmengen zu den Themengebieten auf, die innerhalb des Mainzer Graduiertenkollegs im Fokus des Interesses stehen (Fn. 3).
 
Als Teilnehmer aus dem Projektbereich "Erfassung und Repräsentation" waren Prof. Dr. MICHAEL MECKLENBURG, Prof. Dr. CLAUDIA BRINKER-VON DER HEYDE, Dr. SUSANNE SCHUL und ANNA-THERESA KÖLCZER zugegen. Des Weiteren nahmen JProf. Dr. JULIA WEITBRECHT und die beiden DoktorandInnen HANNAH RIEGER und RENKE KRUSE vom Germanistischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel teil. Durch die Teilnahme STEPHANIE MÜHLENFELDS war außerdem auch das Mainzer Graduiertenkolleg 1876 "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" vertreten.
 
Das Zusammentreffen verfolgte neben einer lebhaften und aufschlussreichen Diskussion das Ziel, erste Kontakte zu den Wissenschaftlern zu knüpfen, die im kommenden Jahr, vom 3. bis 4. März 2016, an dem großen Kasseler Workshop Die Sicht des Tieres. Reflexionen von Tier-Mensch-Beziehungen in mittelalterlichen Texten teilnehmen werden. Dieser größer angelegte Mediävistik-Workshop wird ebenfalls in Kooperation des interdisziplinären LOEWE-Schwerpunkts und des Germanistischen Seminars der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel stattfinden.
 

Der Esel in malam et bonam partem

 
Als Textgrundlage für die Diskussion dienten Rutebeufs Fabliau Das Testament eines Esels, Der Pfaffe Amis des Strickers und die Ausführungen zum Esel im Buch der Natur Konrads von Megenberg (Fn. 4). Darüber hinaus wurden die beiden Forschungsansätze UDO FRIEDRICHS sowie SUSAN PEARSONS und MARY WEISMANTELS aufgegriffen, thematisiert und zum Teil in Frage gestellt (Fn. 5). Eine der Grundannahmen war dabei, dass die semantischen Eigenschaften des Esels in der mittelalterlichen Literatur sehr ambivalent sind und abhängig von dem jeweiligen Kontext und Deutungshorizont "in malam et bonam partem" ausgelegt werden können (Fn. 6).
 
Die Eselbeschreibung im Buch der Natur Konrads von Megenberg kann als anschaulicher Beleg für diese These betrachtet werden. So weiß Konrad einerseits sehr Positives vom Esel zu berichten, nämlich dass er äußerst friedfertig sei ‒ selbst wenn man ihm harte Schläge beibringe (Daz tier waiz niht chriegs, wann ez gar frid_am i_t: Vnder herten _traichen i_t ez _(nftig und gΦtig) (Fn. 7). Außerdem diene das Tier dazu, schwere Lasten zu tragen (Ez tregt _w(r pΦrd auf im) (Fn. 8). Andererseits hebt der mittelalterliche Naturkundige als negative Eigenschaft hervor, der Esel trage das Laster der sexuellen Triebhaftigkeit mit sich, denn er sei ‒ so drückt es Konrad aus ‒ vnchaΦ_ch (Fn. 9).
 
Dieses Laster der 'Unkeuschheit' lasse sich auch am Körperbau des Tieres erkennen, denn seine vordere Rückenpartie, auf der es ein Kreuz trage, sei äußerst schwach. Die hintere Körperhälfte hingegen ‒ die wohl in erster Linie mit dem Sitz der Geschlechtsorgane assoziiert wird ‒ sei sehr stark (Ich _prich auch, daz der e_el vorn, da er chrank i_t, ein chr(utz tregt auf dem ruck vnd hinten, da er die niern tregt, da ist er _tarch) (Fn. 10). Diese körperliche Beschaffenheit wird daraufhin in eine Analogie gesetzt zu dem Stand der Geistlichkeit, denn auch die Kleriker ‒ so Konrad ‒ zeigten sich, wenn sie ein Kreuz tragen, beten oder fasten sollten, schwach. Wenn es allerdings darum gehe, der sexuellen Triebhaftigkeit Freiraum zu gewähren, seien sie stark (Also tů wir Mppigen pfaffen: Da wir daz chr(utz _chΦllen tragen mit va_ten vnd mit beten vnd mit allem g=tleichem dien_t, da _ei wir laider chranch; aber da wir vnch(u_ch vnd all vnfůr tragen, da _ei wir _tarch) (Fn. 11).
 
Cod. Pal. germ. 300. Konrad von Megenberg: Das Buch der Natur. Hagenau - Werkstatt Diebold Lauber, um 1442-1448?; Seite: 84r (Fn. 12).

Die Analogie zwischen Esel und Pfaffe, die Konrad hier entwirft, scheint ‒ wenn auch in stark veränderter Weise ‒ in anderen literarischen Werken des Mittelalters als eine Art kulturhistorischer Subtext anzuklingen. Beispiele hierfür sind in dem Fabliau Das Testament eines Esels von Rutebeuf sowie in Der Pfaffe Amis des Strickers zu sehen. 

Der Esel als großzügiger Erblasser


In Rutebeufs Das Testament eines Esels geht es um einen sehr wohlhabenden Priester, dessen ganzes Streben darauf gerichtet ist, seinen immensen Besitz noch weiter zu vergrößern. Einer der Gründe, warum der Kleriker einen derart großen Reichtum anhäufen konnte ist, dass er über zwanzig Jahre hinweg einen sehr arbeitsamen Esel namens Baudouin an seiner Seite hatte. Als der Esel jedoch an Altersschwäche stirbt, beschließt der Priester aus Wertschätzung und Dankbarkeit seinem Tier gegenüber, dieses – entgegen aller Gepflogenheiten und entgegen dem Willen der Kirche – auf einem Friedhof beizusetzen. 
 
Nur wenig später wird der Priester von einigen Neidern beim Bischof denunziert und muss sich daraufhin für sein Verhalten im ʻCasus Eselʼ rechtfertigen. Der Bischof erscheint zunächst in höchstem Maße unversöhnlich und droht damit, den Priester ins Gefängnis werfen zu lassen. Dieser bittet um einen Tag Aufschub; dann wolle er sich zu dem Vorwurf äußern. Als der Bischof seiner Bitte nachkommt, holt sich der Priester seine "gute Freundin" zur Hilfe: seine Geldbörse (Fn. 13). Mit einem prall gefüllten Geldgürtel, der zwanzig Pfund in barer Münze enthält, reitet er am darauffolgenden Tag zurück zum Bischof. Als jener erneut nach einer Erklärung verlangt, legt der Priester seinen Geldgürtel frei und erklärt dem Bischof: "Herr, hier sind nicht viele Worte angebracht: Mein Esel hat lange gelebt; ich hatte in ihm einen sehr guten Schutz und Schild. Er hat mir gedient und bereitwillig, sehr getreu für volle zwanzig Jahre; so wahr mich Gott erlösen möge, jedes Jahr verdiente er dabei zwanzig Sous, so dass er zwanzig Pfund gespart hat. Damit er von den Höllenqualen verschont bleibt, hinterlässt er sie Euch in seinem Testament" (Fn. 14). Der Bischof ‒ höchst erfreut über diesen unverhofften Geldsegen ‒ entgegnet daraufhin: "Gott helfe ihm, er vergebe ihm seine Verfehlungen und alle Sünden, die er begangen hat!" (Fn. 15).
 
Die Parallelen, die sich zwischen der Eselbeschreibung im Fabliau und der im Buch der Natur Konrads von Megenberg zeigen sind, dass das Tier in beiden Texten als besonders arbeitsam charakterisiert wird. In Rutebeufs Kurzerzählung bleibt es bei diesen ausschließlich positiven Zuschreibungen, denn die Negativ-Attribute bleiben gänzlich den beiden Klerikern vorbehalten. Der Priester wird insofern negativ dargestellt, als dass von ihm gesagt wird, seine 'gute Freundin' ‒ die Geldbörse ‒ lasse ihn niemals im Stich. An dieser Aussage lässt sich wohl am besten das Weltverständnis des Klerikers ablesen, gemäß dem beinahe alles käuflich ist und seinen Preis hat. Ein etwas positiveres Licht auf ihn vermag alleine die Tatsache zu werfen, dass er offenbar ein sehr inniges Verhältnis zu seinem Tier hatte, obgleich Esel im Mittelalter ganz überwiegend als reine Nutztiere gehalten wurden.
 
Einen weitaus verheerenderen 'Verfall der moralischen Werte' legt aber der Bischof an den Tag, wenn er ‒ in seiner grenzenlosen Bestechlichkeit ‒ beim Aufblitzen des Geldes sofort seine Meinung ändert und fortan auf das Seelenheil des Esels hofft. Maßlosigkeit scheint hier das Attribut zu sein, das die Kleriker in Rutebeufs Fabliau mit denjenigen in Konrads Eselbeschreibung gemeinsam haben (auch wenn sich die Maßlosigkeit in Konrads Text wohl eher auf den sexuellen Bereich bezieht). 
 

Der Esel als 'gelehriger Schüler'

 
In Der Pfaffe Amis des Strickers geht es ebenfalls um einen Kleriker, nämlichen den cleveren Pfaffen Amis, der nicht nur sehr schlau, sondern auch überaus spendabel und freigebig ist. Doch mit eben dieser Freigebigkeit zieht der Geistliche den Neid und die Missgunst des Bischofs auf sich. Der Bischof droht damit, Amis die Pfarrstelle zu entziehen. Amis erklärt daraufhin, er habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen und eine Prüfung seiner theologischen Kenntnisse solle darüber entscheiden, ob er seine Pfarrstelle behalten dürfe. Der Bischof geht zwar zunächst auf dieses Angebot ein, stellt Amis aber Aufgaben, die eigentlich unlösbar sind, wie beispielsweise "Sag mir, wieviel Wasser das Meer enthält" (V. 101). Mit seinen klugen Antworten schafft Amis es jedoch stets, sich herauszuwinden; so auch bei der finalen Aufgabe des Bischofs. Dieser verlangt nun, der Pfaffe solle einem Esel das Lesen beibringen. Amis spielt auf Zeit und sagt, er benötige 30 Jahre, um den Esel so zu unterrichten, dass er des Lesens mächtig sei. Seine heimliche Hoffnung besteht darin, dass einer der drei Beteiligten ‒ entweder er selbst, der Esel oder der Bischof ‒ vor Ablauf dieser 30 Jahre aus dem Leben scheidet.
 
Nach der Abreise des Bischofs beginnt Amis mit dem Lese-Training für den Esel: dem Tier wird ein Buch vorgelegt und zwischen alle Seiten wird Hafer gestreut; jedoch stets nur in einer solchen Menge, dass der Esel niemals satt wird und umblättern muss, um weiteren Hafer zu finden und 'herauszulesen'. Diese Übungen betreibt der Pfaffe mit seinem Esel von früh bis spät, bis dieser das Umblättern (blatwerfen V. 253) perfekt beherrscht. Als der Bischof einige Zeit später zum Pfaffen zurückkommt, um sich über die Fortschritte des Esels zu informieren, bekommt er das 'Umblättern' vorgeführt. Da Amis diesmal jedoch keinen Hafer in das Buch gestreut hat, beginnt der Esel nach kurzer Zeit zu schreien. Auf die Frage des Bischofs, was dies zu bedeuten habe, antwortet Amis: "Er hat die Buchstaben gesehen. Ich bringe ihm das ABC bei. Davon hat er bisher nicht mehr gelernt als das A. Als er davon so viele erblickte, hat er es laut wiederholt, um es sich besser einzuprägen. Er ist außergewöhnlich gelehrig. Ich werde ihm alles beibringen, was ich soll" (Fn. 16). Darüber ist der Bischof höchst erfreut und zieht von dannen. Kurze Zeit später verstirbt der Bischof und Amis ist somit von der Aufgabe befreit. 
 
Entgegen dem heutzutage häufig gebrauchten Bild vom 'dummen Esel' erlernt das Tier in der Erzählung des Strickers zumindest die Kulturtechnik des Lesens. Allein die Sprache ‒ die lange Zeit über als das Unterscheidungskriterium zwischen Mensch und Tier galt ‒ bleibt ihm unzugänglich. Innerhalb der Handlung dient der Esel insbesondere dazu, die Klugheit des Pfaffen und die Unwissenheit und Weltfremdheit des Bischofs vor Augen zu führen, sodass sich der Rezipient am Ende fragen darf, wer hier eigentlich im sprichwörtlichen Sinne der ʽEselʼ ist: das Tier? Oder vielleicht doch viel eher der Bischof?
 
 
Fußnoten:
[2] Ebenda.
[3] Ebenda.
[4] RUTEBEUF: Das Testament eines Esels. In: Fabliaux. Schwankerzählungen des Hochmittelalters. Hrsg. v. Albrecht Gier. Stuttgart 1985 (RUB 8058), S. 222-231; DER STRICKER: Der Pfaffe Amis. Hg., übersetzt und kommentiert von Michael Schilling. Stuttgart 2007, S. 4-23; KONRAD VON MEGENBERG: 'Esel'. In: Das "Buch der Natur". Bd. 2 Kritischer Text nach den Handschriften. Hrsg. v. Robert Luff / Georg Steer. Tübingen 2003 (Texte und Textgeschichte 54), S. 144f. 
[5] UDO FRIEDRICH: Die Paradigmatik des Esels im enzyklopädischen Schrifttum des Mittelalters und der frühen Neuzeit. In: Am Beispiel des Esels. Denken, Wissen und Weisheitin literarischen Darstellungen der "asinitas". Hrsg. v. Hans-Jürgen Scheuer (= Zeitschrift für Germanistik. Neue Folge 25,1 Jg. 2015), S.93-109; SUSAN PEARSON / MARY WEISMANTEL: Gibt es das Tier? Sozialkonstruktivistische Reflexionen. In: Tierische Geschichte. Die Beziehung von Mensch und Tier in der Moderne. Hrsg. v. Dorothee Branz und Christoph Mauch. Paderborn u.a. 2010, S. 379-399.
[6] FRIEDRICH, (Anm. 5), S. 94.
[7] KONRAD VON MEGENBERG, (Anm. 4), S. 144.
[8] Ebenda.
[9] Ebenda.
[10] Ebenda.
[11] Ebenda.
[12] Auf: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg300/0185. Zugriff am 29.07.2015 um 9:59 Uhr.
[13] RUTEBEUF, (Anm. 4), V. 119-122.
[14] Ebenda, V. 148-157: «Sire, ci n'afiert plus lonc conte: / Mes asnes at lonc tans vescu; / Mout avoie en li boen escu. / Il m'at servi et volentiers / Moult loiaument vint ans entiers: / Se je soie de Dieu assoux, / Chacun an gaaingnoit vint soux, / Tant qu'il at espairgnié vint livres. / Pour ce qu'il soit d'enfer delivres / Les vos laisse en son testament.»
[15] Ebenda, V. 158.160: Et dist l'esvesques: «Diex l'ament / Et si li pardoint ses meffais /Et toz les pechiez qu'il at fais!»
[16] DER STRICKER, (Anm. 4), V. 292-300: "Er hat die buchstab hersehen. / Ich ler in daz a. b. c. / Des enhat er niht me / noch gelernet wan daz a. / Der hat er vil gesehen da. / Da von spricht ers dicke umb daz / daz ers behalt dester baz. / Er lernt zu der mazen wol. / Ich ler ouh in, waz ich sol."
 

Donnerstag, 30. Juli 2015

Vortrag: Dr. Maximilian Schich – "Wer hat Angst vor Scientismus – Ein Netzwerkansatz für Kulturgeschichte"

Ein Beitrag von Simone Gerhards.
 
Am 9. Juli 2015 besuchte Dr. Maximilian Schich von der University of Texas at Dallas das Graduiertenkolleg. Herr Schich hat Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Allgemeine Psychologie studiert und wurde in der Kunstgeschichte promoviert; mittlerweile arbeitet er als Associate Professor an der University of Texas at Dallas am Fachbereich "Art and Technology". Im Vorfeld seines Vortrags nahm er sich Zeit, um mit den Kollegiatinnen und Kollegiaten über ihre Dissertationsprojekte zu sprechen, hilfreiche Anmerkungen zu geben und viele neugierige Fragen über Visualisierungsmöglichkeiten und Netzwerktheorien zu beantworten. Da das Graduiertenkolleg einen Schwerpunkt auf Methodenvielfalt und deren Anwendung legt, haben nun auch die digital humanities und damit eine von vielen digitalen Methoden Einzug in das Spektrum des Graduiertenkollegs gehalten.


Neue Methoden in den Geisteswissenschaften

 
Thema des Vortrags war der Inhalt eines Artikels, den Herr Schich 2014 zusammen mit Kollegen im Science-Magazine veröffentlicht hat und der international für großes mediales Aufsehen gesorgt hat (Fn. 1).

Schich und Kollegen haben im Rahmen eines Forschungsprojekts die Geburts- und Sterbedaten von ca. 150.000 bekannten Menschen gesammelt und diese in einer aufwendigen, ca. drei Jahre dauernden Umwandlung in verschiedenen Schritten visualisiert. Die Informationen über die Personen stammen von Freebase.com, drei verschiedenen kunsthistorischen Lexika und der Getty Union List of Artist Names. Dabei interessierten Schich und seine Kollegen vor allem die Mobilitätsbewegungen der Personen zwischen ihrem Geburts- und Sterbeort. Die bekannte animierte Visualisierung der Daten ist aber "nur" das Endprodukt einer langen Kette von Auswertungen, die mit verschiedensten Methoden aus der Komplexitätsforschung oder beispielsweise biologischen Verfahren, die aus der Protein-Interaktion bekannt sind, entstanden sind. Ein Großteil der Erkenntnisse ist zwar für Historiker bereits wohlbekannt, doch dadurch zeigte sich, dass einerseits unkonventionelle Daten zum selben Ergebnis kommen und andererseits Gesetze wie z. B. die "Laws of Migration" an einem großen Datensatz verifiziert werden können.
 

Visualisierung als Erkenntniswerkzeug

 
Schich betonte, dass man bei der Umsetzung einer Visualisierung stets aufpassen muss, dass auch andere Forscher die visualisierten Daten verstehen können. Nur so kann eine Visualisierung als Erkenntniswerkzeug dienen, um mit anderen zu kommunizieren. Herr Schich wollte durch seinen Vortrag zeigen, dass auch innerhalb der historischen Forschung quantitative Auswertungen möglich seien. Auf diese Weise könnten z. B. neue Forschungsfragen aufgeworfen werden, die bisher aufgrund zu großer Datenmengen im Verborgenen blieben. Dadurch könnten historische Daten auch für fachfremde Forscher interessant sein und so Inter- und Multidisziplinarität gefördert werden.


Fußnote:
[1] Schich M., Song C., Ahn Y.Y., Mirsky A., Martino M., Barabási A.L., Helbing D., A network framework of cultural history, in: Science 345, 2014, 558-562.

Mittwoch, 29. Juli 2015

Dissertationsprojektpräsentation von Carrie Schidlo: Florale Elemente in Flach- und Rundbild von der Spätzeit bis in die römische Zeit Ägyptens

Ein Beitrag von Dominic Bärsch.

An altägyptischen Hinterlassenschaften zeigt sich eine Vielfalt floraler Elemente. Die wohl bekannteste Pflanze Ägyptens ist die Blaue Ägyptische Seerose, die auch heute noch botanisch inkorrekt als "Lotus" bezeichnet wird. Doch worin liegt der tiefere Sinn ihrer Abbildung und welche Pflanzen stellt man zudem dar?

Mit ihrem Dissertationsprojekt untersucht
Carrie Schidlo zum einen die Ikonographie pflanzlicher Darstellungen vom 7. Jahrhundert v. Chr. bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. Zum anderen sollen die florale Motivik und ihre Wiedergabeformen der Rekonstruktion kultureller Konzepte dienen, die durch Pflanzendarstellungen transportiert wurden.
  

Florale Elemente?

 
Auf den unterschiedlichen Bildträgern des Sepulkral-, Sakral- und Profanbereichs erscheinen in großer Fülle Blumen, Gräser, Farne, Palmen, Bäume und Sträucher. Als pflanzliche Elemente können sie dabei vollständig, aber auch nur in ihren einzelnen Bestandteilen oder als Gebinde auftauchen.
  

Primärquellen floraler Elemente

 
Bei ihrer ikonographischen Studie fokussiert sich Carrie Schidlo zunächst auf den Sepulkralbereich des römerzeitlichen Ägyptens, von dem aus einzelne markante Motive diachron (Vorläufer- und Nachfolgermotive) und synchron (Sakral- und Profanbereich) betrachtet werden. Dabei ergeben sich die Fragen, welche floralen Elemente dargestellt werden, in welchen Kontexten sie auf welchen Bildmedien erscheinen und welche Tradierungen und Veränderungen sich in der Auswahl der Motivik niederschlagen. Carrie Schidlo betont dazu ausdrücklich, dass sie keine botanischen Bestimmungen anhand der Darstellungen vornehmen werde, da es sich dabei häufig um stilisierte Wiedergaben handelt bzw. die für eine Artbestimmung wesentlichen Merkmale fehlen. 
 

Weitere Quellen und Konzeptermittlung

 
Die aus den Bildquellen ermittelten floralen Motive sollen der Rekonstruktion der kulturellen Konzepte Altägyptens dienen. Zur Ergänzung werden adäquate zeitgleiche, altägyptische Schriftquellen, wie auch archäobotanische Untersuchungen von Mikro- und Makroresten ägyptischer Pflanzenfunde herangezogen. Hierbei soll darauf geachtet werden, welche Entsprechungen oder Widersprüche Bild- und Textquellen sowie die Archäobotanik hinsichtlich der Informationen zur Verwendung und Bedeutung der jeweiligen Pflanzen aufweisen. Neu erscheinende, in ägyptischen Darstellungen bisher nicht bekannte Pflanzenmotive verweisen auf mögliche Einflüsse aus den Kulturkreisen Griechenlands, Roms und des Alten Orients. Ausgewählte Quellen aus diesen Kulturen sollen weiterhin mit Blick auf universell im Mittelmeerraum gültiger Konzepte verglichen, aber daneben auch die spezifisch altägyptischen Konzepte herausgestellt und Tradierungen kenntlich gemacht werden.
 

Dissertationsprojekt von Katharina Hillenbrand: "Vulkanische Phänomene in der römischen Antike – Literarische Faktur und diskursive Formung"

Ein Beitrag von Carrie Schidlo.
Ausgehend vom theoretischen Hintergrund ihres Dissertationsprojektes, der historischen Katastrophenforschung, erläuterte Katharina Hillenbrand den Untersuchungsgegenstand und exemplifizierte ihr Vorgehen anschließend an einigen ausgewählten Beispielen.
 

Vulkanische Phänomene und historische Katastrophenforschung

 
Unsere modernen Vorstellungen von Vulkanen weichen oft von der realen Beschaffenheit der verschiedenen Vulkantypen ab und sind vorrangig medial durch die Kriterien der Ästhetik geformt. Ausgehend von diesem Missverhältnis zwischen konzeptioneller Vorstellung und realer Beschaffenheit leitete Katharina Hillenbrand zum theoretischen Hintergrund ihrer Arbeit über und begründete, weshalb sie sich an diese anlehne, machte gleichzeitig aber auch deutlich, inwieweit sie von ihr abweichen muss.

Die historische Katastrophenforschung beschäftigt sich mit der Interaktion zwischen Mensch und Naturgewalten und postuliert, dass Naturkatastrophen vor allem soziale Phänomene darstellen. Im Dissertationsprojekt soll der Fokus jedoch um die verschiedenen, auch vermeintlich harmlosen vulkanischen Phänomene erweitert werden. Dies sei mit der Besonderheit vulkanischer Naturgewalten zu begründen, die zwar gefährlich seien, umgekehrt aber ebenso viele positive Aspekte für den Menschen brächten, die es bei der Betrachtung der Interaktion von Mensch und Naturgewalt ebenso zu berücksichtigen gelte.

Vulkanische Phänomene und Klassische Philologie

 
Katharina Hillenbrand machte deutlich, dass die historische Katastrophenforschung weniger aus philologischen Disziplinen erwachsen ist und der Tatsache einer rein literarischen Überlieferungsform teils nicht genügend Rechnung trägt. In einer philologischen Untersuchung sei es daher verstärkt nötig, den literarischen und diskursiven Kontext der Darstellungen tiefer zu würdigen. Es sei einerseits nötig zu schauen, wie Naturgewalten literarisch umgesetzt wurden, andererseits aber auch, mit welchen Diskursen sie verbunden wurden. Insbesondere gehöre dazu auch, wann sie als gewaltig und wann sie nicht als gewaltig eingestuft wurden. Es gelte folglich, Darstellungen der Bandbreite an Erscheinungen zu berücksichtigen. Ziel des Projektes ist es daher herauszuarbeiten, wie die verschiedenen vulkanischen Phänomene konzipiert sowie hinsichtlich ihrer Gefährlichkeit eingestuft wurden und wie sich diese Einstufung literarisch und diskursiv niederschlägt. Gegenstand der Betrachtung seien daher nicht nur die verschiedenen Eruptionsarten, sondern auch vermeintliche Randphänomene, die menschliche Reaktionen auf Vulkanismus hervorrufen. Schwerpunktmäßig wird aufgrund der Quellenlage der Zeitraum vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. betrachtet.

Bei den Fallbeispielen zeigte Katharina Hillenbrand anhand ausgewählter Texte, dass einerseits verschiedene vulkanische Kategorien bekannt waren, andererseits aber jene Vielfalt in ihrer literarischen Inszenierung verengt und übergeordneten Zwecken zugänglich gemacht wird. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Frage, inwieweit die vulkanische Phänomenologie, soweit sie sich für die betreffende Zeit rekonstruieren lässt, eine prägende Rolle für die literarische Umsetzung spielte.
 

Mittwoch, 22. Juli 2015

47. Ständige Ägyptologenkonferenz in Trier

Ein Beitrag von Sonja Gerke.

Als am Wochenende vom 10. bis zum 12. Juli 2015 das ägyptologische Institut der Universität Trier zur 47. Ständigen Ägyptologenkonferenz (SÄK) geladen hatte, fanden sich knapp 250 Forscher aus allen Teilen der Welt (Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Ägypten, Schweden, Katar) in der Römerstadt Trier ein. Darunter befand sich insbesondere auch eine knapp 30-köpfige Delegation der Mainzer Ägyptologie, inklusive der vier Kollegiatinnen Nadine Gräßler, Simone Gerhards, Sonja Gerke und Carrie Schidlo, die das GRK mit insgesamt vier Posterpräsentationen der jeweiligen Dissertationsprojekte vor Ort vertraten (Abb. 1 und 2). Die vier Poster finden Sie hier: "Das Auge im alten Ägypten", "Schläfst du noch oder lebst du schon?", "Die Ägypter und das liebe Vieh" und "Florale Elemente – Mehr als nur Dekoration".
 
Die Ständige Ägyptologenkonferenz ist ein beliebter Ort für fachlichen Austausch, Informations- und Kontaktaufnahme und damit fester Bestandteil und ganz besonderes – und "ständiges" – Highlight des jährlichen ägyptologischen Veranstaltungskalenders. Auch in diesem Jahr bot die Tagung eine abwechslungsreiche Auswahl an Vorträgen, die Einblicke in laufende und abgeschlossene Facharbeiten, Projekte und Grabungen gaben. 


Abb. 1: Nadine Gräßler (links) und Simone Gerhards (rechts) (Foto: Simone Gerhards).
Abb. 2: Sonja Gerke (links) und Carrie Schidlo (rechts) (Foto: Simone Gerhards).

Freitag – Canapés und Mumienträume

 
Das offizielle Programm begann am Freitagnachmittag um 16.00 Uhr mit der Begrüßung durch den Präsidenten der Universität Trier Prof. Dr. Michael Jäckel und Grußworten des Dekans des Fachbereichs III Prof. Dr. Uwe Jun. Außerdem berichtete der ägyptische Minister of Antiquities and Heritage Mamdouh Al-Damaty von Arbeitsfortschritten und der generellen Lage in Ägypten. Nach klassischer SÄK-Tradition folgten daraufhin die Berichte der Vertreter der Institute und Museen, die sich bis in den frühen Abend erstreckten. 
 
Am Abend wurden die Teilnehmer mittels vier Reisebussen ins nahe gelegene Luxemburg gebracht, wo vor der beeindruckenden Kulisse des Musée National d’Histore et d’Art der Empfang mit Wein und Canapés stattfand. Hier hatten die Gäste zudem die Möglichkeit, die derzeit in den Räumlichkeiten gezeigte Kabinett-Ausstellung der Luxemburger Aegyptiaca sowie die Ausstellung "Mumien – der Traum vom ewigen Leben" zu besichtigen. Nach der Rückfahrt nach Trier fand der Abend dann in geselliger Runde in der Trierer Altstadt seinen Ausklang.
 

Samstag – Steine, Computer und Papyri

 
Der Samstag zeichnete sich durch die Vielfalt und Reichweite der Vorträge und Präsentationen aus, die in diesem Jahr keinem speziell vorgegeben Thema untergeordnet waren, um so explizit auch den jüngeren Forschern die Möglichkeit zur Präsentation zu geben.
 
Eröffnet wurde die erste Sektion mit zwei archäologischen Vorträgen: Zunächst berichtete Dietrich Raue (Leipzig) von den neusten, sensationellen Ergebnissen der Grabungen in Heliopolis, die insbesondere in diesem Frühjahr durch den Fund einer Inschrift des Königs Nektanebo I. sowie dem Fragment einer Königsstatue für Schlagzeilen gesorgt hatten. Weiterhin informierte Henning Franzmeier (Doha) über Neuigkeiten, Arbeitsfortschritte und geplante Grabungen in der Ramsesstadt Pi-Ramesse. Der zweite Teil der ersten Sektion gestaltete sich als Ausflug in die Bereiche der digitalen Geisteswissenschaften, wo Sonja Speck und Benjamin Reh (Heidelberg) ihr Projekt des "Siegeldrehers", einer selbstentworfenen Apparatur zur automatischen 3D-Dokumentation von Rollsiegeln vorstellten und Anja Wutte (Wien) Einblicke in ihr Dissertationsvorhaben zur Anwendung von digitalen Architekturanalysen gab. In der zweiten Hälfte des Vormittags wurde von laufenden Projekten aus Heidelberg berichtet, zum einen von Juliane Unger, die eine Edition des außergewöhnlichen medizinischen Papyrus Brooklyn 47.218.75+86 vornimmt, zum anderen von Christoffer Theis mit einem Überblick über die unterschiedlichen Auffassungen zur Anwendung der Todesstrafe in Ägypten im Vergleich zu den Kulturen Vorderasiens.

Nach der Mittagspause konnte frisch gestärkt die Nachmittagssektion beginnen, deren Anfang ein Vortrag von Ramadan B. Hussein (Tübingen) zu "Intertextualität" (intertextuality) und "Entextualisierung" (entextualisation) am Beispiel des Textprogramms zweier Saiten- bzw. Perserzeitlichen Grabanlagen aus Saqqara bildete. Anschließend stellte Yoshifumi Yasuoka (Heidelberg) den bisher unter der Bezeichnung "Gurob Schrein Papyrus" bekannten, großformatigen Papyrus mit der innerhalb eines Rasters angelegten Zeichnung eines Schreins vor, der von ihm mit einer teilweisen Neuinterpretation und -datierung versehen werden konnte. Camilla Di Biase-Dyson (Göttingen) entführte das Publikum ausgehend von Beispielen aus der "Lehre des Amenemope" in die sprachliche Welt der Metaphern und der figurativen Sprache und erläuterte Sinn- und Konzeptzusammenhänge der einzelnen Ausdrücke.

Nach der Kaffeepause widmete sich Manon Schutz (Oxford) den Darstellungen von sitzenden Schakalen, die sich besonders auf Särgen der griechisch-römischen Epoche finden lassen. Sie konnte durch ihren Vortrag besonders deutlich machen, welch große Bedeutung auch auf den ersten Blick klein erscheinenden ikonografischen Details, wie z. B. der Form und Haltung eines Tierschwanzes, innewohnen kann, aber auch wie eng und fließend ägyptische Traditionen mit griechischen Vorstellungen verknüpft und weitergetragen werden können. Anschließend stellte Ralph Birk (München) die Ergebnisse seiner erst kürzlich verteidigten Dissertation über die Entwicklung der thebanischen Hohepriesterschaft der Ptolemäerzeit vor. Den Abschluss des Vortragstages bildete Mareike Wagner (Tübingen), die einen Überblick über die Materialgrundlage ihres noch am Anfang stehenden Projektes gab, das die Publikation der Grabkammer des Ibi in TT36 sowie seiner beiden anthropomorphen Särge umfasst. Der letzte an diesem Tag angekündigte Vortrag von Benoît Lurson (Leipzig) zur Entdeckung des Grabes von Karomama musste leider entfallen.

Den krönenden Abschluss des Tages bildete ein wundervolles Grillfest, das im Garten der Universität bei strahlendem Sonnenschein und zu beschwingten Dixieland/Jazz-Klängen von Klarinette und Saxophon genossen wurde.
 

Sonntag – digitale und analoge Neuigkeiten

 
Der sonntägliche Vormittag widmete sich – wiederum in bewährter SÄK-Tradition – der expliziten Vorstellung von besonderen Projekten und Institutionen, vornehmlich des TLA (vertreten durch Peter Dils, Leipzig) und des Sondersammelgebietes Heidelberg (vorgestellt von Nicole Kloth), das nun in einen "Fachinformationsdienst" transformiert wird. Anschließend folgten die Projekt-Berichte der "Großen Drei", des Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Archäologischen Instituts, Abteilungen Kairo, die von Stephan Seidlmayer, Irene Forstner-Müller und Cornelius von Pilgrim repräsentiert wurden.

Wie in jedem Jahr bildete die mit Spannung erwartete Verkündigung des Veranstaltungsortes der nächsten SÄK den offiziellen Schlusspunkt: Im Jahr 2016 wird die SÄK in Wien zu Gast sein.

Unser herzlicher Dank gilt der Ägyptologie der Universität Trier, stellvertretend Prof. Dr. Sven Vleeming, Dr. Heidi Köpp-Junk und allen beteiligten Helfern und Organisatoren für eine gelungene, spannende und informationsreiche Tagung sowie ein schönes Rahmenprogramm.

Donnerstag, 9. Juli 2015

35. Treffen des Interdisziplinären Arbeitskreises "Alte Medizin"

Ein Beitrag von Sarah Prause.

Am 20. und 21. Juni 2015 fanden sich im Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz altbekannte und neue Gesichter zu dem bereits 35. Treffen des Interdisziplinären Arbeitskreises "Alte Medizin" zusammen.
 
Insgesamt 13 WissenschaftlerInnen aus Deutschland, England, den Niederlanden und Frankreich präsentierten unter der Leitung der Sprecherin und der Sprecher des Ausschusses des Arbeitskreises "Alte Medizin", Prof. Dr. Tanja Pommerening (Mainz), Junior-Prof. Dr. László Károly (Mainz) und Prof. Dr. Karl-Heinz Leven (Erlangen), ihre laufenden Projekte zu dem Themenfeld "Alte Medizin" einem interessierten Publikum. Der zeitliche und räumliche Bogen, der mit den Vortragsthemen abgedeckt wurde, spannte sich vom alten Ägypten über das antike Griechenland bis hin in das Europa der frühen Neuzeit.
 

Von Prognose- und Behandlungsmöglichkeiten in den alten Kulturen

 
Eröffnet wurde die diesjährige Tagung von Prof. Dr. Tanja Pommerening, die zugleich die erste Sektion des Tages moderierte. Zu Beginn referierte Robert Arnott (Oxford) über "Malaria and the Harappan Civilisation". Im Rahmen seines Vortrags stellte Robert Arnott dem Publikum anschaulich dar, dass Malaria zu den häufigsten und schwerwiegendsten Krankheiten der Harappa, einer Zivilisation im Nordwesten des indischen Subkontinents während der Bronzezeit, zählte. In diesem Zusammenhang informierte er über den Erreger, die Verbreitungsmöglichkeiten sowie die oftmals mit der Krankheit verbundenen sozialen Folgen innerhalb der Gesellschaft sowohl in Bezug auf die Harappakultur der Bronzezeit als auch der "modernen" Zeit.

Im Anschluss referierte Susanne Radestock (Leipzig) über das Thema "Zu exspektativer Behandlung in der ägyptischen Medizin". Anhand dreier Textbeispiele aus dem Papyrus Smith, dem sogenannten Wundenbuch, stellte Frau Radestock die Problematik der Deutung der darin enthaltenen therapeutischen Instruktionen sowie retrospektiven Prognosen dar.

Den letzten Vortrag dieser Sektion hielt Friedhelm Hoffmann (München) zu dem Thema "Die Pflanze 'Großer Nil'", die allem Anschein nach im alten Ägypten zur Schwangerschaftsprognose verwendet wurde. In diesem Zusammenhang schilderte er anschaulich die Problematik bezüglich der Identifizierung der Pflanze Großer Nil sowie mögliche Deutungsversuche sowohl in antiker als auch in moderner Zeit.
 

Über den Umgang mit heilkundlichen Quellen und deren Erkenntnisgewinn I: zum Wissenstransfer in den medizinischen Quellen


Die zweite Sektion des Tages wurde von Klaus-Dietrich Fischer (Mainz) moderiert. Zuerst informierte Valeria Zubieta Lupo (Mainz), Doktorandin unseres GRKs, in ihrem Vortrag über "Foreign knowledge in Ḫattuša: Mesopotamian Therapeutic Texts and Mesopotamian Physicians" über den Wissenstransfer innerhalb der antiken Welt anhand mesopotamisch therapeutischer Textbeispiele (Abb. 1).
 
Abb. 1: Valeria Zubieta Lupo (Foto: Sarah Prause).
Es folgte ein Doppelvortrag zu dem Thema "'Drei Dinge lassen den Körper wachsen' – ein vergleichender Blick auf die Regeln zur gesunden Lebensweise (diaita) in den beiden Talmudtraditionen". Hier stellten Tanja Hidde und Lennart Lehmhaus (Berlin) ihre Ansätze zur Analyse und Rekonstruktion der talmudischen Medizin anhand der in den Korpora zu findenden Hinweise auf eine richtige Ernährung und Körperpflege vor.

Zum Abschluss des offiziellen Programms des ersten Tages stellte Mathias Witt (München) in seinem Vortrag "'Aus Antyllos und Heliodoros' – zum Problem der doppelten Autorenlemma-Angaben in den byzantinischen Medizinpandekten, in Rhazes Liber Continens sowie in den syrisch-arabischen Übersetzungen der Hunain-Schule" vor, dass philologische Arbeit oftmals mit detektivischem Geschick verbunden ist.

Im Anschluss daran lud das GRK zu einem gemeinsamen Abendessen ein, bei welchem in geselliger Runde die Möglichkeit bestand, sich besser kennenzulernen und die Ergebnisse des Tages sowie weitere spannende Forschungsthemen zu besprechen.
 

Über den Umgang mit heilkundlichen Quellen und deren Erkenntnisgewinn II: leben und leben lassen

 
Am zweiten Tag begrüßte Karl-Heinz Leven (Erlangen-Nürnberg) das Publikum und moderierte die Vorträge des Vormittags.

Zu Beginn hielt Madeleine Mai (Mainz) ihren Vortrag zu dem Thema "No death without life. Zeugungskonzepte bei Aristoteles und Lukrez". Hier stellte sie zunächst die in der Antike vorherrschende(n) Vorstellunge(n) zur spontanen Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie (generatio spontanea) vor und verglich diese miteinander, um auf diese Weise ihren Einfluss auf Vorstellungen in der Neuzeit zu beschreiben.

Daran anschließend referierte Jacqueline König (Leiden) zu dem Thema "Digging out the ancient Greek seed: Jouanna versus Lesky". In ihrem Vortrag zeigte Frau König prinzipielle methodologische Probleme und Fragestellungen bezüglich der Transferierung "moderner" Begrifflichkeiten auf die Antike sowie sich hieraus ergebende Theorien und deren Umgang mit diesen.

Nach einer kleinen Kaffeepause stellte Olga Chernyakhovskaya (Bamberg) in ihrem Vortrag "Die Vergiftung mit Schierling bei Nikander: Eine Phantasie des Dichters oder sinnvolle Iologie?" Nikanders iologisches Kompendium und dessen naturwissenschaftliche Bedeutung vor. In diesem Zusammenhang zeigte Frau Chernyakhovskaya, wie ertragreich die Einbeziehung von Erkenntnissen moderner Naturwissenschaften in die altphilologische Forschung sein kann.

Daran anschließend stellte Stefanie Rudolf (Berlin) dem Publikum in ihrem Vortrag "Die verlorenen syrisch-aramäischen Handbücher zur Medizin" eines der größten Probleme bezüglich der Erforschung syrischer Medizin vor: die fragmentarische Überlieferungslage. In Zusammenhang mit der Vorstellung ihrer Arbeit bewies Frau Rudolf jedoch, dass durch eine gründliche Arbeit auch heute verlorene Bücher als gute und geeignete Quellen zur Rekonstruktion vom Verständnis über Medizin herangezogen werden können.

Zum Abschluss der Sektion stellte Lutz Alexander Graumann (Marburg) in seinem Vortrag "Galens Lebensende: Vielleicht 212? Eine neue Hypothese" seine Theorie zum Sterbedatum des zumindest heute berühmten Arztes Galen vor dem Hintergrund zweier im weitesten Sinne antiker Kriminalgeschichten vor.
 

Projektvorstellung(en) zur Synthese heilkundlichen Wissens der frühen Neuzeit

 
Beschlossen wurde das Treffen durch zwei Vorträge unter der Moderation von László Károly (Mainz). Zunächst stellte Iolanda Ventrua (Orléans) in ihrem Vortrag "Charles Daremberg, Philologist and Scribe: Some Considerations on his Work on Medical Manuscripts preserved in the Région Centre (France)" ihre Arbeit innerhalb des Projektes "Santé en Région Centro" (SaRC) vor. Frau Ventura hat es sich zur Aufgabe gemacht, die bisher unbeachteten Notizbücher des Bibliothekars, Philologen und Medizinhistorikers Charles Daremberg nach gewinnbringenden Erkenntnissen über das heilkundliche Wissen zu untersuchen, um auf diese Weise einen Beitrag zur Entwicklung der antiken und mittelalterlichen Medizingeschichte zu leisten.

Anna Tropia (Orléans), ebenfalls Mitarbeiterin des oben genannten Projektes, stellte anschließend in ihrem Vortrag "New lights on MSS Vendome BM, 109, 175 and 172 and their connection with Pre-Salernitan Medicine" ihre Arbeit beispielhaft vor. 
 
 

Freitag, 3. Juli 2015

Athen: Forschungsaufenthalt 23.05.2015 bis 18.06.2015

Ein Beitrag von Sarah Prause.
 
Abb. 1: Agora und Akropolis in Athen (Foto: Sarah Prause).

Sarah Prause, die Autorin dieses Blogbeitrags, konnte vom 23.05.2015 bis 18.06.2015 dank der finanziellen Unterstützung des Graduiertenkollegs 1876 einen knapp vierwöchigen Forschungsaufenthalt in Athen verbringen (Abb. 1). Im Fokus des Forschungsaufenthaltes standen – neben vielen weiteren Aktivitäten – der Besuch einer Sonderausstellung im Museum für kykladische Kunst sowie die Sichtung einiger Objekte im Original, die den Gegenstand der Dissertation bilden.
 

Besuch der Sonderausstellung im Museum für kykladische Kunst in Athen

 
Im Museum für kykladische Kunst war bis zum 31.05.2015 die Sonderausstellung "Hygieia. Health, Illness, Treatment. From Homer to Galen" zu sehen (Abb. 2). In dieser wurden über 300 Objekte zu den Themenfeldern Gesundheit, Krankheit und Heilung in der Antike aus den verschiedensten Museen zusammengetragen und ausgestellt.
 
Abb. 2: Museum für kykladische Kunst, Sonderausstellung Hygieia (Foto: Sarah Prause).

Bereits das gesamte Ausstellungskonzept glich einer Arztpraxis; das Farbkonzept wurde von sterilen Farben dominiert, die Beschriftungen der Objekte erinnerten an die Layouts von Arzneimittelverpackungen und anstelle ihrer gewöhnlichen Uniformen trugen die Wärter Arztkittel.

Vor dieser Kulisse wurden in drei Räumen archäologische Objekte und andere Hinterlassenschaften zum Thema antike Medizin zusammengeführt und nach verschiedenen medizinischen Themengebieten ausgestellt. Auf diese Weise gelang es schnell, einen guten Überblick über das antike Verständnis von Krankheit, Gesundheit und Heilverfahren zu erhalten.

Wenn auch in einem geringeren Umfang fand nicht zuletzt das Thema Blindheit und die damit verbundenen Heilungsversuche ihren Platz in der Ausstellung. So war es mir möglich, einige der von mir in meiner Dissertation zu bearbeitenden Stücke in einem größeren Gesamtkontext eingeordnet zu betrachten. Besonders eindrucksvoll war neben den ausgestellten Augenvotiven die Darstellung auf einem korinthischen Kolonnettenkrater, der sich eigentlich im Museum von Thessaloniki befindet. In der Darstellung ist die Heilung des blinden Phineus zu erkennen. Mit diesem Stück befasste sich zuletzt ausführlich Dr. Eurdydice Kefalidou, Dozentin an der Athener Universität. Sie war es auch, die mich während eines einwöchigen Aufenthaltes in Mainz auf die Ausstellung aufmerksam machte.
 

Von Museumshopping und dem Studium relevanter Objekte ...

 
Während des Forschungsaufenthaltes stand natürlich auch die Besichtigung vieler weiterer Museen auf dem Plan. In einigen von diesen bot sich mir die Möglichkeit, für meine Dissertation relevante Stücke im Original zu studieren.

Dieser Teil der Forschungsreise kann wirklich als Highlight bezeichnet werden. Die Tatsache, dass die Objekte, mit denen man sich seit nunmehr über 1,5 Jahren beschäftigt, endlich zum Greifen nah waren, und jedes Original in aller Ruhe studiert werden konnte, war schlichtweg spannend und sehr aufschlussreich. Eine Sichtung der Objekte im Original war bzw. ist deswegen von so großer Bedeutung, da sich während der Beschäftigung mit diesen einige Probleme ergeben haben. Gerade in Bezug auf die Frage nach Ikonographie von Blindheit erwiesen sich einige der bisher zur Verfügung stehenden Fotografien bzw. Umzeichnungen in Hinblick auf die Darstellung der Augen als unzureichend.
 

Oasen der Ruhe. Die Arbeiten in den Bibliotheken des DAI, ESAG, ÖAI 

 
Sofern ich meine Zeit nicht in Museen verbrachte, nutzte ich die Möglichkeit, in den Bibliotheken des Deutschen und Österreichischen Archäologischen Instituts fern ab möglicher Ablenkungen und ungestört an meiner Dissertation arbeiten zu können (Abb. 3 und Abb. 4).
 
Abb. 3: Nationalmuseum (Foto: Sarah Prause).
Abb. 4: Arbeit am PC (Foto: Sarah Prause).



Archäologie soweit das Auge reicht!

 
Ein Besuch Athens ist ein wirkliches Muss für einen jeden Archäologen.

Neben all der Arbeit fand sich während des Aufenthaltes auch genügend Zeit, um Land und Leute kennenzulernen.

Neben den unverzichtbaren To-dos in Athen selbst, wie beispielsweise ein Aufstieg auf die Akropolis, eine Besichtigung des Kerameikos und der Agora, besuchte ich weitere, außerhalb von Athen gelegene archäologische Stätten wie beispielsweise den Aphaia-Tempel auf Aegina (Abb. 5), das antike Korinth (Abb. 6) und die archäologische Stätte von Eleusis (Abb. 7) oder den wunderschön gelegenen Poseidon-Tempel bei Kap Sounion (Abb. 8).
 
Abb. 5: Aegina, Aphaia-Tempel (Foto: Sarah Prause).

Abb. 6: Korinth (Foto: Sarah Prause).
 

Abb. 7: Eleusis, archäologische Stätte (Foto: Sarah Prause).


Abb. 8: Kap Sounion, Poseidontempel (Foto: Sarah Prause). 
 


Abseits der Wissenschaft – ein ganz besonderes Highlight


Neben vielen weiteren, kleineren Tagesausflügen soll ein ganz besonderes, nicht unbedingt archäologisches Highlight seine Erwähnung finden. Die Opernaufführung Tosca im Odeon des Herodes Atticus am Südabhang der Akropolis (also doch ein Zusammenhang mit Archäologie – wie soll es auch anders sein!). Eine wirklich wunderschöne Oper in traumhafter Kulisse (Abb. 9)!
 
Abb. 9: Oedeon des Herodes Atticus; Tosca. (Foto: Sarah Prause).
 
In Deutschland nun wieder angekommen mussten all die neuen Eindrücke erst einmal verarbeitet werden. Ich habe Vieles erlebt und Vieles gesehen. Zusammenfassend waren es eine wunderschöne Zeit und ein fantastischer Rahmen, um an meiner Dissertation zu arbeiten.

So möchte ich diese Plattform nutzen, um mich noch einmal ganz herzlich bei einigen der Personen zu bedanken, die dafür mitverantwortlich waren, dass der Aufenthalt in Athen für mich zu einem solch unvergesslichen Erlebnis geworden ist: Zunächst danke ich Dimitris Grigoropoulos (DAI), der mir im Vorfeld bei den Anträgen der Studiengenehmigungen behilflich war. Weiter bedanke ich mich bei allen Mitarbeitern des DAIs, die mich so herzlich aufgenommen haben. Hier möchte ich ganz besonders das Ehepaar Fittchen erwähnen, das mich gleich nach meiner Ankunft herzlich empfing, sowie Ioannis Adeiopoulos. In diesem Zusammenhang auch ganz besonderen Dank an Melina Rigakis, die mir von Anfang an zur Seite stand und mit welcher ich viele Tagesausflüge unternehmen durfte. Bei diesen waren außerdem dabei: Korbinian Gietl, Mirja Biehl und meine lieben Schweizer Mitbewohnerinnen der ESAG. Überhaupt ein herzliches Dankeschön an die Mitarbeiter der Institute meiner Unterkünfte des ESAG und des ÖAIs.

Nicht zu vergessen sind auch die Kuratoren, Archäologen und das Museumspersonal, die sich während der Museumsbesichtigungen liebevoll gekümmert haben und jederzeit für meine Fragen zur Verfügung standen.

Außerdem möchte ich mich bei Frau Dr. Eurydice Kefalidou bedanken, die sich die Zeit genommen hat, sich ein weiteres Mal mit mir zu treffen und über den Fortgang meiner Dissertation zu sprechen. Ebenso herzlich bedanke ich mich bei Herrn Dr. Dimosthenes Donos für ein ebenso leckeres wie üppiges Abendessen mit interessanten und anregenden Gesprächsthemen sowie für seine Hilfe und Unterstützung während meines gesamten Aufenthaltes.

Für die Möglichkeit, einen solchen Auslandsaufenthalt während meiner Dissertation wahrnehmen zu können, möchte ich mich nicht zuletzt beim GRK bedanken!