Donnerstag, 28. Mai 2015

Weltuntergänge. Konzepte von Auflösung in der griechischen und lateinischen Literatur – Projektvorstellung Dominic Bärsch am 21.05.2015

Ein Beitrag von Katharina Hillenbrand.
 
Im Rahmen der Plenumssitzung vom 21. Mai 2015 präsentierte Dominic Bärsch sein Dissertationsprojekt "Weltuntergänge. Konzepte von Auflösung in der griechischen und lateinischen Literatur". Zwar war das Thema des Weltuntergangs bereits durch die interdisziplinäre Ringvorlesung bekannt, büßte aber deswegen nichts an Aktualität ein. Vielmehr mied Dominic Bärsch bewusst Überlappungen und zeigte den Werdegang antiker Konzepte von Weltuntergängen in der Spätantike. Sein Vortrag schuf zuerst einen Überblick über die Quellenlage und den methodischen Zugriff seiner Arbeit und konzentrierte sich anschließend auf anschauliche Textbeispiele.

Überblick über die Quellen

 
Der Untersuchungszeitraum des Dissertationsvorhaben erstreckt sich vom 7. Jhd. v. Chr. bis ins 5 Jhd. n. Chr. Als Herausforderung erachtet Dominic Bärsch besonders die Überlieferungslage der vorchristlich-griechischen Literatur – besonders im Falle der Vorsokratiker und der hellenistischen Philosophie: Die Texte liegen zumeist nur in sekundärer Überlieferung vor, etwa in Form nachchristlicher Kommentare oder Traktate. Zentral ist daher, wie in dieser sekundären Tradierung Konzepte von der Auflösung der Welt genutzt werden. Der besondere Fokus der Arbeit liegt auf Konzepten der Brand- und Flutkatastrophen, die in der griechischen und römischen Literatur die prominentesten Modi der Weltuntergangsdarstellungen bildeten.

Methodischer Zugriff

 
Methodisch nähert sich Dominic Bärsch dem Thema mithilfe der Transtextualitätstheorie nach Gérard Genette (Fn. 1) und ihren weiterentwickelten Formen (Fn. 2). Fruchtbar sind hierbei vor allem Genettes Unterteilungen intertextueller Bezugnahmen in Zitat, Anspielung und Plagiat, besonders für die Analyse des Umgangs frühchristlicher Apologeten mit paganen Autoren. Für diesen Bereich sind zudem die Vorarbeiten Christian Gnilkas zum Themenkomplex der Chrêsis (Fn. 3), der Nutzung paganer Literatur durch die Kirchenväter, sehr nützlich. Die Vorarbeiten zeigen, dass diese Nutzung zwei Grundgedanken verfolgt: Einen theologischen und einen historischen. Der theologische besagt, dass Elemente christlicher Wahrheit bereits in der vorchristlichen Literatur enthalten sind und deswegen zur Darstellung der christlichen Lehre genutzt werden dürfen. Der historische dagegen stellt das Christentum in eine ideengeschichtliche Nachfolge: Gerade bei den frühchristlichen Autoren findet sich die Überzeugung, dass Moses und die Propheten gelebt und gelehrt hätten, bevor die ersten griechischen Weisen auftraten. Alle pagane Weisheit schöpfte nach dieser Lesart aus den Büchern des Alten Testaments und stellte es in verfälschter Form dar. Dadurch war es den frühen Christen möglich, sich eine Identität zu konstruieren, die nicht in die Zeit des Augustus, sondern mehrere hundert Jahre in die Vergangenheit reicht.

Textbeispiele 

 
Anhand einiger Textausschnitte zeigte Dominic Bärsch schließlich, wie beispielsweise Zitate der nicht mehr erhaltenen Werke des vorsokratischen Philosophen Heraklit verschiedentlich genutzt wurden, etwa bei Aristoteles, Lukrez oder Cicero, um die jeweiligen Lehren durch eine Autorität zu unterstützen. Hierfür bot sich Heraklit wegen seiner schon in der Antike als unklar erachteter Aussprüche besonders an, wodurch er für verschiedenste Denkrichtungen in Anspruch genommen werden konnte. Einem Beispiel aus dem Octavius des Minucius Felix galt im Zuge dessen besondere Aufmerksamkeit, da dort zahlreiche Intertextualitätsbezüge den Untergang der Welt durch Feuer als Ergebnis aller paganen Philosophie inszenieren.

Der Vortrag ging damit nahtlos in eine rege Diskussion über.
Fußnoten:
[1] Genette, Gérard, Palimpsestes. La littérature au second degré, Paris 1982.
[2] Vgl. bspw. Gymnich, Marion; Neumann, Birgit; Nünning, Ansgar (Hgg.), Kulturelles Wissen und Intertextualität. Theoriekonzeptionen und Fallstudien zur Kontextualisierung von Literatur, Trier 2006.
[3] Gnilka, Christian, Chrêsis. Die Methode der Kirchenväter im Umgang mit der antiken Kultur, Basel ²2012.

Donnerstag, 14. Mai 2015

Tiersymbolik im byzantinisch-höfischen Herrschaftsdiskurs der Komnenen-, Angeloi- und Laskaridenzeit - Projektvorstellung Tristan Schmidt am 7.5.2015

Ein Beitrag von Tim Brandes.

Am 7. Mai 2015 stellte Tristan Schmidt den Trägern und Kollegiaten sowie weiteren Interessierten im Rahmen der Plenumssitzung des Graduiertenkollegs sein Dissertationsprojekt "Tiersymbolik im byzantinisch-höfischen Herrschaftsdiskurs der Komnenen-, Angeloi- und Laskaridenzeit" vor.

Nach einer kurzen Beschreibung seines Projektes sowie seiner damit verbundenen Zielsetzungen und Fragestellungen widmete er sich im Hauptteil des Vortrags den bisher erarbeiteten theoretisch-methodischen Grundlagen. Die Theorie und Methodik wurde anschließend in Form einiger Fallbeispiele, die sich dem Löwen als Herrschaftssymbol und dem Konzept des Löwen als König der Tiere widmeten, in die Praxis umgesetzt.
 

Quellen und Fragestellungen

 
Tristan Schmidt erläuterte, dass sich die Untersuchung der Verwendung von Tiermetaphorik beim Sprechen über Herrscher und Kaisertum widmet, und zwar vorwiegend in rhetorischen Texten, Chroniken und der Geschichtsschreibung, die im Umfeld des Hofes in Konstantinopel und später auch in Nikaia entstanden sind.

Der zeitliche Rahmen erstreckt sich dabei vom ausgehenden elften bis zum Beginn des dreizehnten Jahrhunderts n. Chr. Ziel der Arbeit ist es, die Quellen vor dem Hintergrund der drei folgenden übergreifenden Fragestellungen zu untersuchen:
- Auf welche Art wurde Tiersymbolik im Hinblick auf das Kaisertum verwendet? 
- In welchen Traditionen standen die Verwendungen und welchen Wissensbereichen bzw. Diskursen sind sie zuzuordnen?
- Welche Funktion erfüllten die Tiermetaphern im Umgang mit dem Kaisertum?
 

Semiotik und Diskursanalyse

 
Der für die Arbeit gewählte theoretische Ansatz basiert auf der Kultursemiotik sowie der Diskursanalyse (Fn. 1). Erstere beschäftigt sich vor allem mit dem Zeichen als Kommunikationsbaustein und Träger von Bedeutung. Die mit einem Zeichen verbundenen Bedeutungen kommen dabei durch den Konsens innerhalb einer Interpretationsgemeinschaft zustande und können von Gruppe zu Gruppe verschieden sein. An der Bildung und Interpretation der Zeichen durch ihre Mitglieder sind verschiedene sogenannte 'Diskurse' erkennbar.

Die offiziellen, am byzantinischen Kaiserhof getroffenen Aussagen über den Herrscher weisen dabei bezüglich Inhalt, Entstehungsumfeld, Art der Formulierung, etc. untereinander strukturelle Ähnlichkeiten auf und lassen sich damit als Herrschaftsdiskurs zusammenfassen.

So sind auch die zeitgenössischen Aussagen über Tiere von verschiedenen Sichtweisen bzw. Diskursen geprägt. Theologische Texte bspw. sprechen ganz anders über Tiere als die antike zoologische oder die epische Literatur. Diese verschiedenen Perspektiven finden sich auch in den von den Hofliteraten verwendeten Tiersymbolen.
 

Fallbeispiele: Der Herrscher als Löwe

 
Die Fallbeispiele beschäftigten sich mit der Praxis, das oströmische Kaisertum mit gewissen Tieren in Verbindung zu bringen, denen man besondere 'herrscherliche' Eigenschaften beimaß. Neben dem Adler ist für den byzantinischen Bereich vor allem der Löwe von Bedeutung. Die angeführten Textstellen zeigten, dass dem Löwen bestimmte physische und charakterliche Eigenschaften zugesprochen wurden, die metaphorisch auf den Kaiser übertragen wurden. Aufgrund dieser zumeist königlich konnotierten Eigenschaften bietet es sich an, in diesem Zusammenhang von einem Konzept des Königs der Tiere zu sprechen.

So wurde etwa das äußere Erscheinungsbild Kaiser Isaaks II. mit dem eines Löwen, des "Königs der Tiere", verglichen. Die aus dem theologischen Diskurs stammende Vorstellung einer göttlich gelenkten Natur, die jedes Tier mit den Eigenschaften ausstattet, die es für die Erfüllung seiner Rolle in der Welt benötigte, wird dabei auf den Kaiser übertragen: So wie der Löwe als Herrscher der Tierwelt mit entsprechenden physischen Eigenschaften und einer natürlichen Autorität versehen wurde, so wurde auch Isaak als Herrscher der Menschen von Gott bestimmt und entsprechend mit einem beeindruckenden Äußeren und besonderen Fähigkeiten ausgestattet. Die Löwensymbolik im Herrschaftsdiskurs ermöglicht es so, den Herrscher als legitimen Teil der Schöpfungsordnung darzustellen und seine Position als 'natürlich' zu charakterisieren.

Die Fallbeispiele zeigten insgesamt auf, dass der Löwe auf verschiedene Weise für die Vermittlung eines bestimmten Kaiserbildes nutzbar gemacht wurde. So gab es auch Textstellen, die den Idealherrscher bewusst vom herrscherlichen Löwen absetzen. Es wurde darüber hinaus deutlich, dass auch Sichtweisen aus unterschiedlichen Nachbardiskursen vorlagen. So wurde etwa antikes zoologisches Wissen aufgenommen und für den Herrschaftsdiskurs instrumentalisiert. Gerade auch der theologische Diskurs über Tiere ist dabei von großer Bedeutung. Auch andere Diskurse über das Tier übten weiterhin in indirekter Weise Einfluss aus.

Fußnote:
[1]
Eco, U., Einführung in die Semiotik, Autorisierte deutsche Ausgabe von Jürgen Trabant, Paderborn (92002).
Ders., Semiotik. Entwurf einer Theorie der Zeichen, München (21991).
Link, J. & Pfarr, R., Semiotik und Interdiskursanalyse. In: Bogdal, K.-M. (Hrsg.) Neuere Literaturtheorien. Eine Einführung, Göttingen (32005), 108-133
Sarsin, P., Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse. In: Sarsin, P. (Hrsg.) Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt a.M. (2003), 10-60.