Donnerstag, 17. Dezember 2015

Augen auf bei der Methodenwahl

Ein Beitrag von Dominik Berrens.

Unter dem Titel "Augen auf bei der Methodenwahl. Bildwissenschaftliche Theorien zwischen Reflexion und Anwendung in der Ägyptologie und Klassischen Archäologie" präsentierten die beiden Kollegiatinnen Simone Gerhards (Ägyptologie) und Sarah Prause (Archäologie) die gemeinsam erarbeitete Methodik ihrer Promotionsprojekte. Der interessante und lehrreiche Vortrag belegte eindrücklich den Wert interdisziplinärer Zusammenarbeit.

Was ist ein Bild?

 
Am Anfang des gemeinsamen Vortrages stand die nur vermeintlich triviale Frage, was unter einem Bild zu verstehen sei. Frau Gerhards und Frau Prause beriefen sich dabei auf den Kunsthistoriker Gottfried Böhm und den von ihm herausgegebenen Sammelband "Was ist ein Bild". In Anlehnung an den sogenannten "linguistic turn" prägte er den Begriff "iconic turn" und forderte: "Was der Satz kann (der Logos), das muss auch dem bildnerischen Werk zu Gebote stehen, freilich auf seine Weise"(Fn. 1).
 
Tatsächlich werden die Bildbegriffe in der Ägyptologie und der Klassischen Archäologie nicht deckungsgleich verwendet, was vor allem den unterschiedlichen Voraussetzungen der Kulturen geschuldet ist. Während etwa in der Klassischen Antike Text und Bild in einem weniger engen Zusammenhang stehen, umfassen ägyptische "Bilder" durchaus Darstellungen, in die Texte integriert sind. Zudem sind bereits die ägyptischen Hieroglyphen sehr "bildhaft".
 
Trotz der Unterschiede im Umfang des Bildbegriffes gleicht sich die Funktion des Bildes in beiden Disziplinen. Als Abbilder einer "konstruierten Wirklichkeit" dienen Bilder als Quelle für Leben, Denken und Vorstellungswelt der zu untersuchenden Kultur. 
 

Theorien und Methoden

 
Bevor sie auf Theorien eingingen, die Grundlage ihrer eigenen Methodik sind, erläuterten die beiden Referentinnen zunächst den Unterschied zwischen Theorie und Methode, wenngleich die beiden Begriffe häufig synonym gebraucht werden: Während eine Theorie ein gedankliches Konstrukt ist, auf das die Forschungsarbeit gründet, versteht man unter der Methodik eine Anwendung gleichförmiger Prinzipien zur Bearbeitung und Bewertung historischer Quellen. Für ein bestimmtes Forschungsprojekt können dabei je nach Fragestellung verschiedene Theorien und vor allem auch Methoden herangezogen werden.
 
Die von Simone Gerhards und Sarah Prause verwendete Methodik ist im Wesentlichen aus drei bildanalytischen Verfahren zusammengesetzt. Eine wichtige Grundlage bildet die sogenannte Semiotik, die sich mit Zeichen, ihrer Bedeutung und Vermittlung im weitesten Sinne beschäftigt. Für die Bildwissenschaften ist hier insbesondere das von Charles William Morris entwickelte Analyseverfahren von Bedeutung, das in den letzten Jahren von Klaus Sach-Hombach weiterentwickelt worden ist.
 
Als zweites wurde die sogenannte ikonographisch-ikonologische Methode erläutert, die auf den Kunsthistoriker Erwin Panofsky zurückgeht. Diese beruht auf drei Schritten: Zunächst wird das Bild "vorikonographisch", d. h. möglichst ohne Interpretation und Deutung, beschrieben. Anschließend folgt die ikonographische Analyse, mit der der Bedeutungssinn des Bildes erfasst wird und etwa Bildthemen oder einzelne Symbole interpretiert werden. Die eigentliche Deutung des Bildes wird in der abschließenden ikonologischen Interpretation vorgenommen, in der das Bild etwa in seinen historischen Kontext eingebettet wird.
 
Zuletzt gingen die Referentinnen noch auf die Diskursanalyse bzw. genauer auf die Bild-Diskursanalyse nach Renggli ein. Im Gegensatz zu den beiden vorher genannten Methoden dient die Diskursanalyse nicht als Werkzeug zur Untersuchung einzelner Bilder, sondern dazu, einen Diskurs – d. h. eine Ordnung von Aussagen und Wissensbeständen – sichtbar zu machen und zu rekonstruieren. Die Diskursanalyse benötigt also zunächst ein möglichst umfangreiches Corpus, anhand dessen untersucht werden kann, welche Themen wie und eventuell auch warum dargestellt werden. Die genaue Vorgehensweise der Diskursanalyse ist jedoch stark vom jeweiligen Material abhängig und nicht streng schematisch.
 
Da all diese dargestellten Methoden Schwachstellen und Grenze aufweisen, entschieden sich Frau Gerhards und Frau Prause für eine kombinierte Methodik aus den drei genannten Grundtypen, die sie für ihre jeweiligen Promotionsprojekte anwenden können.
 

Beispiele aus der Praxis

 
Wie eine solche Anwendung konkret aussehen kann, demonstrierten die beiden Referentinnen anhand eines ausgewählten Beispiels aus ihren Dissertationen. Dabei zeigte Frau Gerhards, wie sie mithilfe eines an die Bild-Diskursanalyse angelehnten Verfahrens verschiedene Darstellungen des erwachenden Osiris zunächst zu einem Corpus zusammenstellt und auf Gemeinsamkeiten und Abweichungen untersucht.
 
Frau Prauses Beispiel zeigte vor allem den Schritt der Kontextualisierung einer Abbildung. Dazu wählte sie Darstellungen des Kampfes zwischen Herakles und dem dreileibigen Riesen Geryoneus aus. Die über 70 verschiedenen Abbildungen unterscheiden sich darin, wie drastisch und explizit der Sieg über das monstrum dargestellt wird. Vor allem Augentraumata, die ein Teil des Promotionsprojektes von Frau Prause sind, tragen zur Erhöhung der Drastik bei.
 
Eine kurze Zusammenfassung der im Rahmen des Vortrags aufgestellten Thesen leitete eine rege Diskussion ein. 
 
Fußnote:
[1] Böhm, Gottfried (Hrsg.): Was ist ein Bild?, München 1994, 30.
 

Freitag, 27. November 2015

Forschungskolloquium "Methodologische Überlegungen zu frühen Konzepten von Mensch und Natur", 13. November 2015

Ein Beitrag von Victoria Altmann-Wendling und Simone Gerhards.

Das diesjährige Forschungskolloquium „Methodologische Überlegungen zu frühen Konzepten von Mensch und Natur“ des Forschungsschwerpunkts
Historische Kulturwissenschaften (HKW) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz wurde vom GRK 1876 gestaltet. Da sowohl unser Graduiertenkolleg als auch der Forschungsschwerpunkt Historische Kulturwissenschaften die Bedeutung von Methodik und Theorie für die inter- und transdisziplinäre Forschung betonen, bot sich ein gemeinsames, methodisch ausgerichtetes Forschungskolloquium an. Dieses diente aber nicht nur der Reflexion methodologischer Fragestellungen, sondern besonders auch der Vernetzung historisch-kulturwissenschaftlicher Nachwuchswissenschaftler.
 

Alles im Rahmen – Frames als Konstrukte zur Wissensrepräsentation


Prof. Dr. Dietrich Busse (Düsseldorf) eröffnete das Programm mit seinem Vortrag  "Frames als Modell zur Analyse und Beschreibung von Konzepten, Konzeptstrukturen, Konzeptwandel und Konzepthierarchien". Busse, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Düsseldorf, forscht zu dem sogenannten Frame-Modell. Dabei handelt es sich um eine Neuentwicklung in der Sprachtheorie, die in den letzten Jahrzehnten zu einem Bindeglied zwischen Linguistik, Kognitionspsychologie, allgemeiner Kognitionswissenschaft und KI-Forschung geworden ist. Charles J. Fillmore, der Begründer der linguistischen Frame-Semantik, stieß mit seinen Überlegungen, welche weiteren Aspekte lexikalischer Bedeutung eines Wortes existieren und warum, den methodologischen Stein ins Rollen. Die Frame-Semantik fragt, laut Busse, zum ersten Mal explizit und gezielt nach der Funktion, der Art und dem Umfang des relevanten Wissens für das Verstehen eines sprachlichen Ausdrucks (z. B. eines Wortes oder Satzes). Dieses Wissen ist laut dem Modell in sogenannten Frames organisiert, welche die mentale Repräsentation eines stereotypischen Konzepts eines bestimmten Aspekts beinhalten. Dadurch ist ein Frame eine Abstraktion einer wiederholten Erfahrung mit realen Situationen. Die einzelnen Elemente eines Frames können nur durch eine Beziehung zueinander definiert werden. Das bedeutet, dass jeder sprachliche Ausdruck (mindestens) einen Frame aktiviert und in Bezug zu diesem steht. Busse selbst forscht momentan unter anderem im Bereich der juristischen Semantik. (S.G.)


Emisch und Etisch als Forschungsperspektive


Das sich an den Vortrag anschließende Panel der vier Kollegiaten des Graduiertenkollegs 1876 Dominik Berrens, Sonja Gerke, Simone Gerhards und Katharina Hillenbrand diskutierte unterschiedliche Zugänge zum Konzept der emischen und etischen Sichtweise anhand von Beispielen aus den Fachdisziplinen Klassische Philologie und Ägyptologie. Die Begriffe stammen aus der Linguistik bzw. der Anthropologie und bezeichnen einerseits die Sicht des Forschers von außen (etisch), andererseits die Sicht aus dem Inneren (emisch), die in ethnographischen Untersuchungen durch Befragung der Bevölkerung erreicht wird. Da im Graduiertenkolleg 1876 die frühen Konzepte von Mensch und Natur herausgearbeitet werden, ist es besonders wichtig, die kulturimmanenten Eigenheiten zu erkennen und nicht durch heutige (naturwissenschaftliche) Erkenntnisse und Ansichten zu überprägen. Zweifellos kann dies nicht immer gelingen, da jeder Forscher in seiner eigenen Kultur und seinem Wissenshorizont verankert ist. Zumindest sollte man sich dieses Problems jedoch bewusst sein und insbesondere bei Übersetzungen stets überlegen, ob den gewählten Begriffen nicht bereits eine Interpretation innewohnt und wie man diese umgehen kann.

"Das nächste Fremde"

 
Dominik Berrens sprach zunächst über "'Das nächste Fremde' – Chances and Challenges in applying emic and etic perspectives to Classical texts". Er wies darauf hin, dass die in der Ethnologie übliche Befragung des untersuchten Volkes bei der Erforschung antiker Kulturen nicht möglich ist. Somit können Fehler, die bei der Interpretation von Texten, aber auch Funden und Befunden geschehen, auf diesem Wege nicht korrigiert werden. Zudem sind die auf uns gekommenen Texte eventuell (sogar sehr wahrscheinlich!) tendenziös, häufig in hohem Maße artifiziell und zumeist nicht repräsentativ für die gesamte Gesellschaft.
Nebenbei: Beides gilt selbstverständlich auch für archäologische Quellen, da sie oftmals nur einem kleinen, hochstehenden Teil der Bevölkerung zuzusprechen sind und oftmals eine bewusste Auswahl darstellen. So zeigen Begräbnis und das Beigabeninventar mitunter stärker den Status des Bestattenden als den des Bestatteten an (Fn. 1).
Berrens bezog sich auf die Bezeichnung der Klassischen Antike als dem "nächsten Fremden" (Uvo Hölscher), die als Vorläufer unserer eigenen Kultur angesehen wird. Somit besteht die Gefahr, vieles, was sich in den antiken Texten findet, mit heutigen Auffassungen gleichzusetzen. Auch lateinische oder griechische Wörter, die heute als Fremdwörter oder taxonomische Fachtermini erscheinen, dürfen nicht a priori mit derselben Übersetzung und dem darin innewohnenden Konzept parallelisiert werden. Als ein Beispiel führte Berrens eine Stelle aus Theophrast über die „Eier“ der Ameise an. Bei diesen handelt es sich wahrscheinlich um die Puppen, nicht die tatsächlichen Eier, die mikroskopisch klein sind. Diese aus heutiger biologischer Erkenntnis falsche Aussage kann jedoch kulturimmanent erklärt werden, wenn man Aristoteles‘ Ausführungen über die Nachkommen der Insekten in zwei Stadien zu Rate zieht.
 

Vulkan oder Werk?

 
Ebenfalls für das Feld der Klassischen Philologie, allerdings für die Latinistik, sprach Katharina Hillenbrand mit dem Vortrag "Missing concepts and wrong thoughts? Examples for emic and etic perspectives on Classical texts". Sie wies darauf hin, dass die Antike nicht nur als Vorläufer, sondern auch als Ideal angesehen wurde (vgl. die Aussage Winckelmanns: "edle Einfalt und stille Größe"). Daher würden abweichende Konzepte oft übersehen oder an moderne Ideen angepasst. Dies geschieht schon in Übersetzungen, da Formulierungen gefunden werden müssen, die für die Zielsprache verständlich sind. Dabei fließen bisweilen bereits Deutungen aus heutiger Sicht ein. Da dies oftmals ungekennzeichnet geschieht, kann es in der Folge zu Fehlinterpretationen kommen, wenn, etwa von Fachfremden, ausschließlich die moderne Übersetzung verwendet wird. Auch werden vermeintliche inhaltliche Fehler korrigiert, da sie nicht dem Bild der idealen Antike entsprechen. Dies nivelliert die kulturellen Unterschiede und schmälert den Erkenntnisgewinn. Diese Probleme zeigte Hillenbrand anhand einiger Beispiele aus dem Ätna-Gedicht auf. Ganz zentral ist dabei natürlich die Frage, ob dem Begriff volcanus dieselbe Bedeutung innewohnt wie dem heutigen "Vulkan". Auch das Wort opus, das für den Berg auftritt, besitzt ein großes Bedeutungsspektrum und Ambiguität, dem eine Übertragung als "vulkanische Tätigkeit", wie in älteren Übersetzungen geschehen, nicht gerecht wird. Eine wörtlichere, weniger spezifische Übersetzung wird von Hillenbrand daher favorisiert.
 

Bellende Hunde und heilige Zeichen

 
Sonja Gerke stellte unter dem Titel "Of Barking Gods and Sacred Signs – Challenges in applying emic and etic perspectives on Egyptian sources" zunächst eine kurze Forschungsgeschichte der Ägyptologie vor. Dies war notwendig, um aufzuzeigen, dass anders als für Latein und Griechisch die altägyptische Sprache erst mühsam wieder entschlüsselt werden musste, bevor die (zahlreich und in großer Varietät erhaltenen) Schriftquellen für Interpretationen zur Verfügung standen. Selbst heute können Textpassagen, die grammatisch und lexikalisch klar sind, inhaltlich nur mit großer Mühe und zahlreichen Vergleichsstellen gedeutet und verstanden werden, wie Gerke an einem Beispiel aus einem Mondtext erläuterte. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass die ägyptische Kultur vollständig untergegangen ist und somit keine kontinuierliche Tradition bis zum heutigen Tag vorlag, wenngleich Ägypten zum Beispiel durch die Bibel stets eine Rolle in der christlich-jüdisch geprägten Kultur gespielt hat. Erst die Etablierung als akademisches Fach erbrachte den Wandel vom "erinnerten Ägypten" zum "wiederentdeckten Ägypten", wie es Jan Assmann formulierte (Fn. 2). Zwar sollte es die offensichtliche Fremdheit der altägyptischen Kultur für uns erleichtern, Abstand zu wahren und keine modernen Einsichten in Übersetzungen und Interpretationen hineinzulegen, doch ist dies vielfach nicht möglich und geschieht unbewusst, wie eingangs bereits erwähnt. 

Korb oder Blackbox?


Den Abschluss bildete Simone Gerhards, ebenfalls Ägyptologin, mit dem Thema "Becoming an insider? – Examples for emic and etic reconstructions of Ancient Egyptian concepts". Sie zeigte anhand mehrerer Wörter ("Magie" sowie die für das alte Ägypten so zentrale "Religion"), wie problematisch die Verwendung solcher bedeutungsbeladenen Begriffe ist, wenn man vermeiden will, den antiken Texten heutige Konzepte und Auffassungen zuzusprechen. Einer Arbeit von Martin Fitzenreiter folgend stellte sie zudem anstelle von "etisch“ und "emisch" die Begriffe "konstruieren" und "rekonstruieren" vor (Fn. 3). Die schwierige Frage, ob eine emische Sicht überhaupt möglich sei, beantwortet Gerhards mit zwei Metaphern: Der Korb für die etische Sicht, bei dem nur vorher erwartete Dinge (Texte, Aussagen) gesammelt und kategorisiert werden; und der Blackbox für die emische Sichtweise, in die in einer Untersuchung ohne Erwartungen ein größeres Spektrum einfließt, ehe daraus ein Konzept oder eine Kategorie herausgearbeitet wird. Dies gilt insbesondere für die Zuordnung der Texte in bestimmte Gattungen, die sich an heutigen Definitionen orientiert, im alten Ägypten jedoch in den wenigsten Fällen mit einer eigenen Bezeichnung existiert. Allerdings kann diese Ordnung als hermeneutisches Mittel durchaus angebracht sein; man sollte jedoch offen für eine Verschiebung oder Ausweitung der gesetzten Grenzen sein. Am Beispiel des ägyptischen Begriffs für "Traum" zeigte Gerhards nochmals auf, welchen Informationsverlust man bei der bloßen Übertragung in die heutige Sprache zu beklagen hat.
In einer abschließenden Zusammenfassung wies Sonja Gerke nochmals darauf hin, dass eine rein emische Sichtweise in altertumskundlichen Fächern wohl niemals erreicht werden kann, da das Korrektiv der Befragung der antiken Kultur ausfalle. Stattdessen sprechen sich die Kollegiaten des Panels für den Begriff "kultursensibel" aus. (V. A.-W.)


Fußnoten:
[1] z. B. Eggert, Manfred K. H., Prähistorische Archäologie. Konzepte und Methoden, Tübingen/Basel 2001, 104.
[2] Assmann, Jan, Erinnertes Ägypten: pharaonische Motive in der europäischen Religions- und Geistesgeschichte, Berlin 2006.
[3] Fitzenreiter, Martin, Europäische Konstruktionen Altägyptens – Der Fall Ägyptologie, in: Glück, Thomas/Morenz, Ludwig (Eds.), Exotisch, Weisheitlich und Uralt. Europäische Konstruktionen Altägyptens, Hamburg 2007, 323–351.
 

Donnerstag, 26. November 2015

PhD project by Shahrzad Irannejad: "Localization of the Avicennean Inner Senses in a Hippocratic body"

A report by Valeria Zubieta Lupo.

On November 19th, Shahrzad Irannejad presented her PhD project and gave us some insights into her research. The main aim of her study is to analyse the route and extent of the integration of the theory of the inner senses in humoral medicine. Her research addresses the migration of the ideas regarding the inner senses from philosophy to medicine and from Ancient Greece to the medieval Arabo-Islamic world. Furthermore, she will also track the development of the theory with regard to their (social, cultural, religious and medical) environment.
 
Medieval scholars in both Europe and in the Islamic world believed that in addition to the five "outer" or "external" senses (i.e., touch, taste, smell, hearing, and sight), there was also a set of "inner" senses or Internal Perceptive faculties. These inner senses were generally localized in the ventricles of the brain (Fn. 1).
 
The details of the account of inner senses differed somewhat from one medieval writer to another. According to Miss Irannejad, instead, bits and pieces of it were developed here and there in the Ancient World, gradually accumulating into the full medieval version. The tenth century Iranian philosopher and physician Avicenna (370/980-428/1037) has been claimed to have offered the most comprehensive account of the inner senses (Fn. 2).
 
According to Avicenna's cannon of medicine work, there are five internal senses (Fn. 3). The first is the "sensus communis" (ḥiss ol-moshtarak), which serves as an interface between the five outer senses and the soul; only through which it is possible to perceive with different senses at the same time. The second inner sense is the "receptive imagination" (ḵhayāl), the reservoir of perceived images through sensus communis. Next is the "estimation/faculty of instinctive Apprehension" (wāhimah), which perceives the intentions beyond sensible forms; it allows humans and animals to make instinctive judgments, for instance, that a wolf is dangerous.
 
The fourth faculty is the "compositive Imagination" (motakhayyilah) that combines the images preserved in receptive imagination it is associated with thinking. Lastly, the fifth inner sense, "memorative faculty" (ḥāfiẓah), is a repository of the intentions perceived by estimation and the produced imaged by compositive imagination.

Various classical authors probably influenced Avicenna's theories and knowledge on the brain: The general sketch of the inner senses from Aristotle, cerebral anatomy from Galen, ventricular localization from Nemesius, and the humoral paradigm from Hippocrates, Aristotle, Plato, Stoics, and Galen. Additionally, Avicenna is the most prevalently cited author in the next generations, and is an important case, as he has retained a prominent place in both philosophy and medicine.
 
The research of Miss Irannejad deals mainly with textual material, which will each be duly contextualized. Of main interest to her study is the Avicennean corpus and other medical texts produced in the framework of Arabo-Islamic tradition of Greek humoral medicine with regard to the theory of the inner senses. 

 The major questions that her study intents to address are the following:
  • Why did the theory of inner senses survive in the context of medicine: was the theory applicable in medical practice? Why did the theory of inner senses survive?
  • To what extent was theory of inner senses integrated into the realm of humoral medicine?
  • What mechanisms underlay the expansion of the Aristotelian sensus communis and phantasia into the five Avicennean inner senses?
  • Why the inner senses were localized inside the 'ventricles' and not the substance of the brain?
 
In order to answer these questions, she will review the medical and philosophical works of Avicenna about the theory of the inner senses and whether or not they were applied in explanation and diagnosis of the diseases of the head. Furthermore, she will make a reverse chronological study of philosophical and medical texts in the Greco-Arabic tradition. In the course, she will address each agent who has made alterations in the theory of the inner senses in the Greco-Arabic tradition with regard his cultural, social and religious context.

Footnotes:
[1] Kemp, Simon/Fletcher, Garth J. O.: The Medieval Theory of the Inner Senses. In: The American Journal of Psychology, Bd. 106 (1993), H. 4, S. 559–576.
[2] Goichon, A.-M.: "IBN SINA, Abu 'Ali al-Husayn b. 'Abd Allah b. Sina, known in the West as Avicenna". In: Encyclopedia of Islam. Koninklijke Brill NV (1999), Leiden, The Netherlands.
[3] Pormann, Peter E.: Avicenna on medical practice, epistemology, and the physiology of the inner senses. In: Interpreting Avicenna, Critical Essays, Cambridge University Press, Cambridge (2013), S. 91–108.

Doctoral project by Jakub Sypiański: "Science without frontiers? Political motivations and socio-religious reactions to the exchanges of knowledge between the East Roman Emperors and the Muslim rulers in 750-1100 A.D."

A report by Valeria Zubieta Lupo.
 
On November 19th, Jakub Sypiański presented his doctoral project and gave us some insights into his research. The main aim of his study is to analyse the social and political elements of the exchange of knowledge between East Roman Emperors and Muslim rulers in the period between 750 and 1100 A.D. He tries to identify the social context behind the literary depictions of these exchanges. Moreover, he seeks to understand in which way they were involved and shaped by internal and foreign politics on one hand, and by popular religious prejudices on the other.
 
The Arabo-Roman intellectual contact was forged in one main scenario, the Abbasid Greco-Arabic translation movement between the 8th and the 10th century A.D. Some researchers believe that the so-called "Macedonian Renaissance" in the eastern Roman Empire was influenced by this movement [Fn. 1]. The Abbasid translation movement was strongly supported by the ruling dynasty. Indeed, philosophical, medical and mathematical works from Greek, Persian and Sanskrit were translated into Arabic. 
 
The Abbassid caliphs acquired the manuscripts that were later translated to Arabic through spoils of war during the campaign in Byzantium, science missions sent to Constantinople and gifts from Byzantine emperors. About 60 works were translated into Greek: 28 astronomical and astrological, 17 medical and pharmacological, and among others 1 religious, 3 scientific, 3 meteorological, 2 on divination, 4 literary, 1 alchemical. The peak of Byzantine translations from Arabic is during the 11th century. 
 
The starting point of Mister Sypiański's research are the following hypotheses:
  • The depiction of intellectual interactions was immersed in the social context of the writers and influenced by their prejudices and political aims.  
  • Possession of knowledge had particular social and political uses. Some of them were shared by Arabs and Byzantines, which facilitated intellectual exchange; likewise there were differences that led to misunderstandings.
  • The existence of a Mediterranean "court culture", due to the circulation of members amongst Byzantine, Abbasid, Andalusian and Western elites, shaped the Arabo-Roman intellectual contacts.
  • The scientific rivalry enacted during diplomatic encounters was a tool of internal and external Propaganda.

The main sources that he analyses in his doctoral project are episodes contained in written sources dating from 8th to the 13th A.D. century, like Al-Mamun's dream, gifts to al-Mansur, horoscopes, invitation of Leo the Mathematician to Baghdad, and others. In addition, writings from translators like Simeon Seth are taken into account. 
 
Finally, Mr. Sypiański gave us an insight about some conclusions that can be drawn from an initial analysis of the above mentioned sources: 
  • Arabo-Islamic sources: the "Roman" and/or "Greek" origin of science is sometimes positive and sometimes negative.
  • This simultaneous expression of opposite views is a result of different social attitudes and of the implication of various social milieu.
  • The Byzantine sources comment on the legitimacy of sharing ancient "Roman" knowledge with the infidel foreigners
  • Byzantine sources: almost no comments on the "exoticism" of translated and imported science.

Footnote: 
[1] Gutas, Dimitri: Arabic into Byzantine Greek: Introducing a Survey of the Translations. New Haven 2012, p. 246-262.
 

Samstag, 19. September 2015

14. Mainzer Wissenschaftsmarkt am 12. und 13. September 2015

Ein Beitrag von Tim Brandes.

Am 12. und 13. September war es wieder soweit und der Wissenschaftsmarkt Mainz öffnete unter dem Motto "Mensch der Wissenschaf(f)t: Menschen und Wissenschaft im Dialog" seine Pforten. Dieses Jahr war zum ersten Mal auch das GRK 1876 "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" mit einem Stand vertreten. Mit dem Programm "Das Wissen vom Tier – geschaffen von Dir!" präsentierten die Doktorandinnen und Doktoranden das GRK und seine Forschungsbereiche.

Das von den Kollegiatinnen und Kollegiaten im Rahmen der Klausurtagung des letzten Jahres erarbeitete Programm, galt es im Vorfeld des Wissenschaftsmarktes allerdings noch in die Tat umzusetzen. So wurden beispielsweise Poster, Postkarten, Flyer und Broschüren erstellt und gedruckt, die Materialien für das Kinderprogramm (Abb. 1) wurden vorbereitet und zuletzt entstand sogar ein eigener Infopfeiler (Abb. 2).
 
Abb. 1: Die vorbereiteten Materialien für das Kinderprogramm
(Foto: Katharina Hillenbrand).
Abb. 2: Der Rohbau des Infopfeilers (Foto: Katharina Hillenbrand).
 

Der Pfeiler war Teil des Erwachsenenprogramms "Wie sich der Mensch sein Wissen schafft – Vorstellungen vom Löwen in den alten Kulturen". Dieses stand, wie der Titel vermuten lässt, ganz im Zeichen des Löwen. Anhand ausgewählter Texte und Bilder, die an dem Pfeiler angebracht wurden, konnten sich Interessierte ein Bild davon machen, welche Vorstellungen hinsichtlich des Löwen in verschiedenen vom GRK untersuchten alten Kulturen vorherrschten und mit welchen Eigenschaften und Personen das Tier in Verbindung gebracht wurde (Abb. 3). Ergänzt wurde der Pfeiler durch zwei Poster, die das Dargestellte näher erläuterten.


Abb. 3: Interessierte Besucher am Stand des GRK. In der Mitte: Der fertiggestellte Infopfeiler des GRKs
 (Foto: Silke Bechler).
 
Auch das eigens erstellte Programm für Kinder "Löwenstark: Kinder schaffen Wissen vom Tier" war mit von der Partie und erfreute sich großer Beliebtheit. Hierbei konnten die Kinder auf verschiedenfarbigem Pappkarton aufgezeichnete Körperteile von Tieren (Abb. 4) ausschneiden und sich so ihr eigenes (Phantasie-)Tier zusammenbasteln – eine Analogie zum kulturübergreifenden Konzept des Mischwesens, das sich meist aus den Körperteilen bekannter Tiere zusammensetzte. Alternativ war es den Kindern auch möglich, sich in Anlehnung an das Erwachsenenprogramm eine individuelle Löwenmaske zu gestalten. Die Mühen der Vorbereitung und Durchführung wurden großzügig belohnt und so freuten sich alle Beteiligten über das rege Interesse der Besucher am vorbereiteten Programm und am GRK selbst.
 
Abb. 4: Der "Basteltisch" mit den vorbereiteten Materialien. Im Vordergrund: Bunte Tiere aus Pappkarton
(Foto: Silke Bechler).
 

Mittwoch, 16. September 2015

5e Rencontre internationale Études Ptolémaïques - 5. Ptolemäische Sommerschule, Montpellier, 6.-9. September 2015

Ein Beitrag von Victoria Altmann-Wendling.

Die 5. Ptolemäische Sommerschule fand vom 6. bis 9. September im südfranzösischen Montpellier (Abb. 1) in den Räumen des Centre national de la recherche scientifique (CNRS) statt. Sie wurde von Ivan Guermeur (Montpellier) und Laurent Coulon (Lyon) organisiert. Die Ptolemäische Sommerschule ist ein regelmäßiges Treffen internationaler Forscher, die auf die Bearbeitung hieroglyphischer Texte der griechisch-römischen Zeit Ägyptens spezialisiert sind. Dabei werden besonders schwierige Texte mit Übersetzung und Deutung vorgestellt und gemeinsam diskutiert. Die meisten stammen aus den ptolemäischen Tempeln, doch auch andere Textträger wie Statuen und Särge sind vertreten. Die letzten Sommerschulen fanden in Freudenstadt (2005, 2009) Aussois (2007) und Oostduinkerke (2011) statt.

Abb. 1: Blick durch die palmengesäumten Straßen von Montpellier (Foto: Victoria Altmann-Wendling).

Nach der Anreise am Sonntag, die für viele Teilnehmer eine lange Zugfahrt durch ganz Frankreich bedeutete, traf man sich abends zum ersten Mal zum Essen, das durchgehend ganz ausgezeichnet war und dem guten Ruf der französischen Küche gerecht wurde!
 
Die nächsten zweieinhalb Tage boten ein dichtes Programm an Vorträgen. Die im üblichen Stil der Textbesprechung ablaufenden halbstündigen Beiträge wurden jeden Abend durch einen Langvortrag von 1,5 Stunden über ein Spezialthema abgeschlossen. Den ersten bestritt Dimitri Meeks (Montpellier), der über die "Neun-Bogen-Völker" sprach, die die Feinde Ägyptens repräsentieren. Meeks diskutierte eine Liste dieser Volksstämme im Tempel von Edfu und schlug Zuordnungen zu realen Territorien vor. Am zweiten Tag lud Christiane Zivie-Coche (Paris) zu einem "Rundgang" durch den Tempel von Deir Chelouit in Theben-West ein, dessen Publikation von ihr vorgelegt worden war, und der sie nun eine Gesamtübersetzung und -interpretation an die Seite stellen wird.
 
Auch an Themen, die sich in den Kontext "Mensch und Natur" setzen lassen, sind einige zu nennen: Emmanuel Jambon (Tübingen) sprach über das Darreichen von Blumensträußen in Ritualszenen, ein Thema, dem er sich momentan in einer umfassenden Studie widmet. Daniela Mendel-Leitz (Tübingen) stellte erneut einige Aspekte der von ihr zu publizierenden Stiersärge aus Tell Abu-Yasin im Nildelta vor, die sich heute im Kairener Museum befinden. Diese riesigen, an die Dimensionen der Stiermumien angepassten Sarkophage sind mit zahlreichen Szenen und Inschriften versehen, von denen viele astronomische Hintergründe haben, so z. B. die sog. "Stierschenkel-Uhr". Silke Cassor-Pfeiffer und Holger Kockelmann (Tübingen) präsentierten einen schwierigen Text aus Philae, der der Abwehr von Wasserbewohnern diente und wohl die Überfahrt vom Philae-Tempel zum Heiligtum Abaton sichern sollte. Zwei Statuen eines Astronomen mit Namen Horemhab hat Ralph Birk (München) im Rahmen seiner Dissertation bearbeitet. Auf einer findet sich die bemerkenswerte Darstellung des Priesters mit zwei astronomischen Instrumenten. Jan Tattko (Tübingen) sprach über die Repräsentation der Nilflut und des Fruchtlandes in einer Prozession im Tempel von Esna. Der Vortrag von Victoria Altmann-Wendling widmete sich den Darstellungen zweier Stiere auf dem Propylon des Chons-Tempels in Karnak, dem sogenannten Euergetes-Tor. Im Durchgang findet sich gleich zweimal die Abbildung zweier voneinander weglaufender Stiere. Zwischen den Hörnern tragen die Stiere der Westseite Mondscheiben, da der Mond in seiner Zunahme als "hitziger Stier (kꜣ ps)" und in seiner Abnahme als "Ochse (sꜥb)" bezeichnet wurde. Der begleitende Text der östlichen Szene gehört zu einer der ausführlichsten Quellen über den Mondzyklus.
 
Bevor die schöne Tagung am Mittag des dritten Tages endete, fand sie beim letzten gemeinsamen Abend in alten Gemäuern ihren würdigen Abschluss (Abb. 2).
 
Abb. 2: Abschluss-Dîner unter Gewölben (Foto: Stefan Baumann).
 

Dienstag, 8. September 2015

XIth International Congress of Egyptology, Florence, Italy

Ein Beitrag von Nadine Gräßler.
 
Vom 23. bis 30. August 2015 fand in Florenz der 11. Internationale Ägyptologenkongress statt, der eine der wichtigsten internationalen Veranstaltungen des Faches Ägyptologie darstellt und sowohl Wissenschaftler/innen als auch Nachwuchswissenschaftler/innen ein Forum bietet, unabhängig der jeweiligen Thematik eigene Forschungen und Projekte vorzustellen. Organisiert wurde der Kongress u. a. vom Internationalen Ägyptologen-Verband und dem florentinischen "Center for Ancient Mediterranean and Near Eastern Studies" (CAMNES). Vom Präsidenten der Italienischen Republik, Sergio Mattarella, wurde der internationale Kongress mit dem Recognition Award ausgezeichnet.
 
Abb. 1: Blick über Florenz (in der Mitte die Kuppel der Kathedrale Santa Maria del Fiore, davor der Turm des Palazzo Vecchio) (Foto: Nadine Gräßler).

Etwa 800 Ägyptologinnen und Ägyptologen kamen in dieser Woche zusammen, um sich eine Woche lang über neuste Forschungen zu informieren, Neuigkeiten auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. 

Die Auftaktveranstaltung am Sonntagabend wurde geprägt durch zwei Leitvorträge, die zwei der dringendsten Themen der Ägyptologie betrafen: Die gegenwärtige Situation der Ägyptologie und ihre zukünftigen Perspektiven wurden vom ägyptischen Minister für Antiquitäten und kulturelles Erbe, Mamdouh el-Damaty, in den Blick genommen. Fathi Saleh, Referent des ägyptischen "Center for Documentation of Cultural and Natural Heritage" in Ägypten, beleuchtete danach die Frage nach dem Umgang mit kulturellem Erbe im digitalen Zeitalter, wobei er vor allem die Bemühungen und Programme des Zentrums hinsichtlich der (digitalen) Dokumentation und Verbreitung des prähistorischen, pharaonischen, islamischen und modernen Erbes Ägyptens vorstellte. In Anbetracht der ägyptischen Revolution und den derzeitigen Unruhen in Ägypten und anderen arabischen Ländern, die auch die Zerstörung von Kulturgütern und Raubgrabungen bedingt haben, setzte die Veranstaltung somit ein Zeichen, wie ernst die Lage und Dokumentation von Kulturerbe genommen wird, aber auch, wie eng die internationale Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen ägyptischen und internationalen Ägyptologinnen und Ägyptologen ist.

Am nächsten Tag begannen dann die eigentlichen Vorträge, bei denen jeweils sechs parallel zueinander liefen. Eine Entscheidung, welchen Vortrag man besuchen sollte, fiel bei diesem großen Angebot ausnehmend schwer. Etwas erleichtert wurde die Auswahl dadurch, dass die Vorträge in unterschiedliche thematische Sektionen eingeteilt waren, die schon einmal darauf hindeuteten, in welche Kategorie das Thema eines Vortrags fiel. Die Oberkategorien umfassten die Themen: Archäologie (aktuelle Methoden und Feldarbeit); Kunst und Architektur; Kulturelles Erbe (Konservation, Bewahrung, Management); Geschichte; Geschichte der Ägyptologie; Sprache, Literatur und Texte; Materielle Kultur (Keramik und Handwerk); Museen; Mumien; Ägypten außerhalb Ägyptens; Koptische Periode; Griechisch-römische Epoche; Konservation; Archäometrie; Papyrologie; Prähistorik; Archive; Religion; Gesellschaft und Königtum. Damit war die gesamte Bandbreite der ägyptologischen Forschung vertreten. 

Eine Besonderheit stellte die Sektion "E-gyptology" dar, die in diesem Jahr erstmals in den internationalen Kongress aufgenommen worden war. In dieser Sektion wurden digitale Projekte und die Fortschritte der Ägyptologie im Bereich der Digital Humanities präsentiert. 

Neben den Vorträgen wurden zudem zahlreiche Poster präsentiert, die in eigens dafür vorgesehenen Poster Sessions betrachtet werden konnten. Daneben fand die ganze Woche eine Projektion statt, die die architektonische Struktur des Dendera-Tempels und eine Studie des Sternbilds aus Dendera in einem Vergleich mit dem Sternbild aus dem Grab Sethos‘ I. im Tal der Könige sowie einer aktuellen Himmelskarte zeigte. Das komplette Programm des Kongresses finden Sie hier
.

Auch vier Mitglieder des Graduiertenkollegs – die Trägerinnen Prof. Dr. Tanja Pommerening und Prof. Dr. Ursula Verhoeven-van Elsbergen sowie die Doktorandinnen Victoria Altmann-Wendling und Nadine Gräßler – hatten die Möglichkeit, an dem Kongress teilzunehmen und einen Vortrag und damit ihre neuesten Forschungsergebnisse zu präsentieren: Victoria Altmann-Wendling stellte gleich zu Beginn am Montagmorgen mit der Präsentation "Min and Moon – Cosmological Concepts in the Temple of Athribis (Upper Egypt)" die lunaren Aspekte des Gottes Min und das komplexe Netz aus kosmologischen Verbindungen zwischen ihm und der Göttin Repit vor, die in Athribis als göttliche Personifikationen von Sonne und Mond auftreten. Am Dienstag folgten dann die Vorträge von Prof. Dr. Tanja Pommerening und Nadine Gräßler. Tanja Pommerening stellte unter dem Titel "Medical Re-enactments: Ancient Egyptian Prescriptions from an Emic View" Ergebnisse eines DFG-geförderten Projektes zur emischen Erklärung heilkundlicher Rezepte hinsichtlich ihres Aufbaus, ihrer Bestandteile und ihrer Herstellung vor. Nadine Gräßler widmete sich in ihrem Beitrag zu "Expressions for Parts of the Eye in Different Text Genres" ebenfalls Bereichen aus der Heilkunde, jedoch eher aus einer sprachwissenschaftlichen Perspektive, indem sie die Bezeichnungen für Bestandteile des Auges aus heilkundlichen, magischen und religiösen Texten verglich und dadurch eine Aussage zur Fachsprache in heilkundlichen Texten treffen konnte. Am Donnerstag stellte Prof. Dr. Ursula Verhoeven-van Elsbergen (zusammen mit Svenja Gülden vom Arbeitsbereich Ägyptologie der JGU Mainz) in der Sektion E-gyptology Inhalt, Ziele und Aufbau des neu bewilligten Projektes "Altägyptische Kursivschriften" der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz vor. 

Neben dem fachlichen Aspekt der Tagung wurde von den Organisatoren auch ein tolles Rahmenprogramm geboten. Ein Highlight war unter anderem der exklusive Besuch des Museo Archeologico, das eine umfangreiche Sammlung ägyptischer Altertümer beherbergt. Da aus Sicherheitsgründen immer nur eine bestimmte Personenanzahl die Sammlung besichtigen konnte, wurde den anderen Besuchern die Wartezeit mit einer Präsentation des forensischen Anthropologen Prof. Matteo Borrini von der John Moores University in Liverpool verkürzt, der zu dem Titel "Reconstruction of the Face of the Kent Mummy, Preserved in the Egyptian Museum of Florence" das Ergebnis der Gesichtsrekonstruktion einer Mumie aus der ägyptischen Sammlung Florenz vorstellte (Abb. 2).
 
Abb. 2: Prof. Matteo Borrini bei der Vorstellung der Technik zur Rekonstruktion eines Gesichts (Foto: Nadine Gräßler).
Auch die Abschlussveranstaltung am Samstagabend war ein exklusives Event. Dieses fand im berühmten Salone dei Cinquecento ("Saal der Fünfhundert") des Palazzo Vecchio statt, der eigens dafür für andere Besucher geschlossen wurde. Der krönende – und sicherlich noch lange in Erinnerung bleibende – Abschluss war hier ein Konzert der Nesma Abdel Aziz Group des Cairo Opera House, die die Zuhörer mit einer Mischung aus traditionell ägyptischen und westlichen Klängen begeisterte (Abb. 3).
 
Abb. 3: Die Nesma Abdel Aziz Group des Cairo Opera House bei ihrem Konzert zum Abschluss des 11. Internationalen Ägyptologenkongresses (Foto: Alexa Rickert).

Wir bedanken uns an dieser Stelle beim GRK 1876 für die Förderung der Teilnahme an diesem Kongress. Die Beteiligung an einem so großen Event mit internationalem Publikum war für uns eine spannende und wichtige Erfahrung.
 
Abb. 4: Die Kollegiatinnen Victoria Altmann-Wendling und Nadine Gräßler bei einem abendlichen Rundgang vor dem Ponte Vecchio (Foto: Victoria Altmann-Wendling).

Freitag, 28. August 2015

Zweite Forschungsreise zu Naturheiligtümern

Ein Beitrag von Florian Schimpf.
 
Die Zahl an antiken Kultstätten, für die sich ein mehr oder weniger starker Bezug zur umgebenden Natur oder zu einzelnen natürlichen Elementen wie etwa einer Wasserstelle (bspw. heiligen Quellen) nachweisen ließe, ist schier unendlich, die Liste an potentiellen "Naturheiligtümern" in Kleinasien dementsprechend lang. Während einer ersten Forschungsreise im Spätsommer des Vorjahres (siehe den Beitrag vom 6. Oktober 2014) konnte der Verfasser dieses Beitrags – Florian Schimpf – aufgrund ihrer Vielzahl nicht alle dissertationsrelevanten Stätten aufsuchen und studieren; eine zweite Reise an der türkischen Westküste war daher für das Folgejahr fest eingeplant und konnte dank der finanziellen Unterstützung des Graduiertenkollegs 1876 vom 30. Juli bis zum 9. August dieses Jahres realisiert werden.
 

Stationen der diesjährigen Forschungsreise


Neben dem Besuch weitestgehend unbekannter Natur- bzw. Felsheiligtümer in den aiolischen Städten Aigai und Neonteichos unweit Pergamons sowie am Abhang unterhalb der Johannes-Basilika bei Ephesos stand in diesem Jahr auch das prächtige Apollonheiligtum von Klaros bei Kolophon (Ionien) auf dem Programm (Abb. 1).
 
Abb. 1: Blick auf den Apollon-Tempel im Heiligtum des Apollon von Klaros (Foto: Florian Schimpf).
Anlass für einen Besuch des bereits in der Antike berühmten Orakelheiligtums gab in diesem Fall nicht die weitestgehend naturbelassene Gestaltung der Stätte, sondern vielmehr die außerstädtische Lage des Heiligtums und die heilige Quelle im Untergeschoss des Apollon-Tempels (Abb. 2); denn "Naturheiligtümer" sollen im Rahmen meines Dissertationsprojektes nicht nur unter dem Gesichtspunkt der "Naturbelassenheit", sondern auch hinsichtlich ihrer (Natur-)Lage und der natürlichen Elemente darin erfasst, beleuchtet und diskutiert werden.
 
Abb. 2: Blick in die Substruktionen des klarischen Apollon-Tempels (Foto: Florian Schimpf).
 Extra urbane, d. h. außerstädtische Heiligtümer wie das Orakelheiligtum des Apollon bei Kolophon, warten häufig mit einer bemerkenswerten Lage nahe Flüssen, in Schwemmebenen, Schluchten oder auf Gebirgszügen auf; eine intendierte Bezugnahme auf den umgebenden Naturraum erscheint in manchen Fällen als sehr wahrscheinlich. Überdies können extra urbane Heiligtümer an ein bestimmtes natürliches Element wie einen Baum, eine Höhle oder eine Quelle gebunden und die Wahl des Ortes darin begründet sein. Im Hinblick auf derlei Natur- bzw. Kultmale und ihre Naturlage werden daher auch extra urbane Heiligtümer, welche auf den ersten Blick kaum Bezüge zur Natur aufweisen, nicht nur besucht, sondern hinsichtlich möglicher Naturbezüge hinterfragt und ggf. neu bewertet.

Donnerstag, 6. August 2015

Vortrag von Dr. des. Sabine Neumann (Universität Marburg) – „Die Grotten auf der Akropolis von Rhodos – Künstliche Natur im Kontext hellenistischer Wohnkultur“

Ein Beitrag von Dominic Bärsch.

Im Rahmen der Plenumssitzung vom 23. Juli 2015 hielt Frau Dr. des. Sabine Neumann einen Vortrag zum Thema "Die Grotten auf der Akropolis von Rhodos – Künstliche Natur im Kontext hellenistischer Wohnkultur". Frau Neumann, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Archäologischen Seminar der Philipps-Universität Marburg angestellt ist, hatte sich bereits in ihrer gleichnamigen Dissertation mit dem Verhältnis von Kunst und Natur in den rhodischen Grotten auseinandergesetzt und präsentierte ihre Ergebnisse dem interessierten Publikum.
 

Erholungsstätten oder Heiligtümer der Nymphen

 
In der bisherigen Forschung wurden den vier thematisierten Grotten, die im Laufe früherer Grabungen auf der Akropolis von Rhodos freigelegt wurden, verschiedene Funktionen zugeordnet. So ging man einerseits davon aus, dass sie Heiligtümer für Nymphen und andere Naturgottheiten gewesen seien, was aus zahlreichen Wandnischen mit Befestigungen für Statuen oder Reliefs geschlossen wurde. Andererseits übertrug man das Bild öffentlicher Parkanlagen mit weiten Hainen und Grotten als Erholungsorte für die Bürger auf die Befunde, was jedoch sehr durch das Bild der ausgehenden Romantik geprägt ist. Dazu gab Frau Neumann jedoch zu bedenken, dass eingehende Untersuchungen zu den Grotten bislang noch ausstehen und auch deren eine Datierung bislang nicht gesichert ist.
 

Die Grotte als Teil des hellenistischen Wohnhauses 

 
In ihrer These zur Funktion der Grotten distanziert sich Frau Neumann von der bisherigen Forschung: Die Grotten seien künstlich erzeugte Bestandteile hellenistischer Wohnhäuser, wie sie nach einem Erdbeben im 3. Jahrhundert v.Chr. vermehrt auf der Akropolis und in der Wohnstadt erbaut worden sind. In ihrer Gestaltung lasse sich ein ästhetischer Diskurs des Hellenismus erkennen: Der Mensch strebt danach die Natur durch seine künstlerischen Werke nachzuahmen oder gar zu überbieten, was seinen Niederschlag auch in griechischen und römischen literarischen Quellen findet. Ziel dieses Strebens war es unter anderem eine Illusion zu erzeugen, in der verschleiert wird, wo die Natur endet und die Kunst beginnt.

Dabei dienten die Grotten als Orte für Gelage und Gastmähler, die gerade in den heißen Sommermonaten durch künstliche Wasserzuläufe ein angenehmes Klima boten. Als Vorbild könnten dabei hellenistische Herrscherpaläste oder auch, konkret, das aus den Schriftquellen bekannte Palastschiff Ptolemaios IV. gedient haben, die ebenfalls über gestaltete Grottenräume verfügten. Dabei erfüllten die bereits erwähnten Wandnischen wohl dekorative Zwecke, indem verschiedene Statuen – die möglicherweise auch Götter abbildeten – aufgestellt wurden. Es lässt sich jedoch nur spekulieren, ob mit diesen eine religiös-sakrale Komponente verbunden war.

Gerade auch für die Fragestellungen des Graduiertenkollegs sind solche, die Natur nachahmenden Installationen von großem Interesse, da sich anhand ihrer zeigt, welche Aspekte der Natur die antiken Künstler interessiert und zur imitatio und aemulatio angeregt haben.
 

Sonntag, 2. August 2015

21. Kongress der Société Internationale Renardienne, Zürich, 15.-19. Juli 2015

Ein Beitrag von Stephanie Mühlenfeld.
 
Vom 15. bis 19. Juli 2015 fand in Zürich das 21. Colloque der Société International Renardienne statt, an dem Tier-begeisterte Mediävisten aus der ganzen Welt teilnahmen. Die Sociéte Renardienne, die bereits seit 40 Jahren besteht und von KENNETH VARTY gegründet wurde, hat es sich zum Ziel gesetzt, Wissenschaftler von allen Kontinenten ‒ mit Ausnahme der Antarktis ‒ zusammen zu bringen und einen internationalen, interdisziplinären Rahmen zu schaffen, innerhalb dessen auch Sprachgrenzen keine Rolle mehr spielen (Fn. 1). Die Société findet sich alle zwei Jahre ‒ stets in einer anderen Stadt ‒ zusammen. Die drei Oberthemen des diesjährigen Colloque lauteten: Das allegorische Tier – die Tierallegorie, Vögel und "Grenzfälle" von Kurzgeschichten.
 
Abb. 1: Das historische Hauptgebäude der Universität Zürich, das von 1911 bis 1914 entstand, ist "!das Herzstück wissenschaftlicher Lehre" in Zürich (Fn. 2) (Foto: Stephanie Mühlenfeld).

Tagungsauftakt, sprechende Vögel und ein vin d'honneur auf dem Zürichsee

 
Eröffnet wurde die Tagung von RICHARD TRACHSLER (Universität Zürich) und BAUDOUIN VAN DEN ABEELE (Faculté de philosophie, arts et lettres, Université Catholique de Louvain-la-Neuve), dem Präsidenten der Société. RICHARD TRACHSLER, der langjähriges Mitglied der Sociéte und Mitherausgeber des Reinardus-Jahrbuchs ist, fungierte in diesem Jahr gemeinsam mit LARISSA BIRRER als Organisator und 'Gastgeber' des Colloque. Den Auftakt der wissenschaftlichen Vorträge bildete BAUDOUIN VAN DEN ABEELES Plenarvortrag zu dem Thema Les oiseaux dans l'espace domestique médiéval: présences familières, hôtes forcés, rêves apprivoisés. VAN DEN ABEELE erklärte, dass domestizierte Vögel nur äußerst selten Gegenstand mittelalterlicher Texte oder ikonographischer Darstellungen seien. Zunächst müsse man sich auch überlegen, inwieweit das Konzept von 'Domestizierung' ‒ wie wir sie heute im Allgemeinen verstehen ‒ auf Vögel im Mittelalter anwendbar sei. Deutlich werde, so VAN DEN ABEELE, dass Vögel, die im Kontakt zu Menschen auftreten, meist einer der drei folgenden Gruppen zugeordnet werden könnten: 1. Vögel, die zu einem Hühnerhof gehören (also Hühner und Enten, aber auch ‒ weniger häufig vertreten ‒ Pfauen, Fasanen und Perlhühner), 2. Gezähmte Vögel (Singvögel, Sittiche und Kraniche) und 3. Jagdvögel (Falken, Sperber und Habichte). VAN DEN ABEELE belegte die These, dass diese Vögel des Öfteren als domestizierte Tiere auftreten, sehr anschaulich anhand von verschiedenen ‒ überwiegend spätmittelalterlichen ‒ Bild- und Textzeugnissen. 
 
Auf den Plenarvortrag folgte eine Sektion aus drei Vorträgen, die sich mit sprechenden Vögeln beschäftigten. Den Anfang machte STEPHANIE MÜHLENFELD, Kollegiatin des DFG-Graduiertenkollegs "1876 ‒ Frühe Konzepte von Mensch und Natur", mit einem Vortrag zu dem Thema Le troubadour avec un bec recourbé ‒ De l'art de la séduction du perroquet dans des textes moyen-haut-allemands et ancien français. Anhand von mittelhochdeutschen, altfranzösischen und altokzitanischen Texten zeigte die Doktorandin auf, dass Papageien in der mittelalterlichen Literatur sehr häufig als besonders höfische, kultivierte und verführerische Tiere dargestellt werden, die bei der Damenwelt hoch im Kurs stehen. Darüber hinaus beeindruckten sie bei der Werbung um die Zuneigung der schönen Dame mit ihrer Intelligenz und Cleverness und würden auch als 'Kuppler' tätig. Es zeige sich jedoch zuweilen, dass dem Papagei jedes Mittel recht sei, um seine Ziele zu erreichen. So schrecke er beispielsweise nicht davor zurück, Intrigen zu spinnen oder Drohungen auszustoßen. 
 
Den zweiten Vortrag zu sprechenden Vögeln mit dem Titel Psittacus mytho-physicus. Der Papagei in den "Aestivorum libri tres" von Johannes Bisselius SJ (1601-1682) hielt FRANZISKA SCHNOOR (Stiftsbibliothek St. Gallen). SCHNOOR erläuterte, der Papagei werde in den Schriften des Jesuiten Johannes Bisselius mit der biblischen Geschichte der Moabiterin Ruth in Verbindung gebracht. Der Vortrag zeigte auf, welche Rolle dem Papagei in Bisselius' Version der Ruth-Geschichte zukommt. Darüber hinaus wurde dargelegt, wie sich die Papageien-Elegie innerhalb der naturwissenschaftlichen und poetischen Literatur verorten lässt. 
 
Den dritten Vortrag der Sprechende Vögel-Sektion mit dem Titel Zwischen Artikulation, Imitation und Inspiration: Sprechende Vögel in der legendarischen Literatur hielt JULIA WEITBRECHT (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel). Die Altgermanistin erklärte, dass in der Hagiographie zwar sehr häufig Tiere als Begleiter der Heiligen anzutreffen seien, sprechende Tiere jedoch bildeten innerhalb dieser Literatur eine "signifikante Ausnahme". Dieses Phänomen ‒ so WEITBRECHT ‒ sei darauf zurück zu führen, dass jene sprechenden Tiere "nicht an den Fiktionalitätskontrakt der Fabel gebunden" seien. Ihrer Sprachfähigkeit liege vielmehr "göttliche Inspiration" zugrunde. 
 
Nach einer kurzen Kaffeepause folgten daraufhin die drei Vorträge OLGA VASSILIEVA-CODOGNETS (EHESS, Paris), THOMAS GAUTHEYS (EPHE, Paris) und THIERRY BUQUETS (CNRS Craham, Caen). Während sich VASSILIEVA-CODOGNET mit den Tieren beschäftigte, die seit der Mitte des 13. Jahrhunderts im Zusammenhang mit Darstellungen des Rads der Fortuna auftreten, widmete sich THOMAS GAUTHEY den Elefantendarstellungen in drei verschiedenen Handschriften, die zeitlich der Epochenschwelle zwischen Mittelalter und Renaissance zuzuordnen sind (Paris, Bibliothèque Nationale de France, Mss. Fr 223, Fr 594 und Fr 12423). Der Beitrag BUQUETS beleuchtete schließlich die moralisierenden Exegesevarianten, die in Bezug auf die Giraffe überliefert sind. 
 
Um den Mittwochabend gemütlich bei einem vin d'honneur und 'Mümpfeli' (schweizer Bezeichnung für Fingerfood) auf dem Zürichsee ausklingen zu lassen, begaben sich die Mitglieder der Société Renardienne nach den Vorträgen zum Seeufer, wo die Gastgeber bereits ein Boot gechartert hatten. Bei dieser kleinen 'Warm-up-Party' auf dem See ergaben sich viele interessante Gespräche in angenehmer Atmosphäre und zahlreiche neue Kontakte wurden geknüpft.

Abb. 2: Blick vom Boot aus auf den Zürichsee
(Foto: Stephanie Mühlenfeld).
Abb. 3: Das Großmünster in der Abendsonne
(Foto: Stephanie Mühlenfeld).


 

Von mittelalterlichen Fledermaus-Konzepten bis zu der Frage, ob der Rabe hebräisch spricht

 
Auch an den folgen Tagen fand ein sehr spannendes Vortragsprogramm statt. So bereicherte etwa JACQUELINE LECLERCQ-MARX (Université Libre de Bruxelles) das Colloque um einen sehr interessanten Fledermaus-Vortrag, der den Titel Drôle d'oiseau. La chauve-souris dans les mentalités médiévales trug. Außerdem informierte CATERINA AGNUS (Università di Torino) über die allegorische Komponente des Bären Brun im Roman de Renard. STEFANO PEZZÈ (Università Ca' Foscari Venezia) beleuchtete die Darstellung von weißen Hirschen und Hinden in der italienischen Renaissance-Dichtung und in altfranzösischen, höfischen Erzählungen. Im Vortrag von PAUL WACKERS (Universiteit Utrecht) ging es um Allegorien im Dialogus creaturarum und REVITAL RAFAEL-VIVANTE (University of Bar-Ilan) beschäftigte sich mit der Frage, ob Raben hebräisch sprechen. Ihr Vortrag trug den Titel Do Ravens Speak Hebrew? The Raven as Allegorical Figure in "Meshal Ha-Qadmoni" by Isaac Ibn Sahula (Castille, 1281).
 
Am Donnerstag Spätnachmittag wurde das Tagungsprogramm ergänzt durch einen Besuch der beeindruckenden Handschriftenabteilung der Züricher Universitätsbibliothek, die derzeit ca. 650 mittelalterliche Handschriften umfasst (Fn. 3).
 
Am Freitag Abend waren alle Mitglieder der Société eingeladen, an dem großen Bankett im Dozentenfoyer der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich teilzunehmen. Hoch oben über den Dächern der Stadt bot sich ein wunderbares Panorama auf den Zürichsee und bei Wein und leckerem Zürcher Geschnetzeltem ergaben sich spannende Unterhaltungen.
 

St. Gallen und Appenzell: Der Zauber alter Handschriften und eine Bergwelt, die an Heidi und den Alm-Öhi erinnert

Am Sonntag unternahmen die Tagungsteilnehmer einen Ausflug nach St. Gallen und Appenzell. In der Stiftsbibliothek St. Gallen konnten die Mitglieder der Société an einer Führung teilnehmen und sich von dem Anblick 1200 Jahre alter Handschriften verzaubern lassen. Die Bibliothek besitzt über 2100 Manuskripte, von denen ganze 400 in der Zeit vor dem Jahr Tausend entstanden sind. Darüber hinaus kann zurzeit die Sonderausstellung Wenn Bücher Recht haben. Justitia und ihre Helfer in Handschriften der Stiftsbibliothek St.Gallen bestaunt werden, die noch bis zum 8. November läuft (Fn. 4).

Im Anschluss an den Aufenthalt in St. Gallen ging es mit dem Bus weiter nach Appenzell. Die kleine Stadt ist geprägt von malerischen Häusern im regional-typischen Baustil, die zum Teil von bunten, hölzernen Fassaden geschmückt werden. Neben dem bekannten Appenzeller Käse ist es wohl vor allem dieses idyllische Stadtbild mit seinen zahlreichen Souvenir-Läden, das sehr viele Touristengruppen anzieht. Des Weiteren lassen sich von hier aus ganz hervorragend Wanderungen unternehmen und die umliegende Landschaft dürfte einen jeden Besucher daran erinnern, dass er im Land Heidis und des Alm-Öhis unterwegs ist, denn hier finden sich überall einzelne, freistehende Bauernhöfe, die sich perfekt in die Bergwelt einpassen.

Abb. 4: St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 196, S. 379. Schulhandschrift: Venantius Fortunatus, Gedichte; Aenigmata (Rätsel) eines Dichters namens Symphosius oder Symposius (Fn. 5).
Rätsel aus dem zweiten Drittel des 9. Jahrhunderts, in denen es um Tiere und Pflanzen geht (Die Lösung ist jeweils in roten Majuskeln angegeben; auch 'exotische' Tiere wie etwa der Tiger kommen darin vor).

Abschließend möchte ich mich sehr herzlich für die Finanzierung meines Zürich-Aufenthaltes durch das DFG-Graduiertenkolleg 1876 "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" bedanken. Die Teilnahme am 21. Colloque der Société Renardienne sowie die Eindrücke, die ich in Zürich und St. Gallen sammeln durfte, waren eine ungemein bereichernde Erfahrung für mich.

Fußnoten:
[1] http://www.sir-irs.com/. Zugriff am 02.08.2015 um 13:11 Uhr.
[4] http://www.stibi.ch/de-ch/info/ausstellung.aspx. Zugriff am 03.08.2015 um 10:36.
[5] http://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0196/379/0/Sequence-382. Zugriff am 02.08.2015 um 15:17 Uhr.