Donnerstag, 18. Dezember 2014

Klausurtagung Château du Liebfrauenberg, 12.12.2014 – 14.12.2014

Ein Beitrag von Sarah Prause und Florian Schimpf.

Irgendwo im Nirgendwo  Straffes Programm und knallharte Diskussionen  Work Life Balance mit ausgewogenen Mahlzeiten


Zu den zahlreichen Annehmlichkeiten des Graduiertenkollegs (GRK) gehört zweifelsohne der gemeinschaftliche Ausbruch aus dem Arbeitsalltag in Form einer Klausurtagung. Ganz besonders bot sich dafür die eng getaktete Vorweihnachtszeit an, um in der wirkmächtigen Atmosphäre eines einsamen elsässischen Franziskanerklosters zusammenzukommen. So kam es, dass sich 13 Doktoranden am 12. Dezember 2014 auf den Weg in die deutsch-französische Grenzregion Bas-Rhin machten, um ihre Erfahrungen nach nun mehr einem Jahr GRK 1876 zu teilen und zu diskutieren.

Während sich der Großteil der Gruppe mit dem Zug auf den Weg machte, nahmen zwei Doktoranden das Wagnis einer zweistündigen Autofahrt in das bergige Land der Nordvogesen auf sich. Zuvor oblag diesen beiden jedoch die ehrenvolle Aufgabe, den im Voraus liebevoll und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellten Einkaufswünschen nachzukommen.


Doktorandinnen und Doktoranden des GRK 1876 (Foto: Sarah Prause).

Bis unters Dach mit allerlei Köstlichkeiten vollgepackt hieß es nun den Liebfrauenberg zu erklimmen. Dort angekommen musste mit Bestürzung festgestellt werden, dass die scheinbar überschaubare Einkaufsliste den sportlich getakteten Zeitplan bereits durcheinander gebracht hatte. Kaum ausgeladen und noch nicht verstaut, galt es einen Teil der mit dem Zug angereisten Kollegen in der Ebene von Wissembourg abzuholen. Zeitgleich erreichten die ersten Doktoranden per Taxi das Château und machten sich daran die klösterliche Vorratskammer zu füllen.

Nachdem zu vorgerückter Stunde auch die Letzten wohlbehalten zur Gruppe gestoßen waren, gab es Gelegenheit, sich mit der heimischen Küche vertraut zu machen und sich mit unbegrenzten Mengen an Flammkuchen verwöhnen zu lassen.

Bestens gestärkt konnte sich trotz vorangeschrittener Stunde so dem ersten Programmpunkt, der Teilnahme am Wissenschaftsmarkt 2015, gewidmet werden. Nach produktiven Gesprächen mit ansehnlichen Ergebnissen erklärten die Moderatoren den offiziellen Teil schließlich kurz vor Mitternacht für beendet, leiteten zum inoffiziellen über und luden zum feierabendlichen Umtrunk in den Nachbarraum ein. Weniger offiziell aber nicht minder wichtig, wurde nun in ungezwungener Atmosphäre bis in die frühen Morgenstunden die Chance wahrgenommen, sich fern ab der Arbeit besser kennenzulernen  und die beiden Doktorandengenerationen Eins werden zu lassen (es kann festgehalten werden, dass dieses Vorhaben von Erfolg gekrönt wurde).

Getreu dem Motto "Wer feiern kann, der kann auch arbeiten" kamen die Doktoranden am Samstagmorgen bereits im Morgengrauen wieder zum gemeinsamem Frühstück zusammen, im Glauben, sich für einen anstrengenden Tag wappnen zu müssen. Wie sich jedoch zeigen sollte, war diese Befürchtung unbegründet.

Denn der Austausch während des scheinbar von Tagesordnungspunkten bestimmten Tages war nicht nur konstruktiv und produktiv, sondern eine tolle Gelegenheit, ein spannendes erstes Jahr Graduiertenkolleg 1876 Revue passieren zu lassen.

Die wohlverdiente Mittagspause wurde auf ganz unterschiedliche Weise genutzt: während sich einige um das leibliche Wohl aller Doktoranden kümmerten (besonderer Dank hierfür gilt: Simone Gerhards, Nadine Gräßler, Katharina Hillenbrand und Carrie Schidlo), nutzte der Rest die Gelegenheit für einen kurzen Ausflug in die örtliche Patisserie bzw. die umliegenden Wälder.

Wieder vereint wurde das Programm mit Leckereien aus der Patisserie fortgesetzt.

Nach einem langen, ertragreichen Tag und der Beendigung des offiziellen Programms wurde schließlich die vorhandene Technik kurzerhand umfunktioniert und der Tagungsraum in einen Kinosaal verwandelt, in welchem die Doktoranden die gemeinsamen Tage gemütlich ausklingen ließen.

Das gemeinsame Wochenende barg vor allem die einhellige Erkenntnis einer mehr als gelungenen Klausurtagung und weckte den Wunsch und die Hoffnung aller, dass ein Zusammenkommen dieser Art nicht das letzte gewesen sein möge.


Blick vom Château du Liebfrauenberg in Tal (Foto: Sarah Prause).

Wir möchten uns ganz herzlich bei den Trägern des GRKs für diese Möglichkeit und besonders Silke Bechler für ihre Hilfe und Unterstützung im Vorfeld bedanken.

Dienstag, 16. Dezember 2014

Vortrag von Jun.-Prof. Dr. Marion Gindhart – Weltuntergänge. Zu einer Poetik der Auflösung in der lateinischen Literatur

Ein Beitrag von Dominic Bärsch.

Als vierte Vortragende im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung "Anfang und Ende. Vormoderne Szenarien von Weltentstehung und Weltuntergang" präsentierte Frau Jun.-Prof. Dr. Marion Gindhart ihre Überlegungen zu zwei Kerntexten der römischen Antike, die global imaginierte Überschwemmungsszenarien thematisieren.

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Noch bevor sich der Vortrag jedoch den zentralen lateinischen Texten widmete, zog Frau Gindhart zunächst ein Resümee aus den Präsentationen der letzten Wochen. Dabei rekapitulierte sie die Ergebnisse der Vorträge von Prof. Dr. Andrew R. George und von Prof. Dr. Jochen Althoff zu altorientalischen Schöpfungsmythen und griechischen Kosmogonien und leitete von diesen als Vorstellungen zur Entstehung der menschlichen Zivilisation zu denen des Untergangs und der Neukonsolidierung über. 

Ovid oder: der Wolf schwimmt mit den Schafen


Als ersten wichtigen Text präsentierte Frau Gindhart ein mythisch geformtes Narrativ aus den Metamorphosen Ovids, die deukalionische Flut. In dieser Erzählung aus dem ersten Buch der hexametrischen Dichtung beschließt zunächst der Göttervater Jupiter, dass die Menschheit aufgrund ihrer Verdorbenheit – die er zuvor paradigmatisch in Form des Lycaon repräsentiert sah – ausgelöscht werden solle. Als Modus der Zerstörung wählt er ein globales Flutereignis, das durch den Regen herbeigeführt werden soll. Dieses Ereignis schildert Ovid ausdrucksstark mit drastischen Bildern der Zerstörung, durchbricht diese jedoch regelmäßig durch geradezu komische Aspekte, etwa dass im Frieden der Sintflut sogar Schaf und Wolf nebeneinander schwimmen können. Lediglich zwei Personen können dem Untergang entgehen: der Sohn des Prometheus Deukalion und dessen Cousine Pyrrha. Durch göttliche Offenbarung wird diesen aufgrund ihrer Frömmigkeit eine Möglichkeit eröffnet, das menschliche Geschlecht wiederherzustellen und zwar indem sie die Gebeine der großen Mutter hinter sich werfen. Diesen kryptischen Ausspruch bringt sie dazu, Steine aufzusammeln, die sie über ihre Schultern werfen und aus denen ein neues Menschengeschlecht entsteht. Nach dem Rückgang der Flut erholt sich auch die übrige Welt wieder von der Zerstörung, neue Pflanzen und Tiere entstehen.

Seneca, der Untergangsprophet


Im Gegensatz zu Ovid, der in seinem Werk einen einmaligen und in der Vergangenheit liegenden Kataklysmos imaginiert, entwirft der stoische Philosoph Seneca im dritten Buch seiner Naturales quaestiones die Theorie eines zyklischen Ereignisses, das die Welt immer wieder von der moralischen Verderbtheit der Menschen reinige und in den Zustand einer Urfeuchtigkeit zurückführe. Auch er nutzt zur Imagination dieser Ereignisse die drastischen Beschreibungen einer gewaltigen Flut, die die Welt und die Menschheit mit ihr heimsucht und vernichtet. Dafür rekurriert er sogar per Zitierung auf die deukalionische Flut Ovids, rügt diesen jedoch im selben Moment dafür, dass er die Erhabenheit der Thematik durch alberne Spielereien – wie die erwähnte Schaf-Wolf-Paarung – ins Lächerliche ziehe. Im Gegenzug nutzt Seneca die Drastik seiner Ausführungen, um bei seinen Rezipienten eine Urangst vor dem allgegenwärtigen Zerstörungspotential der Natur zu evozieren. Entsprechend dieser eher düsteren Darstellung schließt er seine Ausführungen mit der pessimistischen Aussage ab, dass nach der vernichtenden Reinigung zwar ein neues Menschengeschlecht entstünde, dieses jedoch im Kern schon nach der Entstehung verdorben und damit wieder zum Untergang verdammt sei. Jedoch ließ Frau Gindhart ihre Zuhörer nicht mit diesen Gedanken zurück, sondern führte fort, dass Seneca im direkt darauffolgenden Buch den Nil als Quelle des Lebens und Gegenbild der zerstörenden Flut darstelle, was ein Kontrastprogramm zum Ende des dritten Buchs bildet.     

Dienstag, 9. Dezember 2014

Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Jochen Althoff – Frühgriechische Vorstellungen von der Kosmogonie: Hesiod und die Vorsokratiker

Ein Beitrag von Dominic Bärsch.
 
Den dritten Vortrag im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung "Anfang und Ende. Vormoderne Szenarien von Weltentstehung und Weltuntergang" hielt Herr Prof. Dr. Jochen Althoff. Als Gräzist thematisierte er die Vorstellungen der Kosmogonie bei Hesiod und den Vorsokratikern.
 

Aus dem Chaos folgt die Ordnung

 
Zu Beginn seiner Ausführungen beschäftigte er sich mit der Theogonie Hesiods, einer der ältesten überlieferten griechischen Dichtungen des Abendlandes. Thema des Gedichts ist nicht nur die Entstehung der Götter, wie es der Name impliziert, sondern auch die der differenzierten Welt aus dem Chaos. Althoff betonte dabei, dass der Begriff des Chaos möglicherweise in Anlehnung an die Vorstellung eines gewaltigen Welttieres zu verstehen sei, das aus dem aufklaffenden Mund (griech. chaskein – aufklaffen) den Kosmos hervorbringt. Im Laufe des Gedichtes entsteht im Wechsel von asexueller und sexueller Fortpflanzung eine zunehmende Strukturierung der Welt: Innerhalb dieser Kosmogonie als Genealogie werden Himmel, Berge, Flüsse und andere Bestandteile des Alls hervorgebracht. Bemerkenswert sei bei dieser Schilderung auch, dass diese Kosmogonie aus der Perspektive des Dichters heraus gestaltet wird, was sich etwa daran zeigt, dass die personifizierten Widrigkeiten des Lebens, wie Hass und Streit, schon vor dem Menschen entstehen.
 

Die Milesier

 
In Abgrenzung zu dem mythischen Paradigma Hesiods postulierten die sogenannten Milesier – eine Gruppe vorsokratischer Philosophen in Milet, deren Werke uns heute nur noch durch Fragmente bekannt sind – bestimmte Urelemente und/oder -prinzipien, aus denen die differenzierte Welt entstanden ist und in die sie gegebenenfalls wieder zurückkehren wird. Thales von Milet (um 585 v. Chr.) soll das Wasser dabei als Ursubstanz hervorgehoben und dies mit dem Satz "Alles ist Wasser" zusammengefasst haben.
 
Anaximander (um 610-547 v. Chr.) hingegen nahm das "Unbegrenzte" (griech. to apeiron) als eine Art von Urmasse an, die verschiedene, gegeneinander wirkende Materien entstehen ließe. Nach einer bestimmten Zeit, in der die differenzierte Welt in Form einer Säulentrommel existiert, führe dieses gegensätzliche Wirken dann zu einem Vergehen des Alls zurück zur Urmasse. Ein bemerkenswerter Gedanke, der sich bei Anaximander zudem findet und prägend für die weitere abendländische Philosophie wird, ist, dass der gesamte Kosmos durch mathematische Formeln zu bestimmen sei.
 
Anaximenes (gest. um 528/25 v. Chr.) proklamiert als dritter Milesier wiederum ein konkretes Urelement, nämlich die Luft. Nach dieser Vorstellung, die wohl auf meteorologische Beobachtungen zurückgeht, ist jedes andere Element eine verdünnte oder verdichtete Variante der Luft. So bestünde etwa Feuer aus besonders dünner, Stein wiederum aus sehr dichter Luft.
 

Empedokles und Demokrit

 
Als zwei weitere Vorsokratiker, die nicht aus Milet stammten, jedoch ebenfalls nur fragmentarisch überliefert sind, stellte Althoff abschließend Empedokles von Akragas (um 483-424 v. Chr.) und Demokrit von Abdera (um 460-380 v. Chr.) vor.
 
Empedokles stellte die These auf, dass die Welt aus vier "Wurzelwerken" (Feuer, Wasser, Luft und Erde) bestünde, welche wiederum die dauerhaften Bestandteile der Welt seien. Entstehen und Vergehen aller Dinge sei demnach nur ein Zusammensetzen beziehungsweise Auftrennen von Verbindungen aus diesen Bestandteilen. Dies geschehe unter dem Einfluss zweier Wirkkräfte, der "Liebe" (griech. philia) und des "Hasses" (griech. neikos).
 
Demokrits Vorstellung geht im Gegenzug von zwei Grundelementen aus, der Leere und den Atomen, also kleinsten, sich jedoch voneinander unterscheidenden Teilchen, aus denen alles zusammengesetzt ist. Methodisch schließt er von den sichtbaren Dingen auf die unsichtbaren: Durch Bewegung der Atome im leeren Raum entstehen Konglomerate aus zusammenpassenden Einzelbausteinen. Dementsprechend gebe es nicht nur eine, sondern zahllose Welten, in denen verschiedenste Möglichkeiten der Zusammensetzungen existieren.
 

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Workshop von Martin F. Meyer: „Griechische Anthropologie“

Ein Beitrag von Dominik Berrens.
 
Am 27. November 2014 bot PD Dr. Martin F. Meyer einen vierstündigen Workshop zum Thema "Griechische Anthropologie" an. Der Philosoph Martin F. Meyer ist Akademischer Oberrat und Privatdozent am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Koblenz-Landau (Campus Koblenz) und beschäftigt sich vor allem mit der griechischen Philosophie. Viele seiner Publikationen sind eng mit der Thematik des Graduiertenkollegs verknüpft. Unter ihnen befinden sich mehrere Beiträge zum Arbeitskreis Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption (AKAN), ein Sammelband zur Kulturgeschichte der Botanik sowie seine Habilitationsschrift, die unter dem Titel "Aristoteles und die Geburt der biologischen Wissenschaft" in Kürze erscheinen wird.

 

Implizite und explizite Anthropologie

 
In Anlehnung an Landmanns Arbeit zur philosophischen Anthropologie (Fn. 1) verwendete Martin F. Meyer die Begriffe implizite und explizite Anthropologie. Eine explizite Anthropologie meint in diesem Zusammenhang, dass die Frage "Was ist der Mensch?" (τί ἐστιν ἄνθρωποςtí estin ánthrōpos) ausdrücklich gestellt wird, eine implizite, dass diese Frage indirekt aus dem Text geschlossen werden kann. Der Begriff "Anthropologie" wurde in seiner modernen Bedeutung in der Antike noch nicht verwendet.
 

Paradigmen einer impliziten Anthropologie

 
Der erste Teil des Workshops beschäftigte sich mit den Paradigmen einer impliziten Anthropologie, wie sie in den frühgriechischen Epen Homers sowie auch in den Historien Herodots zu finden sind.
Der grundlegende Antagonismus von Natur und Kultur bzw. zwischen wilden und zivilisierten Völkern ist vor allem in der Odyssee thematisiert. Einen besonders starken Gegensatz bilden dabei die hoch zivilisierte und fast schon idealisierte Kultur der Phäaken und die wilden Kyklopen. Die Kategorien, an denen dieser Gegensatz festgemacht wird (z.B. Sesshaftigkeit ­– Nomadentum; Recht – Rechtlosigkeit und Gewalt; Ackerbau – einfache Viehzucht) wurde im Rahmen des Workshops eingehender besprochen und diskutiert.
Sind wilde und zivilisierte Völker in Homers Epen noch in relativer räumlicher Nähe in der griechischen Welt lokalisiert, stellt sich dies in den Historien Herodots anders dar. In seiner Vorstellung leben die zivilisiertesten Völker im Zentrum der Welt (für ihn die kleinasiatische Küste). Die Lebensweise der verschiedenen Völker wird mit zunehmender Entfernung von diesem Zentrum immer einfacher.

Aufbruch zur expliziten Anthropologie

 

Der zweite Teil des Workshops war dem Beginn einer expliziten Anthropologie in den Texten des 5. und 4. Jhd. v. Chr. gewidmet.
Beginnend mit den medizinischen Schriften, etwa den frühen Werken des sogenannten Corpus Hippocraticum, wurde die Frage nach dem Menschen und seiner Natur explizit behandelt. Der Mensch wurde hier vor allem in seiner Körperlichkeit definiert.
Einem solchen Primat der medizinischen Anthropologie tritt vor allem Platon in seinen mittleren Dialogen entgegen. Mit seinen Texten legt er den Grundstein einer philosophischen Anthropologie.
 
Fußnote:
[1] Landmann, M. (1964): Philosophische Anthropologie. Menschliche Selbstdeutung in Geschichte und Gegenwart, Berlin.