Samstag, 29. November 2014

Interdisziplinärer Workshop "Von der Klassifikation zum Konzept: Interdisziplinäre Heuristiken zur Konzeptualisierung von Flora, Fauna, Mensch und Landschaft“

Ein Beitrag von Katharina Hillenbrand und Tristan Schmidt.

Am 21. und 22. November 2014 fand an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ein interdisziplinärer Workshop des Graduiertenkollegs "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" statt. Unter dem übergreifenden Thema "Von der Klassifikation zum Konzept: Interdisziplinäre Heuristiken zur Konzeptualisierung von Flora, Fauna, Mensch und Landschaft", fanden sich Vertreter verschiedener Disziplinen ein, die aus linguistischer, kulturhistorischer, soziologischer und naturwissenschaftlicher Perspektive den Möglichkeiten der Klassifikation von Flora und Fauna nachgingen.

Als Leitlinien des Workshops dienten dabei folgende Fragen:
1) Welche Abgrenzungen und Klassifikationskriterien von verschiedenen Pflanzen, Tieren, Menschen oder Landschaften sind erkennbar?
2) Gibt es spezifische Formen der Klassifikation in Schrift, Sprache, Abbild und Frames?
3) Gibt es Hierarchisierungen?
4) Sind differierende Klassifizierungssysteme in verschiedenen sozialen Gruppierungen sichtbar?
5) Was motiviert Klassifikationen?

Nach einer Begrüßung und Einführung durch die beiden Veranstalter, Tanja Pommerening (Ägyptologie - Mainz) und Walter Bisang (Linguistik - Mainz), begann Sonja Gerke (Ägyptologie - Mainz) mit ihrem Vortrag "All Creatures Great and Small – the Ancient Egyptian View on the Animal World" (Abb. 1). Sie ging der Frage nach, ob den teilweise sehr detaillierten und differenzierten Tierbeschreibungen und -darstellungen im Alten Ägypten konsistente Muster der Kategorisierung zugrunde lagen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass ein kanonisiertes System der Tierklassifizierung nicht vorgelegen habe, sondern dass vielmehr je nach Notwendigkeit eigene situative Klassifikationen angestellt worden seien, die oft keine Parallelen in anderen Zeugnissen aufweisen würden.


Abb. 1: Die Referentin Sonja Gerke und die Workshop-TeilnehmerInnen (Bild: Valeria Zubieta Lupo).

Einen ägyptologischen Schwerpunkt hatte auch der zweite Vortrag von Orly Goldwasser (Ägyptologie - Jerusalem) mit dem Titel "What is a horse?": From the Egyptians to the Aztecs – A Cross-Cultural Perspective." Sie nahm die Einführung des bis in das 17. Jahrhundert v. Chr. in Ägypten unbekannten Pferdes als Ausgangspunkt für die Frage, wie sich die Namensgebung für dieses fremdartige Tier gestaltete und wie dieses neue Wort in die Schriftsprache integriert wurde. Gerade anhand der sogenannten Hieroglyphenklassifikatoren lasse sich erkennen, in welche taxonomischen Kategorien die Alten Ägypter es einordneten. Im Anschluss zog sie eine Parallele zu Vorgängen bei der Einführung des Pferdes in den aztekischen Kulturraum im 16. Jahrhundert n. Chr., wo das Pferd auf eine deutlich andere Art in bestehende Vorstellungen integriert worden sei.

Thekla Wiebusch (Linguistik - Leipzig) betrachtete in ihrem Vortrag "The Classification of Animals in Ancient and Medieval Chinese Writing System(s) and Knowledge Organization"  chinesische Wörterbücher aus Antike und Mittelalter. Anhand der Kategoriemarker, die die chinesischen Schriftzeichen für Tiere aufweisen, ging sie den zu Grunde liegenden Klassifikationen nach und stellte sie in Relation zu damaligen philosophischen Ansätzen zur Tierklassifikation.

Am Nachmittag folgte der Vortrag von Roy Ellen (Anthropologie - Kent) mit dem Titel "Tools and living things: some observations on the interconnection between concepts and categories" (Abb. 2). Er beschäftigte sich mit der Zuschreibung von tierischen und menschlichen Eigenschaften auf unbelebte Dinge, die somit in verschieden starker Ausprägung als lebende Wesen mit mehr oder weniger großer Autonomie bzw. Beseeltheit behandelt werden. So sähen die von Ellen untersuchten, im östlichen Indonesien ansässigen Nuaulu etwa verschiedene Handwerkzeuge als Verlängerungen des menschlichen Körpers. Gerade das Kriterium der Bewegung sei hier entscheidend für Belebtheit. Selbstbewegte Maschinen, wie Außenbordmotoren von Booten werde eine noch umfangreichere Belebtheit zugesprochen, ihr Defekt könne entsprechend in den Kategorien von Sterben und Tod formuliert werden.

Abb. 2: Festvortrag mit Roy Ellen (Bild: Valeria Zubieta Lupo).

Der geplante Vortrag von Dietrich Busse (Germanistik - Düsseldorf) "Frames als Modell zur Analyse und Beschreibung von Konzepten, Konzeptstrukturen, Konzeptwandel und Konzepthierarchien" musste leider entfallen.

Es folgte Walter Bisang (Linguistik - Mainz) mit einem Vortrag über "Classification between grammar and culture – a cross-linguistic perspective." Er zeigte, dass Klassifikation in vielen Grammatiken als Prinzip erkennbar ist. Klassifikatoren würden dazu verwendet, Kategorien wie etwa Form, Zahl, Belebtheit, soziale Einordnung etc. darzustellen. Dabei verwies er darauf, dass einige Klassifikationsprinzipien offenbar universell aufträten, andere wiederum kulturspezifisch seien und bestimmte gruppenspezifische Perspektiven auf Dinge wiedergäben. An ihrer Vielfalt und Entwicklung ließe sich eine Vielzahl an Konzepten der Einordnung erkennen. Der Zweck der Klassifikatoren in der Grammatik sei, Dinge zunächst zu individuieren und zu identifizieren.

Iolanda Ventura (Wissenschaftsgeschichte - Paris) beschäftigte sich anschließend in ihrem Vortrag "The Development of Pharmacy at the End of the Twelfth Century: the "Taxonomies" of Geraldus (of Montpellier?) and Iohannes de Sancto Pauloz" mit hochmittelalterlichen pharmazeutischen Werken. Im zwölften Jahrhundert habe die Wissenschaft, angeregt unter anderem durch eine verstärkte Übersetzungstätigkeit vor allem arabischer Werke, einen Aufschwung erlebt. Auch im pharmazeutischen Bereich seien zahlreiche Werke verfasst worden. Anhand zweier pharmazeutischer Sammelwerke geht Ventura den Ordnungs- und Klassifikationskriterien der einzelnen Heilmittel nach, zeigt mögliche Einordnungen in den Kontext der zeitgenössischen Klassifikationsweisen auf und deren Entwicklung.

Mit einem gemütlichen Beisammensein im "Proviant Magazin" klang der Abend aus.

Der Samstag begann mit einem weiteren Vortrag von Roy Ellen zum Thema "Conceptualising natural objects: some issues arising from recent work in cognitive anthropology and ethnobotanical classification." Darin fragte Ellen nach dem generellen Funktionieren von Klassifikation. Ausschlaggebend für die Betrachtung von Klassifikationen seien Worte und Kategorien. Es gelte, anhand der nicht immer einfach zu erkennenden Kategorien deren semantische Struktur, also die unterschiedlichen Eigenschaften, die eine Kategorie definieren, sichtbar zu machen. Diesen liege oft ein Prototyp zugrunde, der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen verschiedenen Gegenständen ausdrückt. Ellen warnt davor, diese zu schnell in Kategorien kultureller Universalität einzuordnen. Letztlich werde zunächst kategorisiert, dann unterschieden und als Endprodukt des Prozesses klassifiziert, was je nach Kultur zu unterschiedlichen Ergebnissen führen könne.

Anschließend sprach Joachim W. Kadereit (Botanik - Mainz) in seinem Vortrag "Classification and naming of living objects – a biologist’s perspective" über den generellen Sinn von Klassifikation und ihre Besonderheiten in der Biologie (Abb. 3). Auch hier würden zunächst Ähnlichkeiten in Tabellen erfasst und in Phänogrammen festgehalten. Dabei konnte er anhand der Zuordnungen zur Gattung des papaver zeigen, dass es auch in der Biologie unterschiedliche Herangehensweisen zur Klassifizierung gibt, die nie rein objektiv sind und nicht notwendigerweise das Verwandtschaftsverhältnis verschiedener Pflanzenarten widergeben. Sinnvoll sei es, größere Beziehungsstränge zu benennen.

Abb. 3: Der Referent Joachim W. Kadereit und die Workshop-TeilnehmerInnen (Bild: Valeria Zubieta Lupo).

Nach einer kurzen Pause sprach Jochen Althoff (Gräzistik - Mainz) über "Categorization and explanation of the world in Hesiod’s Theogony." Er zeigte, dass nach hesiodeischer Darstellung der Ausgangspunkt der Welt das Chaos sei, dem folgend verschiedene weitere Wesenheiten entstanden seien. Althoff ging insbesondere der Frage nach, inwieweit diesen Wesenheiten synonyme Vorstellungen zugrunde liegen. Als Beispiel führte er etwa das Entstehen des Schlafes aus der Nacht auf. Beide seien sowohl zeitlich als auch inhaltlich miteinander verbunden, weshalb man ein synchrones Verhältnis vermuten könne. Daneben seien aber auch kontrastive Vorstellungen erkennbar, etwa die Entstehung des Tages aus der Nacht. Insgesamt, so Althoff, sei kein festes Naturkonzept feststellbar. Das Modell sei allerdings stark menschbezogen und beinhalte entsprechende Kategorisierungen der Weltentstehung, wie man am genealogischen Aufbau und den anthropomorphen Göttervorstellungen erkennen könne.

Als nächstes sprach Stefan Hirschauer (Soziologie - Mainz) über "Geschlechterdifferenzierung durch wissenschaftliches Wissen." Insbesondere stand die Frage im Mittelpunkt, wie wissenschaftliche Disziplinen (Natur- und Sozialwissenschaften) Wissen über Geschlechterdifferenz nutzen und selbst beeinflussen. Dabei zeigte er vier Dimensionen auf. Die Stabilisierung einer Kosmologie der Geschlechterdifferenz komme dadurch zustande, dass sozial generierte Unterscheidungen auf die natürliche und kulturelle Welt rückübertragen und somit ontologisch verankert würden. Basierend auf dieser Ontologie habe sich eine Methodologie zur Geschlechteridentifizierung entwickelt, aus der sich für die Wissenschaft hinsichtlich der Kategorisierung eine Deutungshoheit ergebe. Am Schluss ging er darauf ein, inwieweit Technologien die herrschenden Geschlechterbilder verstetigen oder ausformen können. Insgesamt erkennt er eine zunehmende Privilegierung professionalisierter Gruppen hinsichtlich der Deutung des menschlichen Körpers.

Es folgte Simone Gerhards (Ägyptologie - Mainz) mit ihrem Vortrag "Day and night 'spheres' – From a classification of daytime to concepts about day rhythm in ancient Egypt." Sie zeigte dabei zunächst verschiedene Arten ägyptischer Einteilungen des Tages auf. Diese würden weniger nach Stunden oder in Tag und Nacht unterscheiden, sondern sich an anderen Kategorien orientieren, beispielsweise am alltäglichen Tagesablauf, wie Essens- oder Gebetszeiten. Darauf aufbauend arbeitete sie verschiedene Konzepte heraus, die bei der Zeiteinteilung in Ägypten von Bedeutung waren. Insgesamt machte sie vier Konzepte aus: das mythologische, dem etwa die Reise des Sonnengottes zugrunde liege; das natürliche, das sich am Sonnenlauf orientiere; das kalendarische, das auf astrologische Beobachtungen zurückgehe; sowie das kulturelle, das sich an Essenszeiten oder den Wechsel von Helligkeit zu Dunkelheit anschließe.

Als letzte sprachen Sabine Bartsch und Andrea Rapp (Computerlinguistik - Darmstadt) über "Exploration of textual knowledge systems in natural history texts." Darin zeigten sie Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen der Computerlinguistik und Textwissenschaften auf. Sie zeigten anhand von digitalisierten naturhistorischen Texten, dass etwa linguistische Untersuchungen, semantische Analysen und die Organisation von Diskursen möglich seien. Notwendig hierfür sei aber zunächst die standardisierte Erstellung einer Datenbank. Ziel dieser Arbeit sei es, in großen Textcorpora Themen zu ermitteln (Topic Modelling).

Anschließend an den Vortrag fand eine 45-minütige Abschlussdiskussion statt, in der die eingangs aufgeworfenen Fragen diskutiert wurden. Es wurde unter anderem angemerkt, dass Kategorisierung oft implizit erfolge und häufig auf Beobachtungen der Ähnlichkeit oder des Kontrastes beruhe. Wichtig sei insbesondere für Textwissenschaftler, auch die Textgattungen näher zu berücksichtigen und zu prüfen inwieweit es sich um individuelle oder universelle Kategorien der Einteilung handle.

Mittwoch, 26. November 2014

Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Ursula Verhoeven-van Elsbergen - Altägyptische Variationen über Anfang und Ende der Welt

Ein Beitrag von Victoria Altmann-Wendling.

Der zweite Vortrag der interdisziplinären Ringvorlesung "Anfang und Ende. Vormoderne Szenarien von Weltentstehung und Weltuntergang" des Graduiertenkollegs 1876 wurde von Prof. Dr. Ursula Verhoeven-van Elsbergen, seit 1998 Professorin für Ägyptologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, bestritten. Mit ihrem Vortragstitel "Altägyptische Variationen über Anfang und Ende der Welt" verwies sie bereits auf die Tatsache, dass es in der altägyptischen Vorstellung nicht nur ein einziges Konzept der Schöpfung gibt. Die Existenz vieler unterschiedlicher Erklärungsansätze wird als 'multiplicity of approaches' bezeichnet und ist der gesamten ägyptischen Religion inhärent. Die geographischen Gegebenheiten Ägyptens, dessen Besiedlung sich an den beiden schmalen Ufern des Niltals konzentriert, beförderte die Entwicklung lokalspezifischer Theologien, die jedoch im Laufe der Zeit auch auf andere Orte übertragen wurden und nebeneinander koexistierten, ohne sich gegenseitig auszuschließen. Vielen Vorstellungen gemeinsam sind der täglich zu beobachtende Sonnenaufgang, in dem sich für die alten Ägypter die Schöpfung zyklisch manifestierte, sowie die Entstehung aus einem Urwasser, für das der allgegenwärtige Nil Pate gestanden hat. Angelehnt an den Sonnenlauf ist auch die Vorstellung einer sich zyklisch wiederholenden und nicht abgeschlossenen Schöpfung, weshalb die Weltentstehung als "erstes Mal" bezeichnet wird.
 

Urozean und Urkuh

Ein mit den Pyramidentexten bereits sehr früh belegtes Konzept ist das des Urozeans Nun als undifferenzierter Zustand (eine wichtige Wendung ist die des "noch nicht" Entstandenen). Aus dieser aquatischen Umwelt, die den Ägyptern durch die jährliche Nilüberschwemmung wohlbekannt war, entstanden in Form von Schlangen (weiblich) und Fröschen (männlich) zwei mal vier Götter, die sogenannte Achtheit von Hermopolis. Eine weitere Variation ist ein Kindgott, der auf einer aus dem Urwasser wachsenden Lotosblüte sitzt, deren gelbe Farbe des Stempels leicht mit der aufgehenden Sonne verbunden werden kann. Im Tempel von Esna ist es eine Kuh, die im Wasser treibt und auf deren Rücken oder Gehörn der kindliche Amun sitzt. Auch hier liegt der Ursprung in einer Beobachtung aus der natürlichen Umwelt, nämlich den oftmals von Kindern durch den Fluss getriebenen Kühen.
 

Krokodil und Falke

In der Oase Fayum war es die Beobachtung der dort vorkommenden Krokodile, die zu einem weiteren Schöpfungsmythos anregte: Im 'Fayumbuch', einem mythologischen Papyrus, wird der Krokodilgott Sobek beschrieben, der aus dem Urwasser kriecht. Im oberägyptischen Tempel von Edfu hingegen ist es der Falkengott Horus, der sich auf dem aus dem Wasser sprießenden Schilf niederlässt und aus dem alles Weitere entsteht. Als geflügelte Sonne begibt er sich sodann an den Himmel und teilt diesen in die Kardinalpunkte Ost und West, eine weitere Ausdifferenzierung der uranfänglichen Welt.
 

Von Heliopolis nach Memphis

Auch in der Sonnenstadt Heliopolis gibt es nicht nur ein Konzept der Weltentstehung. So konnte einerseits der Benu-Vogel ('Phönix') derjenige sein, der sich auf dem aus dem Wasser auftauchenden Urhügel niederließ. Auch sein Ei spielt eine Rolle, dessen gelber Dotter erneut an die Sonne erinnert haben mag. Der berühmteste Schöpfungsmythos jedoch ist der von Atum, dessen Name zugleich 'Alles' und 'Nichts' bedeutet. Nach der Vorstellung der Ägypter entstand er von selbst und bildete hernach eine Göttergruppe mit neun Mitgliedern, die sogenannte Neunheit. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen: Eine Überlieferung lässt ihn das erste Götterpaar ausspucken, eine andere lässt es durch Masturbation entstehen. Das verbindende Element ist jeweils das Konzept, dass alles bereits im Urgott vorhanden ist und sich durch die Ausscheidung seiner Körperflüssigkeiten entfaltet. Die ersten Nachkommen sind Schu und Tefnut (wohl Luft und Feuchtigkeit), ihre Kinder Geb und Nut (Erde und Himmel). Diese zeugen gemeinsam die nächsten vier Götter: Osiris und Isis, Seth und Nephthys. Mit diesen kommen nach Verhoeven-van Elsbergen zugleich die für den Menschen relevanten Themen in die Welt: Geburt und Tod, Geschichte und Kultur.
 
Ein gänzlich anderes Konzept ist das des Gottes Ptah von Memphis. Dieser als Handwerker charakterisierte Gott macht sich zunächst einen Plan (in der ägyptischen Vorstellung mit seinem Herzen) und spricht diesen danach aus (mit der Zunge). Dies ist der erste Beleg einer Schöpfung durch das Wort, wie es uns aus der Bibel gut bekannt ist. Ferner kann der Vorgang jedoch auch weit praktischer vonstattengehen, wenn er als Töpfer gemeinsam mit dem Gott Chnum alle Lebewesen formt.
 

Weltende: Sonnenfahrt und Himmelskuh

Für das Ende der Welt hält die ägyptische Mythologie ebenso mehrere Varianten bereit. Doch wird dieses aufgrund seiner negativen Konnotation selten erwähnt. Der mögliche Weltuntergang stand den Ägyptern täglich in Form der untergehenden Sonne vor Augen, die bei ihrer Nachtfahrt in der Unterwelt Gefahr lief, nicht wieder aufzugehen. Gefahren bildeten dabei etwa Sandbänke, auf denen die Götterbarke aufzulaufen drohte, sowie die Schlange Apophis, die jedoch vom mächtigen Gott Seth mit einem Speer getötet wurde. Auch kann Re selbst in Form eines Katers die Schlange mit einem Messer abwehren. Diese Mythen begegnen uns z.B. in den Gräbern im Tal der Könige des Neuen Reichs.
 
Weitere Konzepte vom Weltuntergang haben den gealterten Sonnengott zum Thema, der sich von den Menschen entfernt, da diese gegen ihn rebellieren, sei es im Horus-Mythos von Edfu oder im Mythos von der Himmelskuh. Beiden mag die Beobachtung der Sonne zugrunde liegen, die sich während der Wintersonnenwende von Ägypten entfernt. Andere Vorstellungen sehen die gesamte Welt wieder im Nichts versinken, in dem nur der Urgott Atum gemeinsam mit Osiris existiert, so dass ein undifferenzierter Zustand ähnlich wie vor der Schöpfung entsteht.
Am Ende ihres Vortrags unterschied Verhoeven-van Elsbergen zusammenfassend zum einen unterschiedliche stoffliche Phänomene (Urmaterie, Urimpuls, Urerhebung, Urgewächs und Urgestirn), zum anderen verschiedene konzeptuelle Ebenen (geistig-abstrakt, naturbezogen, kosmisch, elementar, körperlich, handwerklich). Eine wichtige Erkenntnis ist, dass sich die Schöpfung in der Sicht der alten Ägypter als dauerhaft gefährdet präsentierte und durch Opfergaben und Rituale (z.B. der Feindvernichtung und der Besänftigung) aufrechterhalten werden musste. Zugleich hofften die Menschen, dadurch an den regenerativen Kräften teilzuhaben, die eine zyklische Erneuerung auch ihres eigenen Lebens ermöglichten.

Mittwoch, 12. November 2014

Vortrag von Prof. Dr. Andrew R. George – The creation of the world in ancient Mesopotamia and the human condition

Ein Beitrag von Tim Brandes.
 
Am 6. November 2014 begann die erste Ringvorlesung des Graduiertenkollegs 1876, die sich mit verschiedenen Fragestellungen und Konzepten rund um die Thematik von Weltentstehung und Weltuntergang von der Antike bis ins Mittelalter beschäftigt.

Eröffnet wurde die Ringvorlesung von Prof. Dr. Andrew R.George (SOAS, University of London) mit dem Vortrag "The creation of the world in ancient Mesopotamia and the human condition", in dem er den Konzepten von Weltentstehung anhand des babylonischen Textes enūma eliš nachging.
 

Das enūma eliš als Literaturwerk

 
Das enūma eliš ist eines der wichtigsten Werke der babylonischen Literatur, denn es ist das Anliegen des Textes, den Aufstieg des babylonischen Hauptgottes Marduk zum König der Götter zu demonstrieren.

So ging Prof. George zu Beginn seines Vortrages erst einmal auf die Entstehung und Funktion des enūma eliš ein.

Demzufolge war der Text zum Zeitpunkt seiner Niederschrift wahrscheinlich schon sehr alt und setzte sich aus älteren Mythen zusammen. In der Schreiberkultur Mesopotamiens zeigt sich die Popularität des Textes daran, dass er sehr oft, im Rahmen der Laufbahn eines Schreibers, kopiert wurde.

Prof. Dr. George betonte zudem, dass es sich beim enūma eliš nicht um eine Schöpfungsgeschichte handelt, dennoch die im Kontext der Ringvorlesung interessanten Schöpfungsvorstellungen Babyloniens thematisiert werden.
 

Die Vorzeit vor der Schöpfung

 
Die ersten Zeilen des Textes berichten von der Zeit vor der Schöpfung, als Himmel und Erde noch nicht benannt waren: dem gemäß existierten zwei Urwesen, Apsû (Trinkwasser; männlich) und Tiāmat (See, weiblich). Aus diesen Wassern entstanden der Himmel und die Erde als erste kosmische Strukturen – das Potential für die spätere durch den Gott Marduk vorgenommene Schöpfung und Ordnung.
 
Danach entstanden die ersten Wesenheiten: Zunächst namentlich Lahmu und Lahamu, auf die im Anschluss Anšar und Kišar (Himmel und Erde) folgten. Als Sohn des Anšar und Kišar entstand der Himmelsgott Anu.

Prof. George machte darauf aufmerksam, dass die Entstehungsberichte im enūma eliš bis zu diesem Zeitpunkt in Form passiver Kreation abliefen; Anu jedoch erschafft als Erster in einem Vorgang aktiver Schöpfung seinen Sohn Nudimmud.

Prof. George zeigte an dieser Stelle auch auf, dass die Kosmogonie im enūma eliš zwei Entwicklungen zeigt: Zunächst entstehen aus den Urwassern die ersten Kreaturen und Urgötter und in einem zweiten Schritt dann die Götter ab Anu, die von den Menschen des Alten Orients mit einem Kult bedacht und verehrt wurden. Die Schritte stellen sich wiederum durch einen Übergang von passiver zu aktiver Schöpfung dar.
 

Schöpfung im enūma eliš

 
Mit der aktiv gezeugten Göttergeneration um Nudimmud beginnt auch die für den Aufstieg des Marduk maßgebliche Handlung. Die Urwasser-Gottheit Apsû fühlt sich durch die jüngeren Götter gestört. Er plant daraufhin die Vernichtung eben jener Götter. Nudimmud vereitelt dies, indem er Apsû tötet. Die Tötung der ersten Urgottheit Apsû leitet gleichzeitig die Schöpfung der ersten soliden Struktur des Kosmos ein: Nudimmud erschafft seine Wohnstatt, nach der zuvor getöteten Urgottheit ebenfalls Apsû genannt.

Im Folgenden zeugt Nudiummud seinen Sohn Marduk, den wichtigsten Gott des babylonischen Pantheons und Protagonisten des enūma eliš. Dieser stört – die Winde wehen lassend –­  die zweite Urwasser-Gottheit Tiāmat auf. Wie schon Apsû, fasst daraufhin auch Tiāmat den Entschluss die Götter zu vernichten. Marduk bietet den Göttern daraufhin an, gegen Tiāmat zu ziehen, allerdings nur im Austausch für das Königtum. Nachdem die Götter dem Angebot Marduks zugestimmt hatten, tötet Marduk Tiāmat.

Auch der Tod Tiāmats läutet eine zweite, umfassende Phase der Schöpfung ein, dieses Mal durch Marduk. Dieser zweite große Schöpfungsbericht hat dem enūma eliš in der älteren Forschungsliteratur auch den Namen Weltschöpfungsepos eingebracht, denn Marduk erschafft aus Tiāmats Leichnam den uns bekannten Kosmos.

Im enūma eliš finden sich bis zu diesem Punkt also zwei Schilderungen der Schöpfung:
1) Nudimmud kreiert mit seiner Wohnstatt Apsû die erste solide, kosmische Struktur.
2) Marduk erschafft aus Tiāmats Leichnam den Kosmos.

Im weiteren Verlauf des Textes findet schließlich auch die Erschaffung des Menschen ihre Erwähnung.
 

Vorläufer zu enūma eliš

 
Zu Beginn seines Vortrages machte Prof. George bereits deutlich, dass das enūma eliš voraussichtlich aus mehreren Vorgängern zusammengesetzt worden war. So ist es auch nicht verwunderlich, dass hinsichtlich der Konzepte von Schöpfung verschiedene Ansätze aus dem Alten Orient bekannt sind.

Anhand der Schöpfungsvorstellungen von Himmel und Erde stellte Prof. George Beispiele für die unterschiedlichen Konzepte von Weltentstehung vom 3. bis ins 1. Jahrtausend v. Chr. dar. So zeigt eine weit verbreitete Vorstellung des 3. und 2. Jahrtausends v. Chr., dass am Anfang Himmel und Erde existierten, aber von der Gottheit Enlil erst noch voneinander getrennt werden mussten.
 

Weltende

 
Neben den Konzepten der Weltentstehung widmet sich die Ringvorlesung auch den Konzepten des Weltendes. Prof. George erklärte, dass sich im Alten Orient keine Vorstellungen einer Apokalypse finden lassen, denn aus mesopotamischer Sicht ist diese in Form der Sintflut bereits in der Vergangenheit geschehen.

So heißt es in einem spätbabylonischen Zusatz zum sog. Atram-Hasis-Mythos (auch bekannt als die babylonische Sintfluterzählung), dass es künftig keine alles vernichtende Flut mehr geben soll und die Menschheit auf ewig bestehen möge.