Montag, 27. Oktober 2014

Exkursion zum Methodenworkshop "Perspektiven der Landschafts- und Umweltarchäologie"

Ein Beitrag von Carrie Schidlo.
 
Unter der Leitung von Dr. Rainer Schreg, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung "Frühes Mittelalter" des Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) in Mainz, fand am 18. Oktober 2014 die Exkursion zum Methodenworkshop "Perspektiven der Landschafts- und Umweltarchäologie" statt. Ziele waren der Vulkanpark in der Eifel mit seinen zugehörigen Stationen Mayen und Meurin sowie das in der Nähe gelegene Segbachtal bei Obermendig.
 

Forschungsbereich Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte (VAT) des RGZM, Mayen


Während der knapp zweistündigen Fahrt verwehrte dichter Nebel die ersten Blicke auf die Landschaft der Vulkaneifel. Dies änderte sich jedoch bei Ankunft beim Forschungsbereich Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte (VAT), der sich neben dem Erlebniszentrum Terra Vulcania in Mayen befindet: Blauer Himmel und Sonnenschein erlaubten von der erhöhten Lage des Zentrums beste Aussicht auf die Region. 
 
Abb. 1: Labor für experimentelle Archäologie
(Foto: Valeria Zubieta Lupo).
Abb. 2: Schautafeln (Foto: Valeria Zubieta Lupo).

Vor Ort erfolgte eine Führung von Dr. Lutz Grundwald durch die beiden Räumlichkeiten des Labors für experimentelle Archäologie, das 2012 hier eingerichtet worden ist (Abb. 1). Nach der u. a. theoretischen Vorstellung unterschiedlicher Brenntechniken in den regional gefundenen Öfen führte Dr. Fritz Mangartz über das Gelände des VAT, auf dem sich ein großer, nachgebauter Ofen befindet, sowie über das sich anschließende Mayener Grubenfeld. Hier erhalten die Besucher anhand von Schautafeln Einblicke in die Geschichte des Abbaus des lokalen vulkanischen Basalts (Abb. 2). Das Gelände beherbergt zudem den Skulpturenpark Lapidea (Abb. 3 und 4), sowie Vorrichtungen, die für den Abbau des Gesteins verwendet wurden (Abb. 5). Mit dem Eintauchen in die Tiefen der Abbauregion über den "Schacht 700" wurde dieser Teil der Exkursion beendet.
 
Abb. 3: Skulpturenpark Lapidea
(Foto: Valeria Zubieta Lupo).
Abb. 4: Skulpturenpark Lapidea
(Foto: Carrie Schidlo).

Abb. 5: Vorrichtung für den Abbau des Gesteins
(Foto: Valeria Zubieta Lupo).
 

Römerbergwerk Meurin


Nach kurzer Fahrt wurde der Fuß des Römerbergwerks Meurin bei Kretz erreicht. Von diesem führte ein stetig ansteigender Weg zum überdachten archäologischen Gelände. Im Innern stellten sich die verschiedenen Techniken des Abbaus mittels Schemata, Tafeln sowie deutlichen Werkzeugspuren an den anstehenden Wänden dar. Auf dem Freilichtgelände berichtete dann der Archäotechniker Kuno Menchen über seine Tätigkeiten auf dem Areal des Römerbergwerks. In einer noch im Aufbau befindlichen "Erlebniswelt für antike und mittelalterliche Technikgeschichte", die am 9. und 10. Mai 2015 eröffnet werden soll, wird es Besuchern möglich sein, aktiv an den nachgebauten Stücken zu wirken. Neben einem Mühlstein gibt es u. a. einen bereits zum Teil funktionstüchtigen Nachbau der "byzantinischen Säge von Ephesos" (Abb. 6) zu sehen.


Abb. 6: Nachbau der "byzantinischen Säge von Ephesos"
(Foto: Carrie Schidlo).
 

Das Segbachtal


Die Technik hinter sich lassend ging es weiter zum Segbachtal bei Obermendig. Während des gruppenweisen Transports zum "Burgus im Winkel" schärfte Dr. Schreg den Blick der Wartenden für die Besonderheiten der Landschaft: Er verwies auf den in Magnetresonanz festgestellten Befund einer römischen Villenanlage mit vermutlich eigener Wasserversorgung sowie auf weitere Strukturen im Umfeld der Villa (Abb. 7). Des Weiteren zeigte er die für die Planung der Anlage relevanten Faktoren wie Landmarken und den weiten Blick auf die Rheinregion auf. Beim Gang zum "Burgus im Winkel" (Abb. 8), bei dem es sich um einen spätantiken Kornspeicher handelt, übernahm Dr. Stefan Wenzel die Führung. Er beschrieb anschaulich den historischen Hintergrund sowie die gemachten Funde und erläuterte die in situ verbliebenen Speicherreste.

Abb. 7: Verweis auf den in Magnetresonanz festgestellten Befund einer römischen Villenanlage
(Foto: Valeria Zubieta Lupo).
  
Abb. 8: "Burgus im Winkel" (Foto: Valeria Zubieta Lupo).

  
Mit einer kleinen Wanderung zurück zum Bus wurde dieser spannende und informationsreiche Exkursionstag beschlossen. Er verdeutlichte wie der Mensch schon früh die Natur nutzte und dadurch seine Umgebung formte. Neben dem Abbau vulkanischen Gesteins für die unterschiedlichsten Verwendungszwecke, waren auch landschaftliche Gegebenheiten wie ein weiter Blick oder eine natürliche Wasserquelle von Bedeutung.

Montag, 13. Oktober 2014

Workshop "Writings of Early Scholars"

Ein Beitrag von Dominik Berrens.
 
Bereits im Januar wurde in diesem Blog ein Beitrag zum 2. Treffen des internationalen Workshops "Writings of Early Scholars" veröffentlicht. Das dritte und letzte Treffen fand am 3. und 4. Oktober 2014 am Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg v.d. Höhe statt. Zweck dieses Treffens war die Präsentation und Diskussion der einzelnen Beiträge des geplanten Methodenbuches zur emischen Übersetzung vormoderner wissenschaftlicher Texte. Veranstaltet wurde der Workshop von Annette Warner (geb. Imhausen) und Tanja Pommerening, die auch als Herausgeberinnen des geplanten Buches fungieren. Dieses soll voraussichtlich den Titel "Translating Writings of Early Scholars in the ancient Near East, Egypt, Greece and Rome – Methodological Aspects with Examples" tragen. Die Kapitel werden von internationalen Experten auf ihrem jeweiligen Gebieten verfasst, wozu auch zwei Professoren aus dem Trägerkreis des Graduiertenkollegs gehören. Die Übersetzung ägyptischer heilkundlicher Texte wird von Frau Pommerening behandelt, das griechische Pendant von Herrn Althoff. Als zusätzliche Diskutanten aus dem Graduiertenkolleg nahmen Nadine Gräßler und Dominik Berrens an dem Workshop teil.
 
Eine detaillierte Besprechung des Inhalts der einzelnen Buchbeiträge und deren Diskussion verbietet sich an dieser Stelle, da das Buch zu diesem Zeitpunkt noch nicht publiziert worden ist. Stattdessen soll reflektiert werden, inwieweit sich die auf dem Workshop gewonnenen Erkenntnisse und die dort entwickelten Methoden für das eigene Dissertationsprojekt fruchtbar machen lassen.
 

Warum übersetzen?


Für einen Altphilologen, der zu einem naturkundlichen Thema arbeitet, stellt sich zunächst einmal die Frage, ob man überhaupt eine Übersetzung der zitierten Quellen anfertigen möchte. Während dies in den Philologien anderer alter Sprachen selbstverständlich ist, finden sich gerade in der deutschsprachigen Forschung viele gräzistische und latinistische Arbeiten ohne Übersetzung. Der Verzicht auf eine Übersetzung spart natürlich zum einen Zeit, zum anderen ist eine Übersetzung immer auch eine Interpretation. Durch die Übersetzung geht stets ein Teil der Information des Ausgangstextes verloren, weil etwa Satzstrukturen und Wortbedeutungen in den antiken Texten oft mehrdeutiger sind als dies in den modernen Sprachen der Fall ist. Auch bestimmte Sprachbilder, Metaphern und Wortspiele lassen sich oft nur schwer in der Übersetzung nachahmen. Die Übersetzung ist also meist spezifischer in ihrer Bedeutung als der Ausgangstext, weil sie Nebenbedeutungen, Anspielungen und Bedeutungsnuancen ausblendet.
 
Gerade dies kann aber auch zu einem Vorteil genutzt werden. Indem man durch eine Übersetzung Rechenschaft darüber ablegt, wie man eine bestimmte Quelle versteht, erleichtert man dem Rezipienten das Nachvollziehen der Schlussfolgerungen und Interpretationen, die aus dem antiken Text erwachsen. Gleichzeitig erfordert das Erstellen einer guten Übersetzung, den Wortlaut der Quelle genau zu beachten und dabei die verschiedenen Bedeutungsnuancen der Wörter, die syntaktische Einbettung von Partizipialkonstruktionen usw. zu durchdenken. Diesen Entscheidungsprozess für oder gegen eine bestimmte Übersetzung eines Ausdrucks sollte man für den Leser transparent machen, z.B. in einer kurzen Anmerkung oder einem Kommentar. Auf diese Weise lässt sich der gravierende Nachteil einer Übersetzung, der Verlust eines Teiles der Information, zumindest ein wenig ausgleichen.
 
Nicht zuletzt ermöglicht man durch die Übersetzung der Quellen seiner Arbeit eine größere Reichweite, da nicht mehr davon ausgegangen werden kann, dass alle Wissenschaftler ausreichend Latein- bzw. Griechischkenntnisse besitzen, um einen naturkundlichen Text zu verstehen. Zumal diese Texte oftmals gerade in Bezug auf die Lexik weit über die Anforderungen des Latinums bzw. Graecums hinausgehen. Ohne eine Übersetzung seiner Quellen zu bieten, beschränkt man seinen Leserkreis daher hauptsächlich auf Altphilologen. Ein interdisziplinäres Arbeiten mit Wissenschafts- und Medizinhistorikern, Naturwissenschaftlern, Archäologen oder Philologen benachbarter Kulturen, wie es vor allem für die Erforschung naturkundlicher Texte unerlässlich ist, wird ohne Übersetzungen erheblich erschwert.
 

Wie übersetzen?


Hat man sich nun für eine Übersetzung seiner Quellen entschieden, stellt sich die Frage, wie man übersetzen sollte. Aus dem oben Gesagten ergibt sich, dass eine eigene Übersetzung einer übernommenen vorzuziehen ist. Denn in diesem Falle kann man sein eigenes Verständnis der Quelle für den Leser leichter nachvollziehbar machen. Beim Übersetzen sollte man daher in erster Linie an seinen intendierten Leserkreis denken. So kann eine sehr textnahe oder, wenn man so will, emische Übersetzung dem Leser einen guten Eindruck vermitteln, wie ein Text auf seine ursprünglichen Rezipienten wirkte. Allerdings kann eine solche Übersetzung einem fachfremden Publikum große Schwierigkeiten bereiten. Bestimmte Bilder und Vorstellungen, die einem Menschen, der mit griechischen und lateinischen Texten vertraut ist, nachvollziehbar erscheinen, können für andere unverständlich bleiben, weil die antike Vorstellung und Diktion der modernen zu fremd ist. In der Regel bedarf eine textnahe oder emische Übersetzung vieler Erläuterungen, wenn sie für ein fachfremdes Publikum nutzbar gemacht werden soll, was aber nicht in jedem Falle praktikabel ist. Nicht zuletzt büßen auch sehr textnahe Übersetzungen meist etwas von der Ästhetik ein, die den ursprünglichen Texten zu eigen ist. Elegante griechische oder lateinische Konstruktionen klingen – bei allzu wörtlicher Übertragung – in modernen Sprachen oft nicht besonders schön. Unter Umständen kann also eine etwas freiere Übersetzung sinnvoller sein. Naturkundliches Wissen wurde in der Klassischen Antike nicht selten auch in poetischer Form, etwa in Lehrgedichten, weitergegeben. Hier gilt es ebenfalls abzuwägen, ob man einen Eindruck von der Ästhetik des Textes oder aber des Inhalts geben möchte. Beides zugleich ist wohl meist kaum zu erreichen, sodass man in ersterem Falle an eine metrische Übersetzung denken könnte, in letzterem an eine Übersetzung in Prosa. Man sollte die Gestaltung der Übersetzung also von Aussageabsicht und intendiertem Publikum abhängig machen.
 
 
Man sollte diesen Text nicht als Leitfaden für ein gutes Übersetzen, sondern als einen subjektiven Beitrag zu einer Diskussion über dieses Thema verstehen, die in diesem Blog weitergeführt werden kann.

Montag, 6. Oktober 2014

Forschungsreise zu Naturheiligtümern

Ein Beitrag von Florian Schimpf.
 
Abseits der Wege. Diese drei Worte beschreiben sehr treffend die Lage und Erreichbarkeit von Naturheiligtümern und die sich immer wieder offenbarenden Unwegsamkeiten im Zuge ihrer Besichtigung. Zwar fanden sich auf der Liste der besuchenswerten Stätten klangvolle Namen wie Ephesos, Pergamon, Knidos oder Samos, doch liegen die Fels-, Höhlen- und Grottenheiligtümer in der Regel abseits der bequemen Touristenpfade.
 
Der Name "Naturheiligtum" scheint dies bereits nahezulegen. Der Wortbestandteil "Natur-" evoziert intuitiv eine Lage abseits der Wohnstadt. Doch dieser Schluss mag bisweilen trügen. Zwar stimmt es, dass als Naturheiligtümer anzusprechende Orte in der Regel im Naturraum zu finden sind, doch muss das nicht zwingend bedeuten, dass diese außerhalb der Stadt liegen. Im Gegenteil: Gerade die Felsheiligtümer Ostgriechenlands, die in ihrer Art auf altanatolische Vorbilder zurückgeführt werden können, befinden sich in bemerkenswerter Anzahl nahe der Stadtmauer am Rande der Wohnstadt.
 
Dies ist einerseits bemerkenswert, da ihre Vorläufer in der Regel außerstädtische Anlagen waren, andererseits jedoch einleuchtend, da mit dem Bau der Stadtmauer und dem strategischen Miteinbezug stadtnaher Hügel in deren Verlauf nicht selten innerstädtische Naturräume entstanden, die sich ob ihrer zerklüfteten und mit zahlreichen Felsen bedachten Steilhänge nicht für eine großflächige Bebauung anboten. Dass dies nicht ausnahmslos gilt und man sich sehr wohl einen schroffen Steilhang zu eigen machen konnte, belegen indes die jüngsten Untersuchungen am Stadtberg Pergamons (F. Pirson, "Pergamon, Bericht über die Arbeiten der Kampagne 2010", Archäologischer Anzeiger 2011/2, 81-212, bes. 86-120, 129-132). Meist behielten diese, durch den Mauerbau geschaffenen Randzonen ihren unwirtlichen Charakter bei und bildeten somit den idealen Boden für das Phänomen intra urbaner Naturheiligtümer: Auf dem Panayιr Dağ bei Ephesos befinden sich natürliche Terrassen mit Felsnischen für Apollon, Zeus und Kybele-Meter (Abb. 1), auf einer der oberen Terrassen im Osten von Knidos Nischen und ein Heiligtum der Demeter, auf dem sog. Windmühlen- und Goldhöhlenhügel in Phokaia unzählige Nischen für Kybele (Abb. 2), an den Abhängen des pergamenischen Stadtberges, am Fuße der Akropolis von Priene, an den Steilabhängen der Akropolis sowie an mehreren stadtmauernahen Felsen in Erythrai Felsheiligtümer ohne einen zweifelsfrei benennbaren Kultinhaber – um nur einige Beispiele zu nennen.

Abb. 1: Felsnischen am Panayır Dağ bei Ephesos (Foto: Florian Schimpf).

Da auch artifizielle Naturheiligtümer, sprich von Menschenhand geschaffene Grotten oder in vergleichbarer Weise imitierte Naturkulissen in einer Arbeit über Naturheiligtümern nicht unbedacht und unerwähnt bleiben können und während der Forschungsreise Anlaufpunkte darstellten, bleibt am Ende noch auf eine eindrückliche Naturimitation hinzuweisen: die einzigartige und didaktisch wertvolle Aufstellung der Kybele-Votivreliefs in den Nischen einer künstlichen Felswand im Museum zu Pythagorio auf Samos.
 
Abb. 2: Das sog. Hafenheiligtum in Phokaia (Foto: Florian Schimpf).
 
Der Bericht entstand im Anschluss einer Forschungsreise an der türkischen Westküste und auf Samos, die Florian Schimpf vom 1. bis 14. September 2014 im Rahmen seines Dissertationsprojektes mit finanzieller Unterstützung des Graduiertenkollegs 1876 durchführte.