Donnerstag, 18. Dezember 2014

Klausurtagung Château du Liebfrauenberg, 12.12.2014 – 14.12.2014

Ein Beitrag von Sarah Prause und Florian Schimpf.

Irgendwo im Nirgendwo  Straffes Programm und knallharte Diskussionen  Work Life Balance mit ausgewogenen Mahlzeiten


Zu den zahlreichen Annehmlichkeiten des Graduiertenkollegs (GRK) gehört zweifelsohne der gemeinschaftliche Ausbruch aus dem Arbeitsalltag in Form einer Klausurtagung. Ganz besonders bot sich dafür die eng getaktete Vorweihnachtszeit an, um in der wirkmächtigen Atmosphäre eines einsamen elsässischen Franziskanerklosters zusammenzukommen. So kam es, dass sich 13 Doktoranden am 12. Dezember 2014 auf den Weg in die deutsch-französische Grenzregion Bas-Rhin machten, um ihre Erfahrungen nach nun mehr einem Jahr GRK 1876 zu teilen und zu diskutieren.

Während sich der Großteil der Gruppe mit dem Zug auf den Weg machte, nahmen zwei Doktoranden das Wagnis einer zweistündigen Autofahrt in das bergige Land der Nordvogesen auf sich. Zuvor oblag diesen beiden jedoch die ehrenvolle Aufgabe, den im Voraus liebevoll und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellten Einkaufswünschen nachzukommen.


Doktorandinnen und Doktoranden des GRK 1876 (Foto: Sarah Prause).

Bis unters Dach mit allerlei Köstlichkeiten vollgepackt hieß es nun den Liebfrauenberg zu erklimmen. Dort angekommen musste mit Bestürzung festgestellt werden, dass die scheinbar überschaubare Einkaufsliste den sportlich getakteten Zeitplan bereits durcheinander gebracht hatte. Kaum ausgeladen und noch nicht verstaut, galt es einen Teil der mit dem Zug angereisten Kollegen in der Ebene von Wissembourg abzuholen. Zeitgleich erreichten die ersten Doktoranden per Taxi das Château und machten sich daran die klösterliche Vorratskammer zu füllen.

Nachdem zu vorgerückter Stunde auch die Letzten wohlbehalten zur Gruppe gestoßen waren, gab es Gelegenheit, sich mit der heimischen Küche vertraut zu machen und sich mit unbegrenzten Mengen an Flammkuchen verwöhnen zu lassen.

Bestens gestärkt konnte sich trotz vorangeschrittener Stunde so dem ersten Programmpunkt, der Teilnahme am Wissenschaftsmarkt 2015, gewidmet werden. Nach produktiven Gesprächen mit ansehnlichen Ergebnissen erklärten die Moderatoren den offiziellen Teil schließlich kurz vor Mitternacht für beendet, leiteten zum inoffiziellen über und luden zum feierabendlichen Umtrunk in den Nachbarraum ein. Weniger offiziell aber nicht minder wichtig, wurde nun in ungezwungener Atmosphäre bis in die frühen Morgenstunden die Chance wahrgenommen, sich fern ab der Arbeit besser kennenzulernen  und die beiden Doktorandengenerationen Eins werden zu lassen (es kann festgehalten werden, dass dieses Vorhaben von Erfolg gekrönt wurde).

Getreu dem Motto "Wer feiern kann, der kann auch arbeiten" kamen die Doktoranden am Samstagmorgen bereits im Morgengrauen wieder zum gemeinsamem Frühstück zusammen, im Glauben, sich für einen anstrengenden Tag wappnen zu müssen. Wie sich jedoch zeigen sollte, war diese Befürchtung unbegründet.

Denn der Austausch während des scheinbar von Tagesordnungspunkten bestimmten Tages war nicht nur konstruktiv und produktiv, sondern eine tolle Gelegenheit, ein spannendes erstes Jahr Graduiertenkolleg 1876 Revue passieren zu lassen.

Die wohlverdiente Mittagspause wurde auf ganz unterschiedliche Weise genutzt: während sich einige um das leibliche Wohl aller Doktoranden kümmerten (besonderer Dank hierfür gilt: Simone Gerhards, Nadine Gräßler, Katharina Hillenbrand und Carrie Schidlo), nutzte der Rest die Gelegenheit für einen kurzen Ausflug in die örtliche Patisserie bzw. die umliegenden Wälder.

Wieder vereint wurde das Programm mit Leckereien aus der Patisserie fortgesetzt.

Nach einem langen, ertragreichen Tag und der Beendigung des offiziellen Programms wurde schließlich die vorhandene Technik kurzerhand umfunktioniert und der Tagungsraum in einen Kinosaal verwandelt, in welchem die Doktoranden die gemeinsamen Tage gemütlich ausklingen ließen.

Das gemeinsame Wochenende barg vor allem die einhellige Erkenntnis einer mehr als gelungenen Klausurtagung und weckte den Wunsch und die Hoffnung aller, dass ein Zusammenkommen dieser Art nicht das letzte gewesen sein möge.


Blick vom Château du Liebfrauenberg in Tal (Foto: Sarah Prause).

Wir möchten uns ganz herzlich bei den Trägern des GRKs für diese Möglichkeit und besonders Silke Bechler für ihre Hilfe und Unterstützung im Vorfeld bedanken.

Dienstag, 16. Dezember 2014

Vortrag von Jun.-Prof. Dr. Marion Gindhart – Weltuntergänge. Zu einer Poetik der Auflösung in der lateinischen Literatur

Ein Beitrag von Dominic Bärsch.

Als vierte Vortragende im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung "Anfang und Ende. Vormoderne Szenarien von Weltentstehung und Weltuntergang" präsentierte Frau Jun.-Prof. Dr. Marion Gindhart ihre Überlegungen zu zwei Kerntexten der römischen Antike, die global imaginierte Überschwemmungsszenarien thematisieren.

Zurück zum Anfang


Noch bevor sich der Vortrag jedoch den zentralen lateinischen Texten widmete, zog Frau Gindhart zunächst ein Resümee aus den Präsentationen der letzten Wochen. Dabei rekapitulierte sie die Ergebnisse der Vorträge von Prof. Dr. Andrew R. George und von Prof. Dr. Jochen Althoff zu altorientalischen Schöpfungsmythen und griechischen Kosmogonien und leitete von diesen als Vorstellungen zur Entstehung der menschlichen Zivilisation zu denen des Untergangs und der Neukonsolidierung über. 

Ovid oder: der Wolf schwimmt mit den Schafen


Als ersten wichtigen Text präsentierte Frau Gindhart ein mythisch geformtes Narrativ aus den Metamorphosen Ovids, die deukalionische Flut. In dieser Erzählung aus dem ersten Buch der hexametrischen Dichtung beschließt zunächst der Göttervater Jupiter, dass die Menschheit aufgrund ihrer Verdorbenheit – die er zuvor paradigmatisch in Form des Lycaon repräsentiert sah – ausgelöscht werden solle. Als Modus der Zerstörung wählt er ein globales Flutereignis, das durch den Regen herbeigeführt werden soll. Dieses Ereignis schildert Ovid ausdrucksstark mit drastischen Bildern der Zerstörung, durchbricht diese jedoch regelmäßig durch geradezu komische Aspekte, etwa dass im Frieden der Sintflut sogar Schaf und Wolf nebeneinander schwimmen können. Lediglich zwei Personen können dem Untergang entgehen: der Sohn des Prometheus Deukalion und dessen Cousine Pyrrha. Durch göttliche Offenbarung wird diesen aufgrund ihrer Frömmigkeit eine Möglichkeit eröffnet, das menschliche Geschlecht wiederherzustellen und zwar indem sie die Gebeine der großen Mutter hinter sich werfen. Diesen kryptischen Ausspruch bringt sie dazu, Steine aufzusammeln, die sie über ihre Schultern werfen und aus denen ein neues Menschengeschlecht entsteht. Nach dem Rückgang der Flut erholt sich auch die übrige Welt wieder von der Zerstörung, neue Pflanzen und Tiere entstehen.

Seneca, der Untergangsprophet


Im Gegensatz zu Ovid, der in seinem Werk einen einmaligen und in der Vergangenheit liegenden Kataklysmos imaginiert, entwirft der stoische Philosoph Seneca im dritten Buch seiner Naturales quaestiones die Theorie eines zyklischen Ereignisses, das die Welt immer wieder von der moralischen Verderbtheit der Menschen reinige und in den Zustand einer Urfeuchtigkeit zurückführe. Auch er nutzt zur Imagination dieser Ereignisse die drastischen Beschreibungen einer gewaltigen Flut, die die Welt und die Menschheit mit ihr heimsucht und vernichtet. Dafür rekurriert er sogar per Zitierung auf die deukalionische Flut Ovids, rügt diesen jedoch im selben Moment dafür, dass er die Erhabenheit der Thematik durch alberne Spielereien – wie die erwähnte Schaf-Wolf-Paarung – ins Lächerliche ziehe. Im Gegenzug nutzt Seneca die Drastik seiner Ausführungen, um bei seinen Rezipienten eine Urangst vor dem allgegenwärtigen Zerstörungspotential der Natur zu evozieren. Entsprechend dieser eher düsteren Darstellung schließt er seine Ausführungen mit der pessimistischen Aussage ab, dass nach der vernichtenden Reinigung zwar ein neues Menschengeschlecht entstünde, dieses jedoch im Kern schon nach der Entstehung verdorben und damit wieder zum Untergang verdammt sei. Jedoch ließ Frau Gindhart ihre Zuhörer nicht mit diesen Gedanken zurück, sondern führte fort, dass Seneca im direkt darauffolgenden Buch den Nil als Quelle des Lebens und Gegenbild der zerstörenden Flut darstelle, was ein Kontrastprogramm zum Ende des dritten Buchs bildet.     

Dienstag, 9. Dezember 2014

Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Jochen Althoff – Frühgriechische Vorstellungen von der Kosmogonie: Hesiod und die Vorsokratiker

Ein Beitrag von Dominic Bärsch.
 
Den dritten Vortrag im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung "Anfang und Ende. Vormoderne Szenarien von Weltentstehung und Weltuntergang" hielt Herr Prof. Dr. Jochen Althoff. Als Gräzist thematisierte er die Vorstellungen der Kosmogonie bei Hesiod und den Vorsokratikern.
 

Aus dem Chaos folgt die Ordnung

 
Zu Beginn seiner Ausführungen beschäftigte er sich mit der Theogonie Hesiods, einer der ältesten überlieferten griechischen Dichtungen des Abendlandes. Thema des Gedichts ist nicht nur die Entstehung der Götter, wie es der Name impliziert, sondern auch die der differenzierten Welt aus dem Chaos. Althoff betonte dabei, dass der Begriff des Chaos möglicherweise in Anlehnung an die Vorstellung eines gewaltigen Welttieres zu verstehen sei, das aus dem aufklaffenden Mund (griech. chaskein – aufklaffen) den Kosmos hervorbringt. Im Laufe des Gedichtes entsteht im Wechsel von asexueller und sexueller Fortpflanzung eine zunehmende Strukturierung der Welt: Innerhalb dieser Kosmogonie als Genealogie werden Himmel, Berge, Flüsse und andere Bestandteile des Alls hervorgebracht. Bemerkenswert sei bei dieser Schilderung auch, dass diese Kosmogonie aus der Perspektive des Dichters heraus gestaltet wird, was sich etwa daran zeigt, dass die personifizierten Widrigkeiten des Lebens, wie Hass und Streit, schon vor dem Menschen entstehen.
 

Die Milesier

 
In Abgrenzung zu dem mythischen Paradigma Hesiods postulierten die sogenannten Milesier – eine Gruppe vorsokratischer Philosophen in Milet, deren Werke uns heute nur noch durch Fragmente bekannt sind – bestimmte Urelemente und/oder -prinzipien, aus denen die differenzierte Welt entstanden ist und in die sie gegebenenfalls wieder zurückkehren wird. Thales von Milet (um 585 v. Chr.) soll das Wasser dabei als Ursubstanz hervorgehoben und dies mit dem Satz "Alles ist Wasser" zusammengefasst haben.
 
Anaximander (um 610-547 v. Chr.) hingegen nahm das "Unbegrenzte" (griech. to apeiron) als eine Art von Urmasse an, die verschiedene, gegeneinander wirkende Materien entstehen ließe. Nach einer bestimmten Zeit, in der die differenzierte Welt in Form einer Säulentrommel existiert, führe dieses gegensätzliche Wirken dann zu einem Vergehen des Alls zurück zur Urmasse. Ein bemerkenswerter Gedanke, der sich bei Anaximander zudem findet und prägend für die weitere abendländische Philosophie wird, ist, dass der gesamte Kosmos durch mathematische Formeln zu bestimmen sei.
 
Anaximenes (gest. um 528/25 v. Chr.) proklamiert als dritter Milesier wiederum ein konkretes Urelement, nämlich die Luft. Nach dieser Vorstellung, die wohl auf meteorologische Beobachtungen zurückgeht, ist jedes andere Element eine verdünnte oder verdichtete Variante der Luft. So bestünde etwa Feuer aus besonders dünner, Stein wiederum aus sehr dichter Luft.
 

Empedokles und Demokrit

 
Als zwei weitere Vorsokratiker, die nicht aus Milet stammten, jedoch ebenfalls nur fragmentarisch überliefert sind, stellte Althoff abschließend Empedokles von Akragas (um 483-424 v. Chr.) und Demokrit von Abdera (um 460-380 v. Chr.) vor.
 
Empedokles stellte die These auf, dass die Welt aus vier "Wurzelwerken" (Feuer, Wasser, Luft und Erde) bestünde, welche wiederum die dauerhaften Bestandteile der Welt seien. Entstehen und Vergehen aller Dinge sei demnach nur ein Zusammensetzen beziehungsweise Auftrennen von Verbindungen aus diesen Bestandteilen. Dies geschehe unter dem Einfluss zweier Wirkkräfte, der "Liebe" (griech. philia) und des "Hasses" (griech. neikos).
 
Demokrits Vorstellung geht im Gegenzug von zwei Grundelementen aus, der Leere und den Atomen, also kleinsten, sich jedoch voneinander unterscheidenden Teilchen, aus denen alles zusammengesetzt ist. Methodisch schließt er von den sichtbaren Dingen auf die unsichtbaren: Durch Bewegung der Atome im leeren Raum entstehen Konglomerate aus zusammenpassenden Einzelbausteinen. Dementsprechend gebe es nicht nur eine, sondern zahllose Welten, in denen verschiedenste Möglichkeiten der Zusammensetzungen existieren.
 

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Workshop von Martin F. Meyer: „Griechische Anthropologie“

Ein Beitrag von Dominik Berrens.
 
Am 27. November 2014 bot PD Dr. Martin F. Meyer einen vierstündigen Workshop zum Thema "Griechische Anthropologie" an. Der Philosoph Martin F. Meyer ist Akademischer Oberrat und Privatdozent am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Koblenz-Landau (Campus Koblenz) und beschäftigt sich vor allem mit der griechischen Philosophie. Viele seiner Publikationen sind eng mit der Thematik des Graduiertenkollegs verknüpft. Unter ihnen befinden sich mehrere Beiträge zum Arbeitskreis Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption (AKAN), ein Sammelband zur Kulturgeschichte der Botanik sowie seine Habilitationsschrift, die unter dem Titel "Aristoteles und die Geburt der biologischen Wissenschaft" in Kürze erscheinen wird.

 

Implizite und explizite Anthropologie

 
In Anlehnung an Landmanns Arbeit zur philosophischen Anthropologie (Fn. 1) verwendete Martin F. Meyer die Begriffe implizite und explizite Anthropologie. Eine explizite Anthropologie meint in diesem Zusammenhang, dass die Frage "Was ist der Mensch?" (τί ἐστιν ἄνθρωποςtí estin ánthrōpos) ausdrücklich gestellt wird, eine implizite, dass diese Frage indirekt aus dem Text geschlossen werden kann. Der Begriff "Anthropologie" wurde in seiner modernen Bedeutung in der Antike noch nicht verwendet.
 

Paradigmen einer impliziten Anthropologie

 
Der erste Teil des Workshops beschäftigte sich mit den Paradigmen einer impliziten Anthropologie, wie sie in den frühgriechischen Epen Homers sowie auch in den Historien Herodots zu finden sind.
Der grundlegende Antagonismus von Natur und Kultur bzw. zwischen wilden und zivilisierten Völkern ist vor allem in der Odyssee thematisiert. Einen besonders starken Gegensatz bilden dabei die hoch zivilisierte und fast schon idealisierte Kultur der Phäaken und die wilden Kyklopen. Die Kategorien, an denen dieser Gegensatz festgemacht wird (z.B. Sesshaftigkeit ­– Nomadentum; Recht – Rechtlosigkeit und Gewalt; Ackerbau – einfache Viehzucht) wurde im Rahmen des Workshops eingehender besprochen und diskutiert.
Sind wilde und zivilisierte Völker in Homers Epen noch in relativer räumlicher Nähe in der griechischen Welt lokalisiert, stellt sich dies in den Historien Herodots anders dar. In seiner Vorstellung leben die zivilisiertesten Völker im Zentrum der Welt (für ihn die kleinasiatische Küste). Die Lebensweise der verschiedenen Völker wird mit zunehmender Entfernung von diesem Zentrum immer einfacher.

Aufbruch zur expliziten Anthropologie

 

Der zweite Teil des Workshops war dem Beginn einer expliziten Anthropologie in den Texten des 5. und 4. Jhd. v. Chr. gewidmet.
Beginnend mit den medizinischen Schriften, etwa den frühen Werken des sogenannten Corpus Hippocraticum, wurde die Frage nach dem Menschen und seiner Natur explizit behandelt. Der Mensch wurde hier vor allem in seiner Körperlichkeit definiert.
Einem solchen Primat der medizinischen Anthropologie tritt vor allem Platon in seinen mittleren Dialogen entgegen. Mit seinen Texten legt er den Grundstein einer philosophischen Anthropologie.
 
Fußnote:
[1] Landmann, M. (1964): Philosophische Anthropologie. Menschliche Selbstdeutung in Geschichte und Gegenwart, Berlin.

Samstag, 29. November 2014

Interdisziplinärer Workshop "Von der Klassifikation zum Konzept: Interdisziplinäre Heuristiken zur Konzeptualisierung von Flora, Fauna, Mensch und Landschaft“

Ein Beitrag von Katharina Hillenbrand und Tristan Schmidt.

Am 21. und 22. November 2014 fand an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ein interdisziplinärer Workshop des Graduiertenkollegs "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" statt. Unter dem übergreifenden Thema "Von der Klassifikation zum Konzept: Interdisziplinäre Heuristiken zur Konzeptualisierung von Flora, Fauna, Mensch und Landschaft", fanden sich Vertreter verschiedener Disziplinen ein, die aus linguistischer, kulturhistorischer, soziologischer und naturwissenschaftlicher Perspektive den Möglichkeiten der Klassifikation von Flora und Fauna nachgingen.

Als Leitlinien des Workshops dienten dabei folgende Fragen:
1) Welche Abgrenzungen und Klassifikationskriterien von verschiedenen Pflanzen, Tieren, Menschen oder Landschaften sind erkennbar?
2) Gibt es spezifische Formen der Klassifikation in Schrift, Sprache, Abbild und Frames?
3) Gibt es Hierarchisierungen?
4) Sind differierende Klassifizierungssysteme in verschiedenen sozialen Gruppierungen sichtbar?
5) Was motiviert Klassifikationen?

Nach einer Begrüßung und Einführung durch die beiden Veranstalter, Tanja Pommerening (Ägyptologie - Mainz) und Walter Bisang (Linguistik - Mainz), begann Sonja Gerke (Ägyptologie - Mainz) mit ihrem Vortrag "All Creatures Great and Small – the Ancient Egyptian View on the Animal World" (Abb. 1). Sie ging der Frage nach, ob den teilweise sehr detaillierten und differenzierten Tierbeschreibungen und -darstellungen im Alten Ägypten konsistente Muster der Kategorisierung zugrunde lagen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass ein kanonisiertes System der Tierklassifizierung nicht vorgelegen habe, sondern dass vielmehr je nach Notwendigkeit eigene situative Klassifikationen angestellt worden seien, die oft keine Parallelen in anderen Zeugnissen aufweisen würden.


Abb. 1: Die Referentin Sonja Gerke und die Workshop-TeilnehmerInnen (Bild: Valeria Zubieta Lupo).

Einen ägyptologischen Schwerpunkt hatte auch der zweite Vortrag von Orly Goldwasser (Ägyptologie - Jerusalem) mit dem Titel "What is a horse?": From the Egyptians to the Aztecs – A Cross-Cultural Perspective." Sie nahm die Einführung des bis in das 17. Jahrhundert v. Chr. in Ägypten unbekannten Pferdes als Ausgangspunkt für die Frage, wie sich die Namensgebung für dieses fremdartige Tier gestaltete und wie dieses neue Wort in die Schriftsprache integriert wurde. Gerade anhand der sogenannten Hieroglyphenklassifikatoren lasse sich erkennen, in welche taxonomischen Kategorien die Alten Ägypter es einordneten. Im Anschluss zog sie eine Parallele zu Vorgängen bei der Einführung des Pferdes in den aztekischen Kulturraum im 16. Jahrhundert n. Chr., wo das Pferd auf eine deutlich andere Art in bestehende Vorstellungen integriert worden sei.

Thekla Wiebusch (Linguistik - Leipzig) betrachtete in ihrem Vortrag "The Classification of Animals in Ancient and Medieval Chinese Writing System(s) and Knowledge Organization"  chinesische Wörterbücher aus Antike und Mittelalter. Anhand der Kategoriemarker, die die chinesischen Schriftzeichen für Tiere aufweisen, ging sie den zu Grunde liegenden Klassifikationen nach und stellte sie in Relation zu damaligen philosophischen Ansätzen zur Tierklassifikation.

Am Nachmittag folgte der Vortrag von Roy Ellen (Anthropologie - Kent) mit dem Titel "Tools and living things: some observations on the interconnection between concepts and categories" (Abb. 2). Er beschäftigte sich mit der Zuschreibung von tierischen und menschlichen Eigenschaften auf unbelebte Dinge, die somit in verschieden starker Ausprägung als lebende Wesen mit mehr oder weniger großer Autonomie bzw. Beseeltheit behandelt werden. So sähen die von Ellen untersuchten, im östlichen Indonesien ansässigen Nuaulu etwa verschiedene Handwerkzeuge als Verlängerungen des menschlichen Körpers. Gerade das Kriterium der Bewegung sei hier entscheidend für Belebtheit. Selbstbewegte Maschinen, wie Außenbordmotoren von Booten werde eine noch umfangreichere Belebtheit zugesprochen, ihr Defekt könne entsprechend in den Kategorien von Sterben und Tod formuliert werden.

Abb. 2: Festvortrag mit Roy Ellen (Bild: Valeria Zubieta Lupo).

Der geplante Vortrag von Dietrich Busse (Germanistik - Düsseldorf) "Frames als Modell zur Analyse und Beschreibung von Konzepten, Konzeptstrukturen, Konzeptwandel und Konzepthierarchien" musste leider entfallen.

Es folgte Walter Bisang (Linguistik - Mainz) mit einem Vortrag über "Classification between grammar and culture – a cross-linguistic perspective." Er zeigte, dass Klassifikation in vielen Grammatiken als Prinzip erkennbar ist. Klassifikatoren würden dazu verwendet, Kategorien wie etwa Form, Zahl, Belebtheit, soziale Einordnung etc. darzustellen. Dabei verwies er darauf, dass einige Klassifikationsprinzipien offenbar universell aufträten, andere wiederum kulturspezifisch seien und bestimmte gruppenspezifische Perspektiven auf Dinge wiedergäben. An ihrer Vielfalt und Entwicklung ließe sich eine Vielzahl an Konzepten der Einordnung erkennen. Der Zweck der Klassifikatoren in der Grammatik sei, Dinge zunächst zu individuieren und zu identifizieren.

Iolanda Ventura (Wissenschaftsgeschichte - Paris) beschäftigte sich anschließend in ihrem Vortrag "The Development of Pharmacy at the End of the Twelfth Century: the "Taxonomies" of Geraldus (of Montpellier?) and Iohannes de Sancto Pauloz" mit hochmittelalterlichen pharmazeutischen Werken. Im zwölften Jahrhundert habe die Wissenschaft, angeregt unter anderem durch eine verstärkte Übersetzungstätigkeit vor allem arabischer Werke, einen Aufschwung erlebt. Auch im pharmazeutischen Bereich seien zahlreiche Werke verfasst worden. Anhand zweier pharmazeutischer Sammelwerke geht Ventura den Ordnungs- und Klassifikationskriterien der einzelnen Heilmittel nach, zeigt mögliche Einordnungen in den Kontext der zeitgenössischen Klassifikationsweisen auf und deren Entwicklung.

Mit einem gemütlichen Beisammensein im "Proviant Magazin" klang der Abend aus.

Der Samstag begann mit einem weiteren Vortrag von Roy Ellen zum Thema "Conceptualising natural objects: some issues arising from recent work in cognitive anthropology and ethnobotanical classification." Darin fragte Ellen nach dem generellen Funktionieren von Klassifikation. Ausschlaggebend für die Betrachtung von Klassifikationen seien Worte und Kategorien. Es gelte, anhand der nicht immer einfach zu erkennenden Kategorien deren semantische Struktur, also die unterschiedlichen Eigenschaften, die eine Kategorie definieren, sichtbar zu machen. Diesen liege oft ein Prototyp zugrunde, der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen verschiedenen Gegenständen ausdrückt. Ellen warnt davor, diese zu schnell in Kategorien kultureller Universalität einzuordnen. Letztlich werde zunächst kategorisiert, dann unterschieden und als Endprodukt des Prozesses klassifiziert, was je nach Kultur zu unterschiedlichen Ergebnissen führen könne.

Anschließend sprach Joachim W. Kadereit (Botanik - Mainz) in seinem Vortrag "Classification and naming of living objects – a biologist’s perspective" über den generellen Sinn von Klassifikation und ihre Besonderheiten in der Biologie (Abb. 3). Auch hier würden zunächst Ähnlichkeiten in Tabellen erfasst und in Phänogrammen festgehalten. Dabei konnte er anhand der Zuordnungen zur Gattung des papaver zeigen, dass es auch in der Biologie unterschiedliche Herangehensweisen zur Klassifizierung gibt, die nie rein objektiv sind und nicht notwendigerweise das Verwandtschaftsverhältnis verschiedener Pflanzenarten widergeben. Sinnvoll sei es, größere Beziehungsstränge zu benennen.

Abb. 3: Der Referent Joachim W. Kadereit und die Workshop-TeilnehmerInnen (Bild: Valeria Zubieta Lupo).

Nach einer kurzen Pause sprach Jochen Althoff (Gräzistik - Mainz) über "Categorization and explanation of the world in Hesiod’s Theogony." Er zeigte, dass nach hesiodeischer Darstellung der Ausgangspunkt der Welt das Chaos sei, dem folgend verschiedene weitere Wesenheiten entstanden seien. Althoff ging insbesondere der Frage nach, inwieweit diesen Wesenheiten synonyme Vorstellungen zugrunde liegen. Als Beispiel führte er etwa das Entstehen des Schlafes aus der Nacht auf. Beide seien sowohl zeitlich als auch inhaltlich miteinander verbunden, weshalb man ein synchrones Verhältnis vermuten könne. Daneben seien aber auch kontrastive Vorstellungen erkennbar, etwa die Entstehung des Tages aus der Nacht. Insgesamt, so Althoff, sei kein festes Naturkonzept feststellbar. Das Modell sei allerdings stark menschbezogen und beinhalte entsprechende Kategorisierungen der Weltentstehung, wie man am genealogischen Aufbau und den anthropomorphen Göttervorstellungen erkennen könne.

Als nächstes sprach Stefan Hirschauer (Soziologie - Mainz) über "Geschlechterdifferenzierung durch wissenschaftliches Wissen." Insbesondere stand die Frage im Mittelpunkt, wie wissenschaftliche Disziplinen (Natur- und Sozialwissenschaften) Wissen über Geschlechterdifferenz nutzen und selbst beeinflussen. Dabei zeigte er vier Dimensionen auf. Die Stabilisierung einer Kosmologie der Geschlechterdifferenz komme dadurch zustande, dass sozial generierte Unterscheidungen auf die natürliche und kulturelle Welt rückübertragen und somit ontologisch verankert würden. Basierend auf dieser Ontologie habe sich eine Methodologie zur Geschlechteridentifizierung entwickelt, aus der sich für die Wissenschaft hinsichtlich der Kategorisierung eine Deutungshoheit ergebe. Am Schluss ging er darauf ein, inwieweit Technologien die herrschenden Geschlechterbilder verstetigen oder ausformen können. Insgesamt erkennt er eine zunehmende Privilegierung professionalisierter Gruppen hinsichtlich der Deutung des menschlichen Körpers.

Es folgte Simone Gerhards (Ägyptologie - Mainz) mit ihrem Vortrag "Day and night 'spheres' – From a classification of daytime to concepts about day rhythm in ancient Egypt." Sie zeigte dabei zunächst verschiedene Arten ägyptischer Einteilungen des Tages auf. Diese würden weniger nach Stunden oder in Tag und Nacht unterscheiden, sondern sich an anderen Kategorien orientieren, beispielsweise am alltäglichen Tagesablauf, wie Essens- oder Gebetszeiten. Darauf aufbauend arbeitete sie verschiedene Konzepte heraus, die bei der Zeiteinteilung in Ägypten von Bedeutung waren. Insgesamt machte sie vier Konzepte aus: das mythologische, dem etwa die Reise des Sonnengottes zugrunde liege; das natürliche, das sich am Sonnenlauf orientiere; das kalendarische, das auf astrologische Beobachtungen zurückgehe; sowie das kulturelle, das sich an Essenszeiten oder den Wechsel von Helligkeit zu Dunkelheit anschließe.

Als letzte sprachen Sabine Bartsch und Andrea Rapp (Computerlinguistik - Darmstadt) über "Exploration of textual knowledge systems in natural history texts." Darin zeigten sie Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen der Computerlinguistik und Textwissenschaften auf. Sie zeigten anhand von digitalisierten naturhistorischen Texten, dass etwa linguistische Untersuchungen, semantische Analysen und die Organisation von Diskursen möglich seien. Notwendig hierfür sei aber zunächst die standardisierte Erstellung einer Datenbank. Ziel dieser Arbeit sei es, in großen Textcorpora Themen zu ermitteln (Topic Modelling).

Anschließend an den Vortrag fand eine 45-minütige Abschlussdiskussion statt, in der die eingangs aufgeworfenen Fragen diskutiert wurden. Es wurde unter anderem angemerkt, dass Kategorisierung oft implizit erfolge und häufig auf Beobachtungen der Ähnlichkeit oder des Kontrastes beruhe. Wichtig sei insbesondere für Textwissenschaftler, auch die Textgattungen näher zu berücksichtigen und zu prüfen inwieweit es sich um individuelle oder universelle Kategorien der Einteilung handle.

Mittwoch, 26. November 2014

Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Ursula Verhoeven-van Elsbergen - Altägyptische Variationen über Anfang und Ende der Welt

Ein Beitrag von Victoria Altmann-Wendling.

Der zweite Vortrag der interdisziplinären Ringvorlesung "Anfang und Ende. Vormoderne Szenarien von Weltentstehung und Weltuntergang" des Graduiertenkollegs 1876 wurde von Prof. Dr. Ursula Verhoeven-van Elsbergen, seit 1998 Professorin für Ägyptologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, bestritten. Mit ihrem Vortragstitel "Altägyptische Variationen über Anfang und Ende der Welt" verwies sie bereits auf die Tatsache, dass es in der altägyptischen Vorstellung nicht nur ein einziges Konzept der Schöpfung gibt. Die Existenz vieler unterschiedlicher Erklärungsansätze wird als 'multiplicity of approaches' bezeichnet und ist der gesamten ägyptischen Religion inhärent. Die geographischen Gegebenheiten Ägyptens, dessen Besiedlung sich an den beiden schmalen Ufern des Niltals konzentriert, beförderte die Entwicklung lokalspezifischer Theologien, die jedoch im Laufe der Zeit auch auf andere Orte übertragen wurden und nebeneinander koexistierten, ohne sich gegenseitig auszuschließen. Vielen Vorstellungen gemeinsam sind der täglich zu beobachtende Sonnenaufgang, in dem sich für die alten Ägypter die Schöpfung zyklisch manifestierte, sowie die Entstehung aus einem Urwasser, für das der allgegenwärtige Nil Pate gestanden hat. Angelehnt an den Sonnenlauf ist auch die Vorstellung einer sich zyklisch wiederholenden und nicht abgeschlossenen Schöpfung, weshalb die Weltentstehung als "erstes Mal" bezeichnet wird.
 

Urozean und Urkuh

Ein mit den Pyramidentexten bereits sehr früh belegtes Konzept ist das des Urozeans Nun als undifferenzierter Zustand (eine wichtige Wendung ist die des "noch nicht" Entstandenen). Aus dieser aquatischen Umwelt, die den Ägyptern durch die jährliche Nilüberschwemmung wohlbekannt war, entstanden in Form von Schlangen (weiblich) und Fröschen (männlich) zwei mal vier Götter, die sogenannte Achtheit von Hermopolis. Eine weitere Variation ist ein Kindgott, der auf einer aus dem Urwasser wachsenden Lotosblüte sitzt, deren gelbe Farbe des Stempels leicht mit der aufgehenden Sonne verbunden werden kann. Im Tempel von Esna ist es eine Kuh, die im Wasser treibt und auf deren Rücken oder Gehörn der kindliche Amun sitzt. Auch hier liegt der Ursprung in einer Beobachtung aus der natürlichen Umwelt, nämlich den oftmals von Kindern durch den Fluss getriebenen Kühen.
 

Krokodil und Falke

In der Oase Fayum war es die Beobachtung der dort vorkommenden Krokodile, die zu einem weiteren Schöpfungsmythos anregte: Im 'Fayumbuch', einem mythologischen Papyrus, wird der Krokodilgott Sobek beschrieben, der aus dem Urwasser kriecht. Im oberägyptischen Tempel von Edfu hingegen ist es der Falkengott Horus, der sich auf dem aus dem Wasser sprießenden Schilf niederlässt und aus dem alles Weitere entsteht. Als geflügelte Sonne begibt er sich sodann an den Himmel und teilt diesen in die Kardinalpunkte Ost und West, eine weitere Ausdifferenzierung der uranfänglichen Welt.
 

Von Heliopolis nach Memphis

Auch in der Sonnenstadt Heliopolis gibt es nicht nur ein Konzept der Weltentstehung. So konnte einerseits der Benu-Vogel ('Phönix') derjenige sein, der sich auf dem aus dem Wasser auftauchenden Urhügel niederließ. Auch sein Ei spielt eine Rolle, dessen gelber Dotter erneut an die Sonne erinnert haben mag. Der berühmteste Schöpfungsmythos jedoch ist der von Atum, dessen Name zugleich 'Alles' und 'Nichts' bedeutet. Nach der Vorstellung der Ägypter entstand er von selbst und bildete hernach eine Göttergruppe mit neun Mitgliedern, die sogenannte Neunheit. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen: Eine Überlieferung lässt ihn das erste Götterpaar ausspucken, eine andere lässt es durch Masturbation entstehen. Das verbindende Element ist jeweils das Konzept, dass alles bereits im Urgott vorhanden ist und sich durch die Ausscheidung seiner Körperflüssigkeiten entfaltet. Die ersten Nachkommen sind Schu und Tefnut (wohl Luft und Feuchtigkeit), ihre Kinder Geb und Nut (Erde und Himmel). Diese zeugen gemeinsam die nächsten vier Götter: Osiris und Isis, Seth und Nephthys. Mit diesen kommen nach Verhoeven-van Elsbergen zugleich die für den Menschen relevanten Themen in die Welt: Geburt und Tod, Geschichte und Kultur.
 
Ein gänzlich anderes Konzept ist das des Gottes Ptah von Memphis. Dieser als Handwerker charakterisierte Gott macht sich zunächst einen Plan (in der ägyptischen Vorstellung mit seinem Herzen) und spricht diesen danach aus (mit der Zunge). Dies ist der erste Beleg einer Schöpfung durch das Wort, wie es uns aus der Bibel gut bekannt ist. Ferner kann der Vorgang jedoch auch weit praktischer vonstattengehen, wenn er als Töpfer gemeinsam mit dem Gott Chnum alle Lebewesen formt.
 

Weltende: Sonnenfahrt und Himmelskuh

Für das Ende der Welt hält die ägyptische Mythologie ebenso mehrere Varianten bereit. Doch wird dieses aufgrund seiner negativen Konnotation selten erwähnt. Der mögliche Weltuntergang stand den Ägyptern täglich in Form der untergehenden Sonne vor Augen, die bei ihrer Nachtfahrt in der Unterwelt Gefahr lief, nicht wieder aufzugehen. Gefahren bildeten dabei etwa Sandbänke, auf denen die Götterbarke aufzulaufen drohte, sowie die Schlange Apophis, die jedoch vom mächtigen Gott Seth mit einem Speer getötet wurde. Auch kann Re selbst in Form eines Katers die Schlange mit einem Messer abwehren. Diese Mythen begegnen uns z.B. in den Gräbern im Tal der Könige des Neuen Reichs.
 
Weitere Konzepte vom Weltuntergang haben den gealterten Sonnengott zum Thema, der sich von den Menschen entfernt, da diese gegen ihn rebellieren, sei es im Horus-Mythos von Edfu oder im Mythos von der Himmelskuh. Beiden mag die Beobachtung der Sonne zugrunde liegen, die sich während der Wintersonnenwende von Ägypten entfernt. Andere Vorstellungen sehen die gesamte Welt wieder im Nichts versinken, in dem nur der Urgott Atum gemeinsam mit Osiris existiert, so dass ein undifferenzierter Zustand ähnlich wie vor der Schöpfung entsteht.
Am Ende ihres Vortrags unterschied Verhoeven-van Elsbergen zusammenfassend zum einen unterschiedliche stoffliche Phänomene (Urmaterie, Urimpuls, Urerhebung, Urgewächs und Urgestirn), zum anderen verschiedene konzeptuelle Ebenen (geistig-abstrakt, naturbezogen, kosmisch, elementar, körperlich, handwerklich). Eine wichtige Erkenntnis ist, dass sich die Schöpfung in der Sicht der alten Ägypter als dauerhaft gefährdet präsentierte und durch Opfergaben und Rituale (z.B. der Feindvernichtung und der Besänftigung) aufrechterhalten werden musste. Zugleich hofften die Menschen, dadurch an den regenerativen Kräften teilzuhaben, die eine zyklische Erneuerung auch ihres eigenen Lebens ermöglichten.

Mittwoch, 12. November 2014

Vortrag von Prof. Dr. Andrew R. George – The creation of the world in ancient Mesopotamia and the human condition

Ein Beitrag von Tim Brandes.
 
Am 6. November 2014 begann die erste Ringvorlesung des Graduiertenkollegs 1876, die sich mit verschiedenen Fragestellungen und Konzepten rund um die Thematik von Weltentstehung und Weltuntergang von der Antike bis ins Mittelalter beschäftigt.

Eröffnet wurde die Ringvorlesung von Prof. Dr. Andrew R.George (SOAS, University of London) mit dem Vortrag "The creation of the world in ancient Mesopotamia and the human condition", in dem er den Konzepten von Weltentstehung anhand des babylonischen Textes enūma eliš nachging.
 

Das enūma eliš als Literaturwerk

 
Das enūma eliš ist eines der wichtigsten Werke der babylonischen Literatur, denn es ist das Anliegen des Textes, den Aufstieg des babylonischen Hauptgottes Marduk zum König der Götter zu demonstrieren.

So ging Prof. George zu Beginn seines Vortrages erst einmal auf die Entstehung und Funktion des enūma eliš ein.

Demzufolge war der Text zum Zeitpunkt seiner Niederschrift wahrscheinlich schon sehr alt und setzte sich aus älteren Mythen zusammen. In der Schreiberkultur Mesopotamiens zeigt sich die Popularität des Textes daran, dass er sehr oft, im Rahmen der Laufbahn eines Schreibers, kopiert wurde.

Prof. Dr. George betonte zudem, dass es sich beim enūma eliš nicht um eine Schöpfungsgeschichte handelt, dennoch die im Kontext der Ringvorlesung interessanten Schöpfungsvorstellungen Babyloniens thematisiert werden.
 

Die Vorzeit vor der Schöpfung

 
Die ersten Zeilen des Textes berichten von der Zeit vor der Schöpfung, als Himmel und Erde noch nicht benannt waren: dem gemäß existierten zwei Urwesen, Apsû (Trinkwasser; männlich) und Tiāmat (See, weiblich). Aus diesen Wassern entstanden der Himmel und die Erde als erste kosmische Strukturen – das Potential für die spätere durch den Gott Marduk vorgenommene Schöpfung und Ordnung.
 
Danach entstanden die ersten Wesenheiten: Zunächst namentlich Lahmu und Lahamu, auf die im Anschluss Anšar und Kišar (Himmel und Erde) folgten. Als Sohn des Anšar und Kišar entstand der Himmelsgott Anu.

Prof. George machte darauf aufmerksam, dass die Entstehungsberichte im enūma eliš bis zu diesem Zeitpunkt in Form passiver Kreation abliefen; Anu jedoch erschafft als Erster in einem Vorgang aktiver Schöpfung seinen Sohn Nudimmud.

Prof. George zeigte an dieser Stelle auch auf, dass die Kosmogonie im enūma eliš zwei Entwicklungen zeigt: Zunächst entstehen aus den Urwassern die ersten Kreaturen und Urgötter und in einem zweiten Schritt dann die Götter ab Anu, die von den Menschen des Alten Orients mit einem Kult bedacht und verehrt wurden. Die Schritte stellen sich wiederum durch einen Übergang von passiver zu aktiver Schöpfung dar.
 

Schöpfung im enūma eliš

 
Mit der aktiv gezeugten Göttergeneration um Nudimmud beginnt auch die für den Aufstieg des Marduk maßgebliche Handlung. Die Urwasser-Gottheit Apsû fühlt sich durch die jüngeren Götter gestört. Er plant daraufhin die Vernichtung eben jener Götter. Nudimmud vereitelt dies, indem er Apsû tötet. Die Tötung der ersten Urgottheit Apsû leitet gleichzeitig die Schöpfung der ersten soliden Struktur des Kosmos ein: Nudimmud erschafft seine Wohnstatt, nach der zuvor getöteten Urgottheit ebenfalls Apsû genannt.

Im Folgenden zeugt Nudiummud seinen Sohn Marduk, den wichtigsten Gott des babylonischen Pantheons und Protagonisten des enūma eliš. Dieser stört – die Winde wehen lassend –­  die zweite Urwasser-Gottheit Tiāmat auf. Wie schon Apsû, fasst daraufhin auch Tiāmat den Entschluss die Götter zu vernichten. Marduk bietet den Göttern daraufhin an, gegen Tiāmat zu ziehen, allerdings nur im Austausch für das Königtum. Nachdem die Götter dem Angebot Marduks zugestimmt hatten, tötet Marduk Tiāmat.

Auch der Tod Tiāmats läutet eine zweite, umfassende Phase der Schöpfung ein, dieses Mal durch Marduk. Dieser zweite große Schöpfungsbericht hat dem enūma eliš in der älteren Forschungsliteratur auch den Namen Weltschöpfungsepos eingebracht, denn Marduk erschafft aus Tiāmats Leichnam den uns bekannten Kosmos.

Im enūma eliš finden sich bis zu diesem Punkt also zwei Schilderungen der Schöpfung:
1) Nudimmud kreiert mit seiner Wohnstatt Apsû die erste solide, kosmische Struktur.
2) Marduk erschafft aus Tiāmats Leichnam den Kosmos.

Im weiteren Verlauf des Textes findet schließlich auch die Erschaffung des Menschen ihre Erwähnung.
 

Vorläufer zu enūma eliš

 
Zu Beginn seines Vortrages machte Prof. George bereits deutlich, dass das enūma eliš voraussichtlich aus mehreren Vorgängern zusammengesetzt worden war. So ist es auch nicht verwunderlich, dass hinsichtlich der Konzepte von Schöpfung verschiedene Ansätze aus dem Alten Orient bekannt sind.

Anhand der Schöpfungsvorstellungen von Himmel und Erde stellte Prof. George Beispiele für die unterschiedlichen Konzepte von Weltentstehung vom 3. bis ins 1. Jahrtausend v. Chr. dar. So zeigt eine weit verbreitete Vorstellung des 3. und 2. Jahrtausends v. Chr., dass am Anfang Himmel und Erde existierten, aber von der Gottheit Enlil erst noch voneinander getrennt werden mussten.
 

Weltende

 
Neben den Konzepten der Weltentstehung widmet sich die Ringvorlesung auch den Konzepten des Weltendes. Prof. George erklärte, dass sich im Alten Orient keine Vorstellungen einer Apokalypse finden lassen, denn aus mesopotamischer Sicht ist diese in Form der Sintflut bereits in der Vergangenheit geschehen.

So heißt es in einem spätbabylonischen Zusatz zum sog. Atram-Hasis-Mythos (auch bekannt als die babylonische Sintfluterzählung), dass es künftig keine alles vernichtende Flut mehr geben soll und die Menschheit auf ewig bestehen möge.

Montag, 27. Oktober 2014

Exkursion zum Methodenworkshop "Perspektiven der Landschafts- und Umweltarchäologie"

Ein Beitrag von Carrie Schidlo.
 
Unter der Leitung von Dr. Rainer Schreg, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung "Frühes Mittelalter" des Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) in Mainz, fand am 18. Oktober 2014 die Exkursion zum Methodenworkshop "Perspektiven der Landschafts- und Umweltarchäologie" statt. Ziele waren der Vulkanpark in der Eifel mit seinen zugehörigen Stationen Mayen und Meurin sowie das in der Nähe gelegene Segbachtal bei Obermendig.
 

Forschungsbereich Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte (VAT) des RGZM, Mayen


Während der knapp zweistündigen Fahrt verwehrte dichter Nebel die ersten Blicke auf die Landschaft der Vulkaneifel. Dies änderte sich jedoch bei Ankunft beim Forschungsbereich Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte (VAT), der sich neben dem Erlebniszentrum Terra Vulcania in Mayen befindet: Blauer Himmel und Sonnenschein erlaubten von der erhöhten Lage des Zentrums beste Aussicht auf die Region. 
 
Abb. 1: Labor für experimentelle Archäologie
(Foto: Valeria Zubieta Lupo).
Abb. 2: Schautafeln (Foto: Valeria Zubieta Lupo).

Vor Ort erfolgte eine Führung von Dr. Lutz Grundwald durch die beiden Räumlichkeiten des Labors für experimentelle Archäologie, das 2012 hier eingerichtet worden ist (Abb. 1). Nach der u. a. theoretischen Vorstellung unterschiedlicher Brenntechniken in den regional gefundenen Öfen führte Dr. Fritz Mangartz über das Gelände des VAT, auf dem sich ein großer, nachgebauter Ofen befindet, sowie über das sich anschließende Mayener Grubenfeld. Hier erhalten die Besucher anhand von Schautafeln Einblicke in die Geschichte des Abbaus des lokalen vulkanischen Basalts (Abb. 2). Das Gelände beherbergt zudem den Skulpturenpark Lapidea (Abb. 3 und 4), sowie Vorrichtungen, die für den Abbau des Gesteins verwendet wurden (Abb. 5). Mit dem Eintauchen in die Tiefen der Abbauregion über den "Schacht 700" wurde dieser Teil der Exkursion beendet.
 
Abb. 3: Skulpturenpark Lapidea
(Foto: Valeria Zubieta Lupo).
Abb. 4: Skulpturenpark Lapidea
(Foto: Carrie Schidlo).

Abb. 5: Vorrichtung für den Abbau des Gesteins
(Foto: Valeria Zubieta Lupo).
 

Römerbergwerk Meurin


Nach kurzer Fahrt wurde der Fuß des Römerbergwerks Meurin bei Kretz erreicht. Von diesem führte ein stetig ansteigender Weg zum überdachten archäologischen Gelände. Im Innern stellten sich die verschiedenen Techniken des Abbaus mittels Schemata, Tafeln sowie deutlichen Werkzeugspuren an den anstehenden Wänden dar. Auf dem Freilichtgelände berichtete dann der Archäotechniker Kuno Menchen über seine Tätigkeiten auf dem Areal des Römerbergwerks. In einer noch im Aufbau befindlichen "Erlebniswelt für antike und mittelalterliche Technikgeschichte", die am 9. und 10. Mai 2015 eröffnet werden soll, wird es Besuchern möglich sein, aktiv an den nachgebauten Stücken zu wirken. Neben einem Mühlstein gibt es u. a. einen bereits zum Teil funktionstüchtigen Nachbau der "byzantinischen Säge von Ephesos" (Abb. 6) zu sehen.


Abb. 6: Nachbau der "byzantinischen Säge von Ephesos"
(Foto: Carrie Schidlo).
 

Das Segbachtal


Die Technik hinter sich lassend ging es weiter zum Segbachtal bei Obermendig. Während des gruppenweisen Transports zum "Burgus im Winkel" schärfte Dr. Schreg den Blick der Wartenden für die Besonderheiten der Landschaft: Er verwies auf den in Magnetresonanz festgestellten Befund einer römischen Villenanlage mit vermutlich eigener Wasserversorgung sowie auf weitere Strukturen im Umfeld der Villa (Abb. 7). Des Weiteren zeigte er die für die Planung der Anlage relevanten Faktoren wie Landmarken und den weiten Blick auf die Rheinregion auf. Beim Gang zum "Burgus im Winkel" (Abb. 8), bei dem es sich um einen spätantiken Kornspeicher handelt, übernahm Dr. Stefan Wenzel die Führung. Er beschrieb anschaulich den historischen Hintergrund sowie die gemachten Funde und erläuterte die in situ verbliebenen Speicherreste.

Abb. 7: Verweis auf den in Magnetresonanz festgestellten Befund einer römischen Villenanlage
(Foto: Valeria Zubieta Lupo).
  
Abb. 8: "Burgus im Winkel" (Foto: Valeria Zubieta Lupo).

  
Mit einer kleinen Wanderung zurück zum Bus wurde dieser spannende und informationsreiche Exkursionstag beschlossen. Er verdeutlichte wie der Mensch schon früh die Natur nutzte und dadurch seine Umgebung formte. Neben dem Abbau vulkanischen Gesteins für die unterschiedlichsten Verwendungszwecke, waren auch landschaftliche Gegebenheiten wie ein weiter Blick oder eine natürliche Wasserquelle von Bedeutung.

Montag, 13. Oktober 2014

Workshop "Writings of Early Scholars"

Ein Beitrag von Dominik Berrens.
 
Bereits im Januar wurde in diesem Blog ein Beitrag zum 2. Treffen des internationalen Workshops "Writings of Early Scholars" veröffentlicht. Das dritte und letzte Treffen fand am 3. und 4. Oktober 2014 am Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg v.d. Höhe statt. Zweck dieses Treffens war die Präsentation und Diskussion der einzelnen Beiträge des geplanten Methodenbuches zur emischen Übersetzung vormoderner wissenschaftlicher Texte. Veranstaltet wurde der Workshop von Annette Warner (geb. Imhausen) und Tanja Pommerening, die auch als Herausgeberinnen des geplanten Buches fungieren. Dieses soll voraussichtlich den Titel "Translating Writings of Early Scholars in the ancient Near East, Egypt, Greece and Rome – Methodological Aspects with Examples" tragen. Die Kapitel werden von internationalen Experten auf ihrem jeweiligen Gebieten verfasst, wozu auch zwei Professoren aus dem Trägerkreis des Graduiertenkollegs gehören. Die Übersetzung ägyptischer heilkundlicher Texte wird von Frau Pommerening behandelt, das griechische Pendant von Herrn Althoff. Als zusätzliche Diskutanten aus dem Graduiertenkolleg nahmen Nadine Gräßler und Dominik Berrens an dem Workshop teil.
 
Eine detaillierte Besprechung des Inhalts der einzelnen Buchbeiträge und deren Diskussion verbietet sich an dieser Stelle, da das Buch zu diesem Zeitpunkt noch nicht publiziert worden ist. Stattdessen soll reflektiert werden, inwieweit sich die auf dem Workshop gewonnenen Erkenntnisse und die dort entwickelten Methoden für das eigene Dissertationsprojekt fruchtbar machen lassen.
 

Warum übersetzen?


Für einen Altphilologen, der zu einem naturkundlichen Thema arbeitet, stellt sich zunächst einmal die Frage, ob man überhaupt eine Übersetzung der zitierten Quellen anfertigen möchte. Während dies in den Philologien anderer alter Sprachen selbstverständlich ist, finden sich gerade in der deutschsprachigen Forschung viele gräzistische und latinistische Arbeiten ohne Übersetzung. Der Verzicht auf eine Übersetzung spart natürlich zum einen Zeit, zum anderen ist eine Übersetzung immer auch eine Interpretation. Durch die Übersetzung geht stets ein Teil der Information des Ausgangstextes verloren, weil etwa Satzstrukturen und Wortbedeutungen in den antiken Texten oft mehrdeutiger sind als dies in den modernen Sprachen der Fall ist. Auch bestimmte Sprachbilder, Metaphern und Wortspiele lassen sich oft nur schwer in der Übersetzung nachahmen. Die Übersetzung ist also meist spezifischer in ihrer Bedeutung als der Ausgangstext, weil sie Nebenbedeutungen, Anspielungen und Bedeutungsnuancen ausblendet.
 
Gerade dies kann aber auch zu einem Vorteil genutzt werden. Indem man durch eine Übersetzung Rechenschaft darüber ablegt, wie man eine bestimmte Quelle versteht, erleichtert man dem Rezipienten das Nachvollziehen der Schlussfolgerungen und Interpretationen, die aus dem antiken Text erwachsen. Gleichzeitig erfordert das Erstellen einer guten Übersetzung, den Wortlaut der Quelle genau zu beachten und dabei die verschiedenen Bedeutungsnuancen der Wörter, die syntaktische Einbettung von Partizipialkonstruktionen usw. zu durchdenken. Diesen Entscheidungsprozess für oder gegen eine bestimmte Übersetzung eines Ausdrucks sollte man für den Leser transparent machen, z.B. in einer kurzen Anmerkung oder einem Kommentar. Auf diese Weise lässt sich der gravierende Nachteil einer Übersetzung, der Verlust eines Teiles der Information, zumindest ein wenig ausgleichen.
 
Nicht zuletzt ermöglicht man durch die Übersetzung der Quellen seiner Arbeit eine größere Reichweite, da nicht mehr davon ausgegangen werden kann, dass alle Wissenschaftler ausreichend Latein- bzw. Griechischkenntnisse besitzen, um einen naturkundlichen Text zu verstehen. Zumal diese Texte oftmals gerade in Bezug auf die Lexik weit über die Anforderungen des Latinums bzw. Graecums hinausgehen. Ohne eine Übersetzung seiner Quellen zu bieten, beschränkt man seinen Leserkreis daher hauptsächlich auf Altphilologen. Ein interdisziplinäres Arbeiten mit Wissenschafts- und Medizinhistorikern, Naturwissenschaftlern, Archäologen oder Philologen benachbarter Kulturen, wie es vor allem für die Erforschung naturkundlicher Texte unerlässlich ist, wird ohne Übersetzungen erheblich erschwert.
 

Wie übersetzen?


Hat man sich nun für eine Übersetzung seiner Quellen entschieden, stellt sich die Frage, wie man übersetzen sollte. Aus dem oben Gesagten ergibt sich, dass eine eigene Übersetzung einer übernommenen vorzuziehen ist. Denn in diesem Falle kann man sein eigenes Verständnis der Quelle für den Leser leichter nachvollziehbar machen. Beim Übersetzen sollte man daher in erster Linie an seinen intendierten Leserkreis denken. So kann eine sehr textnahe oder, wenn man so will, emische Übersetzung dem Leser einen guten Eindruck vermitteln, wie ein Text auf seine ursprünglichen Rezipienten wirkte. Allerdings kann eine solche Übersetzung einem fachfremden Publikum große Schwierigkeiten bereiten. Bestimmte Bilder und Vorstellungen, die einem Menschen, der mit griechischen und lateinischen Texten vertraut ist, nachvollziehbar erscheinen, können für andere unverständlich bleiben, weil die antike Vorstellung und Diktion der modernen zu fremd ist. In der Regel bedarf eine textnahe oder emische Übersetzung vieler Erläuterungen, wenn sie für ein fachfremdes Publikum nutzbar gemacht werden soll, was aber nicht in jedem Falle praktikabel ist. Nicht zuletzt büßen auch sehr textnahe Übersetzungen meist etwas von der Ästhetik ein, die den ursprünglichen Texten zu eigen ist. Elegante griechische oder lateinische Konstruktionen klingen – bei allzu wörtlicher Übertragung – in modernen Sprachen oft nicht besonders schön. Unter Umständen kann also eine etwas freiere Übersetzung sinnvoller sein. Naturkundliches Wissen wurde in der Klassischen Antike nicht selten auch in poetischer Form, etwa in Lehrgedichten, weitergegeben. Hier gilt es ebenfalls abzuwägen, ob man einen Eindruck von der Ästhetik des Textes oder aber des Inhalts geben möchte. Beides zugleich ist wohl meist kaum zu erreichen, sodass man in ersterem Falle an eine metrische Übersetzung denken könnte, in letzterem an eine Übersetzung in Prosa. Man sollte die Gestaltung der Übersetzung also von Aussageabsicht und intendiertem Publikum abhängig machen.
 
 
Man sollte diesen Text nicht als Leitfaden für ein gutes Übersetzen, sondern als einen subjektiven Beitrag zu einer Diskussion über dieses Thema verstehen, die in diesem Blog weitergeführt werden kann.