Freitag, 15. November 2013

Zoologie: Ein Ausflug in die Naturwissenschaft

Ein Beitrag von Nadine Gräßler.

In einem Graduiertenkolleg, das sich der Thematik früher Konzepte von Mensch und Natur verschrieben hat, ist die Verbindung des antiken Menschen zu Flora, Fauna und Landschaft interessant. Wie wurden Flora und Fauna bewertet, kategorisiert und in das menschliche Leben eingebunden? Welche Verbindung bestand zwischen Mensch und Tier; welche Tiere waren überhaupt in den Regionen, die das Graduiertenkolleg bearbeitet, beheimatet?
In Bezug auf die Fauna historischer Naturräume, konnte das Graduiertenkolleg 1876 am 14. November 2013 Prof. em. Dr. Ragnar Kinzelbach begrüßen. Herr Kinzelbach ist Professor für Allgemeine und Spezielle Zoologie an der Universität Rostock (seit 2006 im Ruhestand) und Experte für historische Zoologie (u.a. Bearbeitung des Artemidor-Papyrus), vor allem im Gebiet Vorder- und Zentralasien, Afrika, Griechenland. Er beteiligte sich bedeutend am Aufbau der Zoologischen Sammlung Rostock (ZSRO) und rief das erste deutsche Institut für Biodiversität ins Leben (2000–2004). Als Kooperationspartner mit dem Graduiertenkolleg verbunden, erklärte Prof. Kinzelbach sich bereit, Graduierte und Trägerkreis des Kollegs in die Grundlagen der (historischen) Zoologie einzuführen. Dafür hat er einen Workshop zum Thema "Methoden und Fallbeispiele für die wissenschaftliche Identifikation von Tierarten aus historischen Quellen als Voraussetzung für Theorienbildung" vorbereitet, der die Beteiligten in die Grundlagen und Methodik der Zoologie einführen sollte. Hierbei war eine Frage besonders relevant: Wie kann aus kulturhistorischem Kontext, beispielsweise. anhand antiker Tierdarstellungen, eine eindeutige Identifikation zu einer Art erfolgen?

Wie GRK-Mitglieder erfahren konnten, ist vor allem die Gewinnung eines belastbaren naturwissenschaftlichen Datensatzes, der aus den historischen Quellen gewonnen werden kann, erforderlich, der im Idealfall Fragen nach Art, Ort, Zeit und Details eines Tieres beantworten kann. Als methodische Grundlage stellte Prof. Kinzelbach daher auch gleich zu Beginn einige der Kodierungsschritte vor, die für die Identifikation eines Tieres anhand historischer Bilder erfolgen müssen. Ziele der (historischen) Zoologie sind dabei: 1. Eine möglichst genaue Determination auf das Artniveau durch Prüfen der Konsistenz von Biologie, Geographie, Nomenklatur und der vorhandenen Bilddokumente. 2. Die historische Fauna zu rekonstruieren mit Einbindung in die Umwelt- und Klimageschichte und 3. die kulturelle Bedeutung der Tiere zu erfassen ("Kulturzoologie").

Neben den naturwissenschaftlichen Merkmalen einer Tierart ist zudem der künstlerische Manierismus zu beachten, der eine spezielle, immer wiederkehrende Eigenheit in der Darstellungsweise eines Künstlers bezeichnet. So stellte der antike Künstler des Wiener Dioscurides alle Vögel mit krummen Schnäbeln dar; der Künstler des Artemidor-Papyrus zeichnete verschiedene Tiere mit einem kleinen (Kinn-)Bart – obwohl diese Tiere nachweislich keinen krummen Schnabel / Bart aufwiesen. Somit kann nur ein "Manierismus" des Künstlers vorliegen.

Anhand zahlreicher Beispiele, vornehmlich aus der ägyptischen Tierwelt (wie z.B. dem Sattelstorch, dem Nimmersatt, etc.) oder ausgewählten Tieren aus dem Bilderfries von Marissa, konnte Prof. Kinzelbach nicht nur die unterschiedlichen zoologischen Fachbegriffe und Namensgebungen verständlich machen, sondern auch glaubhaft und ohne Zweifel die eindeutigen naturwissenschaftlichen Merkmale der jeweiligen Tiere in den unterschiedlichsten Darstellungsweisen (ob in Malerei, Relief oder auch nur in einfacher Zeichnung) benennen, die dann zu einer eindeutigen Identifizierung des Tieres führen – und die, wie alle Beteiligten feststellen mussten, für das Auge des ungeübten Betrachters durchaus nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen sind!

Den Schluss des Workshops bildete die Betrachtung des Artemidor-Papyrus aus dem 1. Jhd. n. Chr. Nach einem kurzen geschichtlichen Überblick konnten die TeilnehmerInnen anhand einer originalgetreuen Kopie des Papyrus erfahren, dass es sich bei den Tierskizzen, die allesamt keinen Maßstab, keine erkennbare Ordnung und engeres Bildprogramm erkennen lassen, um ein Musterbuch des Künstlers handelt, welches seine Fertigkeiten unter Beweis stellen soll. Die Tiere lassen sich in drei Gruppen einteilen: Es handelt sich um Arten aus Afrika, Asien und des Mittelmeeres. Anhand der Vorstellung der einzelnen auf dem Papyrus befindlichen Tierarten wurden abschließend noch einmal die Methoden zur Erreichung der Ziele der (historischen) Zoologie in aller Deutlichkeit vorgeführt: Zur Identifikation einer Art ist vor allem Genauigkeit (ohne voreilige Deutung) und das Erkennen der Struktur der abgebildeten Tiere erforderlich. Darauf folgt ein Abgleich mit weiteren biologischen Daten: Wie verhält sich ein Tier? In welcher Umgebung lebt es? Wo ist es verbreitet? Nicht zuletzt müssen Nomenklatur und Zeichnungen erfolgreich in Übereinkunft gebracht, zeitgenössische Bilder und Texte verglichen und der Zweck der Tierdarstellung bzw. das Konzept erkannt werden.

Prof. Kinzelbach hat allen Beteiligten einen einzigartigen Einblick in die Fauna antiker Naturräume gegeben und mit viel Freude die Grundlagen und Methoden der Zoologie weitergegeben. Nicht zuletzt konnte durch die gezeigten Beispiele und aufkommenden Diskussionen demonstriert werden, wie Geistes- und Naturwissenschaften sich vorteilhaft gegenseitig ergänzen und voneinander profitieren können.

Dienstag, 12. November 2013

Eröffnung des Graduiertenkollegs 1876 "Frühe Konzepte von Mensch und Natur: Universalität, Spezifität, Tradierung"

Bereits am 1. Oktober 2013 nahm das Graduiertenkolleg (GRK) 1876 "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) seine Arbeit auf. Derzeit arbeiten 8 Doktorandinnen und Doktoranden, die den Fachgebieten der Ägyptologie, der Klassischen Archäologie sowie der Altorientalischen und Klassischen Philologie angehören, zu unterschiedlichen Konzepten von Flora, Fauna und Landschaft sowie zu Konzepten vom menschlichen Körper, von Krankheit und Heilung. In den kommenden Jahren wird das Graduiertenkolleg 24 Doktorandinnen und Doktoranden ein strukturiertes Forschungs- und Qualifizierungsprogramm bieten. Hierbei sollen weitere Themenfelder und Fachgebiete eingebunden werden.
 
Am Montag, den 11. November 2013, lud das Graduiertenkolleg zur offiziellen Eröffnungsveranstaltung ein, im Rahmen derer die beiden Sprecher Univ.-Prof. Dr. Tanja Pommerening und Univ.-Prof. Dr. Jochen Althoff das Forschungsprogramm vorstellten. Neben Grußworten des Vizepräsidenten für Forschung der JGU, Prof. Dr. Wolfgang Hofmeister, des Generaldirektors des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Univ.-Prof. Dr. Falko Daim, sowie der Dekanin des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften, Univ.-Prof. Dr. Doris Prechel, führte der Kooperationspartner Prof. Dr. Dr. h. c. Stefan M. Maul vom Seminar für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients der Universität Heidelberg mit seinem Festvortrag in die Arbeit und Thematik des Graduiertenkollegs ein. Prof. Maul, der zum Thema "Heilen im Alten Orient" sprach, stellte auf anschauliche Art und Weise dar, wie untrennbar altorientalische Heilkunst, Medizin und Magie miteinander verbunden sind.