Dienstag, 5. September 2017

"After Sunset: Perceptions and Histories of the Night in the Graeco-Roman World": 64. "entretiens" der Fondation Hardt in Genf

Ein Beitrag von Marie-Charlotte v. Lehsten.
 
Vom 21.-25. August 2017 veranstaltete die Fondation Hardt in Genf-Vandœuvres ihre 64. entretiens ("Gespräche"), die in diesem Jahr dem Thema der Nacht in der griechisch-römischen Antike gewidmet waren (Programm). Unter der Leitung des Organisators der Konferenz, Angelos Chaniotis, sowie des "directeur" der Fondation Hardt, Pierre Ducrey, kamen acht geladene Forscher zusammen: Sie fungierten jeweils als Experten für einen Bereich aus den Disziplinen der Literaturwissenschaft, Archäologie und Alten Geschichte sowie aus den verschiedenen Epochen der Antike und führten so verschiedene Blickwinkel auf das Thema Nacht zusammen.

Abb. 1: Das Hauptgebäude der Fondation Hardt (alle Fotos: M.-C. v. Lehsten).

Abb. 2: Blick auf das Gewächshaus (links) und die Orangerie, in der die Vorträge und Diskussionen stattfanden.

Neben der ausgesuchten Zusammensetzung des Kreises der aktiven Teilnehmer, die eine hohe Qualität des wissenschaftlichen Austausches garantiert, besteht die Besonderheit der entretiens der Fondation Hardt auch im räumlichen und organisatorischen Umfeld: Die eingeladenen Forscher werden fast eine Woche lang gemeinsam in dem malerischen Anwesen der Fondation (s. Abb. 1 und 2) beherbergt und beköstigt und können zudem die stiftungseigene Bibliothek (s. Abb. 3) nutzen; das Format der Konferenz bietet mit je einer Stunde Vortragszeit sowie ebenfalls einer Stunde Diskussionszeit pro Beitrag die Gelegenheit zur intensiven und tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der Materie. Großzügige Pausen zwischen den Vorträgen ermöglichen zudem einen ausführlichen persönlichen Austausch der Wissenschaftler und Gasthörer.

Abb.3: Impression aus der Bibliothek der Fondation Hardt.

Einer der Ausgangspunkte der Betrachtungen zur Nacht war ihr Verständnis als sog. marked time – als eine Zeit, die mit einer bestimmten Bedeutung aufgeladen ist und deren Nennung daher immer zugleich ein bestimmtes Set an Vorstellungen evoziert. Als Schlüsselwort für eine grundlegende Funktion der Nacht, deren Auswirkungen sich in literarischen Darstellungen ebenso wie in der historischen Lebenswelt widerspiegeln, fiel dabei bspw. häufig der Begriff enhancer of emotions. Vor diesem Hintergrund loteten die Forscher ganz unterschiedliche Felder aus, in denen Nacht eine Rolle spielt.

Vornehmlich im Bereich der Literatur bewegten sich Renate Schlesier (FU Berlin), Koen de Temmerman (Ghent University) und Sergio Casali (Università degli Studi di Roma "Tor Vergata"), die sich der Bedeutung der Nacht bei Sappho und im antiken Roman sowie der Verarbeitung der Nachthandlung von Ilias 10 (der "Dolonie") im römischen Epos widmeten; in der Domäne der bildlichen Darstellungen erörterte Ioannis Mylonopoulos (Columbia University) das weitgehende Fehlen von Abbildungen der Nacht und die auffällige Brutalität in der Darstellung von Nachtszenen auf griechischen Vasen.
Während die vorgenannten Beiträge sich mit künstlerischen Nachtdarstellungen und daher notwendigerweise mit Nachtkonzepten beschäftigten, versuchte Angelos Chaniotis (Institute for Advanced Study, Princeton) seine Analyse von ebendiesen möglichst freizumachen und zeichnete Veränderungen des realen Nachtlebens in der Zeit des Hellenismus nach. Untersuchungen zum Bereich der historischen Nachtgestaltung präsentierten auch Andrew Wilson (University of Oxford) und Leslie Dossey (Loyola University Chicago), die beide einen Schwerpunkt auf das Phänomen der Straßenbeleuchtung legten, jedoch in unterschiedlichen Zeiten und kulturellen Kontexten.
Vinciane Pirenne-Delforge (F.R.S.-FNRS – Université de Liège) und Filippo Carlà-Uhink (PH Heidelberg) bewegten sich mit ihren Vorträgen zu Kulten und Riten, die entweder mit der Nacht als Gottheit verbunden waren oder aber in der Nacht stattfanden, auf der Schnittstelle von literarischen und historischen Fragestellungen.

Im Ganzen bot die Fondation Hardt eine in allen Bereichen gelungene Konferenz in einer ausgesprochen familiären und produktiven Atmosphäre. Hervorzuheben ist auch, dass eine ausgiebige Erörterung der Thematik der Nacht in fast allen Bereichen der Antike schon lange ein Desiderat ist und die Konferenz sowie der entstehende Sammelband vermutlich (oder zumindest hoffentlich) eine größere forscherische Aktivität in diesem Bereich anstoßen werden, die auch mir mit meinem Projekt zur Nacht in der archaisch-klassischen griechischen Literatur sehr willkommen ist. Doch schon jetzt konnte ich eine Vielzahl von Anregungen mitnehmen und einen guten Überblick über die aktuellen Forschungstendenzen zum Thema erhalten. Ich danke daher der Fondation Hardt für die Organisation dieser beeindruckenden und bereichernden Konferenz, die Möglichkeit der Teilnahme als Gasthörerin und die freundliche Betreuung, sowie dem Graduiertenkolleg 1876 für die großzügige Finanzierung meines Aufenthaltes in Genf.

Mittwoch, 2. August 2017

49. Ständige Ägyptologenkonferenz (SÄK) in Göttingen, 14.-16. Juli 2017

Ein Beitrag von Victoria Altmann-Wendling.

Vom 14. bis 16. Juli 2017 fand an der Georg-August-Universität zu Göttingen die diesjährige, 49. Ständige Ägyptologenkonferenz statt. Sie trug gemäß der Ausrichtung des dortigen Seminars für Ägyptologie und Koptologie, dessen Gründung dieses Jahr sein 150. Jubiläum feiert, den Titel "'Steininschrift und Bibelwort' – Religiöse Texte aus Ägypten in ihrem kulturellen Umfeld". Das Zitat, das aus dem Titel eines Werks Heinrich Brugschs, dem Begründer des Lehrstuhls, stammt, verweist auf das breite Spektrum der Vorträge, das neben klassisch ägyptischen Texten auch zahlreiche christliche sowie rezeptionsgeschichtliche Themen umfasste.
 
Den Anfang der im Zentralen Hörsaalgebäude stattfindenden Veranstaltung machten jedoch traditionsgemäß zahlreiche Begrüßungsredner, unter denen besonders seine Exzellenz Bischof Anba Damian, dem Diözesenbischof von Norddeutschland als Vertreter der Koptisch-Orthodoxen Kirche einen bleibenden Eindruck hinterließ. In seiner Rede plädierte er eindringlich für ein friedliches Miteinander von Christen und Muslimen, nicht nur, aber speziell in Ägypten, in dem dieses Jahr bereits mehrfach koptische Christen dem islamischen Terror zum Opfer gefallen sind. Zudem betonte er die große Bedeutung der ägyptologischen Forschung für das moderne ägyptische Volk, dessen Geschichte damit erforscht und auf eine zeitlich weit zurückreichende Basis gestellt werde, wofür er sich mit warmen Worten stellvertretend bei den anwesenden Ägyptologen bedankte.
 
Die Berichte aus den Institutionen wurden diesmal in fester Form mittels kleiner Kurzvorträge vorgestellt, was jedoch die Redezeit – bis auf einige Ausnahmen – nicht verkürzte und so ein paar Stunden in Anspruch nahm. Das tat dem anschließenden Empfang im selben Gebäude jedoch keinen Abbruch. Manche ließen den Tag später bei einem doch überraschend großen Schnitzel ausklingen (Abb. 1).
 
Abb. 1: Schnitzel in einer der gemütlichen Kneipen der Göttinger Altstadt (Foto: S. Gerhards).
 
Der Samstag begann am Vormittag mit einigen Key-Note-Sprechern, deren Themen von den Pyramidentexten (Antonio J. Morales) über hieratische religiöse Texte (Joachim F. Quack) bis hin zu christlichen und islamischen Texten reichten. Dabei standen insbesondere Fragen der Überlieferung und der Rezeption im Fokus. Morales betonte, dass der monumentalisierten Aufzeichnung der Pyramidentexte bereits eine lange Phase der oralen Überlieferung sowie der Kanonisierung auf anderen Schriftträgern (Stelen, Papyri) vorausgehe. Quack zeigte, dass nur wenige nicht-funeräre religiöse Texte aus Siedlungen bekannt sind, was jedoch auch auf Erhaltungszufällen beruhen kann und es daher schwer sei, Aussagen zur Entwicklung und Überlieferung dieser Texte und damit zu einer historischen Geistesgeschichte zu treffen.
 
Am Nachmittag begann das in zwei Sektionen aufgeteilte Programm, wobei sich ein Teil klassisch ägyptischen Texten widmete, während die zweite Sektion entweder biblische Texte oder Rezeptionsgeschichte wie etwa im Rahmen der Freimaurerei (Florian Ebeling) behandelte; ein weiterer interessanter Beitrag war der Vortrag des Ägyptologen und Wissenschaftshistorikers Thomas Gertzen, der über "Judentum und Konfession in der Geschichte der deutschsprachigen Ägyptologie" referierte.
 
Abb. 2: Vortrag von Victoria Altmann-Wendling (Foto: S. Gerhards).
 
Für das Graduiertenkolleg ist mein eigener Vortrag zu nennen, der die "Metaphorik und Symbolik des Mondes in den religiösen Texten des griechisch-römischen Ägyptens" behandelte (Abb. 2). Darin stellte ich einerseits die als theoretischer Hintergrund dienende Metapherntheorie vor und präsentierte andererseits ausgewählte Beispiele für die in meiner Dissertation herausgearbeiteten Konzepte vom Mond. Wie erwartet erhielt ich u.a. Rückmeldung von der Jun.-Prof. des Göttinger Instituts, Camilla Di Biase-Dyson, die sich selbst in zahlreichen Arbeiten mit dem Metaphernbegriff auseinandergesetzt hat (Fn. 1). Sie wies mich darauf hin, nicht nur die unterschiedlichen Personifikationen und Epitheta des Mondes als Metaphern aufzufassen, sondern auch in den übrigen Verbformen nach metaphorischen Ausdrücken zu suchen.
 
Bevor der Festvortrag begann, war noch ein wenig Zeit, sich die schöne kleine Stadt Göttingen anzusehen, neben Fachwerk-, aber auch Jugendstilhäusern durfte natürlich der berühmte Gänseliesel-Brunnen nicht fehlen (Abb. 3-4)!
 
Abb. 3: Jugendstiltür in Göttingen (Foto: A. Rickert).

Abb. 4: Victoria Altmann-Wendling vor dem Gänseliesel-Brunnen (Foto: A. Rickert).
 
Der Festvortrag der Historikerin Suzanne L. Marchand von der Louisiana State University, der in der Aula am Wilhelmsplatz stattfand (Abb. 5) trug den Titel "Herodot und die ägyptischen Priester: Eine Rezeptionsgeschichte". Dabei begab sich Marchand auf eine wissenschaftshistorische Spurensuche zur Wahrnehmung und Einordnung Herodots Ägyptenbeschreibungen in der frühen Neuzeit und Moderne. Sie kam zu den Schluss, dass seine "Beobachtungen" in Bezug auf die ägyptischen Priester als falsch abgelehnt, aber auch als richtig gefeiert wurden, je nach politischer Ausrichtung oder Aussage, die von einem Forschenden in einem bestimmten Kontext betont werden sollte. Eine generelle Ablehnung Herodots Beschreibungen konnte nicht nachgewiesen werden.
 
Abb. 5: Suzanne Marchand in der Aula der Universität Göttingen (Foto: S. Gerhards).
 
Bei Klavierklängen des Pianisten Stanislav Boianov und dem französischen Buffet konnte im Festsaal der Alten Mensa auch dieser Tag seinen gebührenden Abschluss finden.
 
Am Sonntag fanden wie üblich die Berichte aus archäologischen und anderen Forschungseinrichtungen ihren Platz. Neu war jedoch ein Vortrag der DFG, den Christoph Kümmel und Dietrich Raue bestritten, in dem sie über Ziele, Abläufe und Möglichkeiten des DFG-Fachkollegiums "Alte Kulturen" informierten. Dabei ermunterten sie insbesondere die Wissenschaftler unter 40, einen eigenen Antrag zu wagen.
 
Abschließend wurde der Ort der nächsten SÄK bekannt gegeben: Sie findet vom 13.-15. Juli 2018 in Münster zum Thema "Kulturen in Kontakt. Altägypten und seine Nachbarn" statt.


Fußnote:
[1] Z.B. C. Di Biase-Dyson, Metaphor, in: J. Stauder-Porchet/A. Stauder/W. Wendrich (Hrsg.), UCLA Encyclopedia of Egyptology, Los Angeles 2017 (https://escholarship.org/uc/item/4z62d3nn); C. Di Biase-Dyson, Wege und Abwege: zu den Metaphern in der ramessidischen Weisheitsliteratur, in: ZÄS 143, 2016, 22-33. 

Freitag, 21. Juli 2017

Vorstellung des Dissertationsprojekts von Marie-Charlotte von Lehsten: "Die Rolle der Nacht in der archaischen und klassischen griechischen Literatur"

Ein Beitrag von Mirna Kjorveziroska. 

Am 6. Juli 2017 hat Marie-Charlotte von Lehsten im Rahmen der Plenumssitzung des GRKs vor dem Trägerkreis und den Kollegiatinnen und Kollegiaten einen Einblick in ihr Dissertationsprojekt "Die Rolle der Nacht in der archaischen und klassischen griechischen Literatur" geboten und einen Prospekt präsentiert, welche Fragen, die sich in der bisherigen Arbeit herauskristallisiert haben, beantwortet werden sollen, sowie welche Deutungskonturen, die sich bei den ersten Begegnungen mit dem Thema abgezeichnet haben, durch weitere Analysen zu vollständigen interpretatorischen Gebilden auszuformen sind.

Textkorpus und lexikalische Kodierung der Nacht 

Zunächst wurden die chronologischen und gattungstypologischen Grundkoordinaten des Textkorpus präzisiert, das sich über den Zeitraum vom 8. bis zum 5. Jh. v. Chr. erstreckt und poetische Texte von Homer bis zur attischen Tragödie sowie Prosaformate wie die Texte der klassischen Historiker umfasst. Des Weiteren wurde das lexikalische Spektrum vorgestellt, mit welchen Signifikanten die Nacht im Griechischen referentialisiert werden kann. Dabei war eine Absenz von lexikalischen Varianten und konkurrierenden Synonymen festzustellen, da nur das Femininum νύξ als herkömmliche Nachtbezeichnung zur Verfügung steht. Eine seltene Alternative stellt das Lexem εὐφρόνη dar, was u.U. als ein sprachlicher Verharmlosungsversuch zu deuten ist, das Erschreckende und das Bedrohliche der Nacht durch die Verwendung eines positiven Begriffs zu neutralisieren (zu deuten etwa als 'die Wohlwollende / fröhlich Machende'). Eine Subdifferenzierung konnte an den Nachtabschnitten bzw. an den liminalen Phasen aufgezeigt werden, die die Nacht zäsurieren und ihre Kontaktstellen mit dem Tag markieren: Lexikalisch unterschieden wird zwischen ἕσπερος/ἑσπέρα ('Abend'), ὄρθρος ('Morgengrauen'), und ἠώς/ἕως ('Morgenröte'). Analysiert werden müssen allerdings auch zahlreiche Textpassagen, die lexikalisch nicht ausgezeichnet sind bzw. das Substantiv νύξ nicht explizit enthalten, sondern in denen die Nacht assoziativ aktualisiert wird, durch Erwähnung von Ereignissen oder Handlungen, die man mit der Nacht verbindet. Eine solche Assoziationsumschrift der Nacht ist beispielsweise im Epos das kollektive Schlafengehen.

Die Absenz expliziter Nachtbeschreibungen und ihre Kompensation

Ebenso wenig wie auf die Vorkommnisse des Substantivs νύξ ließe sich Marie-Charlotte von Lehstens Untersuchung auf detaillierte descriptiones der Nacht beschränken. Eine Möglichkeit, die Seltenheit expliziter Nachtbeschreibungen im Textkorpus zu plausibilisieren, sieht von Lehsten in deren routinierter Präsenz: Die Nacht als eine allgemein bekannte, in einem konstanten Rhythmus immer wieder zu beobachtende Erscheinung verfügt nicht über die Aura des Einmaligen, Exotischen und Exklusiven, sodass dieser Status einer habituellen Selbstverständlichkeit jegliche deskriptiven Aufwände blockiert. Dem diskursiven Defizit ist dadurch beizukommen, dass auch all jene narrativen Konstellationen ausgewertet werden, die als Nachthandlungen kodiert sind oder in denen die Nacht lediglich als eine zeitliche Referenz, als ein temporaler Vektor figuriert. 


 Definitorische vs. konnotative Konzepte von Nacht

Marie-Charlotte von Lehsten hat zwei Kategorien vorgestellt, die eine binäre Klassifikation ihrer Fragestellungen ermöglichen. So oszillieren die zu eruierenden definitorischen Konzepte von Nacht um die Frage 'Was ist Nacht?' und sollen Wesensmerkmale, grundlegende Prädikationen dieses Naturphänomens zusammenbündeln. Zentral ist dabei, ob die Nacht nur ex negativo, als Abwesenheit von Licht, oder als eine Entität sui generis aufgefasst wird. Es wird jedoch nicht der Anspruch erhoben, eine einheitliche, kohärente, allgemein gültige Antwort in emphatischer Ausschließlichkeit aus den verschiedenen Texten herauszudestillieren. Intendiert wird vielmehr ein Vergleich verschiedener definitorischer Sedimente, die als Panorama erfasst und in ihren Synergien oder Rivalitäten beschrieben werden. Die konnotativen Konzepte gehen ihrerseits von folgendem Fragekatalog aus: 'Wie wird die Nacht wahrgenommen?'; 'Was wird mit der Nacht assoziiert?'; 'Welche Emotionen werden mit der Nacht verbunden?'; 'Welche Arten von Handlungen kommen in der Nacht vor?'; 'Wie unterscheiden sich die Nachthandlungen von ihren Analoga tagsüber?'. Auch hier wurde darauf hingewiesen, dass die Konnotate keinen invariablen Fundus bilden, sondern gattungsspezifisch und kontextsensitiv sind: So stehen etwa in den Tragödien die erotischen Semantiken, Liebe und Sexualität – entgegen dem intuitiven modernen Verständnis – regelmäßig außerhalb des Assoziationsradius der Nacht. Marie-Charlotte von Lehsten hat zudem betont, dass es sich in erster Linie um heuristische Kategorien handelt: Bei der praktischen Applizierung auf konkrete Textpassagen können nicht alle Erkenntnisse strikt nur der definitorischen oder der konnotativen Formation des hier entwickelten methodischen Substrats zugeordnet werden und es ist mit zahlreichen Interferenzen zu rechnen.

An einem Beispiel aus dem pseudo-euripideischen Rhesos (V. 285–289) wurde die abundante Konnotierung der Nacht als Zeit der Transgression illustriert. In einer Unterhaltung zwischen Hektor und einem Boten, der von Rhesosʼ nächtlicher Ankunft mit einem großen Heer berichtet, wird retrospektiv die Angst der Anwesenden geschildert, die Rhesosʼ Einmarsch als eine feindliche Aktion eingestuft haben. Im Modus einer kollektiven Deutung wird demonstriert, wie eine Handlung durch die Verabsolutierung des temporalen Bezugsrahmens bzw. nur aufgrund des Zeitindex Nacht, ohne Berücksichtigung anderer situativer Kriterien, als militärische Bedrohung, als Subversionsakt klassifiziert wird.


Allerdings hat Marie-Charlotte von Lehsten keine ausschließliche Prävalenz der negativen Lesarten postuliert, sondern deutlich gemacht, dass die Nacht auch positive Konnotate absorbieren kann. Auf die exponierten Gefahrsemantiken antithetisch beziehbar ist beispielsweise eine Textpassage aus der Ilias, wo der Nacht eine Schutzfunktion attribuiert wird: Hypnos, der Schlaf, evoziert einen früheren Konflikt mit Zeus, bei dem Zeus ihn aus dem Himmel verstoßen hätte, hätte ihn nicht Nyx, die Nacht, in Schutz genommen. Durch diese Angst vor dem eruptiven Zorn des höchsten Gottes exkulpiert Hypnos den Ungehorsam gegenüber Hera, die mit seiner Hilfe Zeusʼ Wachsamkeit manipulieren will. An Hypnosʼ formulierter Begründung für den abgelehnten Auftrag ließ sich darüber hinaus auch eine Inszenierung der Nacht als einer Autoritätsinstanz im griechischen Pantheon beobachten, wobei infolge dieser Machtkonzentration selbst Zeus eine Konfrontation mit ihr vermeidet. Das ist wiederum mit der Rolle der Nacht im mythologischen Stammbaum kongruent, wo sie mit hohem Alter prämiert wird bzw. eine der ersten Positionen in den genealogischen Götterphantasien einnimmt.

Fragen und Anregungen: Der Potentialis der Dissertation

Sollte man die Choreographie der Plenumssitzungen mit grammatischer Terminologie beschreiben, würde sich folgende Skizze ergeben: Während die Vorträge der jüngsten Generation im Graduiertenkolleg die morphologische Signatur des Futurs tragen und zahlreiche Fragen und Ansätze katalogisieren, denen man in den nächsten Arbeitsstadien nachgehen wird, kommen in der anschließenden Diskussion diverse Vorschläge zur Sprache, die möglicherweise in die Dissertation implementiert werden könnten und vorläufig als Potentialis festgehalten werden. Eine Anregung betraf beispielsweise die Eruierung der Affinitäten zwischen der Nacht und bestimmten Räumen, die als Schauplätze für nächtliche Handlungen favorisiert werden, wodurch stabile Chronotopoi herauszuarbeiten wären, an denen die Nacht partizipiert. Marie-Charlotte von Lehsten hat diese Fragestellung mit der transgressiven Funktion der Nacht in Korrelation gebracht und erklärt, dass der Nexus zwischen Nacht und Raum dahingehend zu definieren ist, dass nachts viele Räume zugänglicher werden bzw. dass die Nacht als Katalysator unter anderem für topographische Grenzüberschreitungen fungiert. Ferner wurde eine Öffnung des Textkorpus auch auf das Corpus Hippocraticum hin suggeriert, um die Auswirkungen der Nacht auf Körperfunktionen und Krankheitsbilder zu bestimmen. Ein anderer Vorschlag bezog sich auf die Berücksichtigung von Irregularitäten im Tag-Nacht-Wechsel, die sich etwa als Sonnenfinsternis manifestieren.